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10. Juni 2019, 12:38 Uhr

Grünenfraktionschef Hofreiter

Der Schattenmann

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Rekordergebnisse, Umfragehoch, Kanzlerkandidatendebatte: Die neuen Grünen um die Parteichefs Habeck und Baerbock haben einen Lauf. Altgediente Grüne wie Anton Hofreiter sehen den Höhenflug auch als Folge der Schwäche anderer Parteien.

Sie sind allgegenwärtig, die Grünen. Vom "Stern"-Titelbild blickt Robert Habeck mit Dreitagebart und der Zeile: "Unser nächster Kanzler?" Die "Zeit" titelt: "Ist Grün jetzt die Hoffnung?" Und die linksalternative "taz" setzt nach dem Grünen-Erfolg bei der Europawahl (20,5 Prozent) auf Ironie: "Grüne nur Zweite".

So schaut sie aus, die schöne, neue grüne Welt im Frühsommer 2019. Alles glänzt, es kann scheinbar nur aufwärts gehen, manche Umfragen sehen die Partei schon vor der Union. Als Nächstes werden die Grünen die Kanzlerkandidatenfrage klären müssen.

Die einstige Nischenpartei ist jetzt der "Hauptgegner" (CSU-Chef Markus Söder) für die Unionsparteien. Mehr als eine Million früherer gutbürgerlicher Unionswähler sind bei der Europawahl zu den besserbürgerlichen Grünen abgewandert.

Das grüne Milieu wird zur Minderheit in der grünen Partei. Je erfolgreicher die Grünen werden, desto einsamer wirkt ihr Fraktionschef im Bundestag. Vor der Bundestagswahl 2017 bewarb sich Anton Hofreiter um die Spitzenkandidatur seiner Partei. Er verlor deutlich. Hofreiter wirkt wie eine seltene Spezies unter den Erfolgsgrünen der Gegenwart. Lange Haare, Bart, rustikale Rhetorik, links. Im Schatten des Superstars Habeck.

Der letzte wahre Öko.

In den vergangenen Tagen hat der 49-Jährige den zögerlichen Kohleausstieg der Regierung kritisiert, er hat die aus seiner Sicht schleppenden Fortschritte beim Klimaschutz bedauert und schädliches Nitrat im Grundwasser verdammt. Hofreiter macht das, was er immer gemacht hat: urgrüne Oppositionsarbeit.

Wer ist dieser Mann, der seit sechs Jahren an der Spitze der Fraktion steht? Und warum hält sich der Nörgler in der Führungsriege einer neuerdings stets gut gelaunten Wohlfühlpartei?

Ende April, gut vier Wochen vor dem großen Wahlerfolg, ist Hofreiter auf "Nationalparktour". Parks in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen hat er schon besucht, an diesem Tag ist er im Bayerischen Wald. Heimspiel für den gebürtigen Münchner. Für die Wanderung zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man einen schönen Blick auf den Großen Arber hat, sind zwei Stunden eingeplant. Hofreiter und seine Gruppe aus vor allem grünen Mitstreitern brauchen eine. Der Fraktionschef drängt hinauf.

Hofreiter sei zäh, sagen Parteifreunde

Hofreiter kann aufbrausend sein. Er hält sich nicht zurück. Im Bundestag ist er ein gefürchteter Zwischenrufer. Wo Parteichef Habeck sanftmütig erscheint, wirkt Hofreiter rau. Das stört ihn nicht. Er will sich für die Politik nicht verbiegen müssen, sagt er.

Im Regionalexpress in Bayern sitzt Hofreiter mit einer kleinen Entourage im Sechserabteil, schaut aus dem Fenster. "Die Stürme nehmen zu", sagt die bayerische Landtagsabgeordnete Rosi Steinberger, als sie an umgestürzten jungen Birken vorbeifahren. "Die Stürme nehmen dauernd zu", sagt Hofreiter. "Aber Birken san zaach." Birken sind zäh. Parteifreunde sagen das auch über Hofreiter. Er halte viel aus, sei mutig.

Irgendwann im Spätsommer oder Herbst, möglicherweise zwischen den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wird es Wahlen zur Fraktionsspitze geben. Zweifel daran, dass er wiedergewählt werden könnte, hegt Hofreiter kaum. "Man ist nie unersetzbar, wir haben viele gute Leute, bisher kenne ich aber keine Gegenkandidaten."

Warum eigentlich nicht? Vielleicht weil eine Gegenkandidatur Streit bedeuten könnte. Streit passt nicht mehr zum Image der neuen Grünen. Kämen neue Fraktionschefs ins Amt, sie würden womöglich in einem nächsten Schritt gegen Habeck und Baerbock um die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl antreten. Hofreiter und seine Co-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt dagegen haben wohl keine Ambitionen mehr in diese Richtung.

Auch wenn sie völlig unterschiedliche Typen sind - von Hofreiter wird man kein schlechtes Wort über Habeck hören. Das Verhältnis zwischen Partei- und Fraktionsspitze wirkt besser als zu Zeiten von Cem Özdemir und Simone Peter. Klar, es läuft ja auch, aber es wirkt auch so, als sei Hofreiter nicht unglücklich darüber, dass vor allem Habeck und Baerbock nun unter verstärkter öffentlicher Beobachtung stehen.

Nur der große Hype, die Umfragerekorde, das kommt ihm bisweilen schon ein wenig unheimlich vor. In der Europawahlnacht räumte er ein, dass die Grünen auch von der Schwäche der anderen profitierten. "Es wäre albern, das zu bestreiten."

Für Hofreiter gibt es Alternativen zur Politik. Er wurde ja erst im Alter von 36 Jahren Berufspolitiker. Vorher war er Wissenschaftler, Biologe. Aus der Zeit erzählt er gern. Wie er als Forschungsreisender durch die Wälder Südamerikas wanderte und die Bomarea, die meist als Kletterpflanze wächst, suchte.

In Hofreiters Doktorarbeit findet sich ein Bild von ihm bei der Feldarbeit in Peru. Er sitzt neben einem Zelt und sieht etwas an, das er in den Händen hält. Seine Haare waren damals noch länger, sie reichten weit über seine Schulter. Es gibt viele Geschichten aus dieser Zeit. Wie er sich den Knöchel und das Wadenbein brach, und danach mit einem Bus nach Lima reisen musste, um sich behandeln zu lassen. Wie er mit einem Gewehr bedroht wurde.

Klimakrise, Artensterben, Demokratiekrise

Warum macht er Politik? "Es ist ein gängiges Vorurteil, dass Politiker Macht nur um der Macht willen wollten. Ich halte das für Zynismus", sagt er. Er wolle politische Realitäten verändern.

Er habe keine Angst, aber er sei besorgt. Ihn sorgen, und zwar in der Reihenfolge, erstens die Klimakrise, zweitens das Artensterben und drittens die Krise der Demokratie.

"Es steht im Moment, wenn die Naturwissenschaft sich nicht völlig irrt, und ich habe nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sie sich völlig irrt, einfach unglaublich viel auf dem Spiel", sagt er. Die Menschheit sei gerade dabei, das Zeitfenster zu verspielen, das ihr noch bliebe, um die eigenen Lebensgrundlagen zu retten. "Darum geht's."

Auch deswegen sei er auf Nationalparktour. Er wolle zeigen, dass die Menschen es selbst in der Hand haben, wie sie ihre Umwelt gestalten.

Als 16-Jähriger trat Hofreiter bei den Grünen ein, 1986 war das. Es war die Zeit der großen Demonstrationen von Wackersdorf, Ende März nahmen das erste Mal über hunderttausend Menschen teil. Dann die Katastrophe von Tschernobyl.

Bei einer Demo, erzählt Hofreiter, sei eine ältere Bäuerin mit einem Eimer voller Steine vorbeigekommen und habe gesagt, die bringe sie jetzt nach vorn, zum Schmeißen. "Das war schon heftig, bei so was habe ich nicht mitgemacht." Geprügelt hat Hofreiter sich angeblich nie. "Ich war für friedlichen Protest."

Bei der Wanderung im Bayerischen Wald hat Hofreiter Tempo gemacht. Am Abend ist noch eine Podiumsdiskussion angesetzt, Hofreiter muss den Zug erwischen. Hin und her schwingt er beim Gehen den Regenschirm, den er dabei hat. Seine Mitarbeiterin geht hinter ihm. "Fast hättest du mich erwischt!", ruft sie in gespielter Entrüstung und nimmt Hofreiter den Schirm weg.

Er lacht, endlich einmal lacht er, dreht sich um und legt den Arm um sie. "Ach, Steffi", sagt er.

Für einen kurzen Moment wirkt er richtiggehend gelöst, dort im Wald.

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