ARD-Doku Neonazi-Terror im Kiez - eine Frau wehrt sich

Die Berlinerin Christiane Schott hat sich gegen NPD-Wahlwerbung gewehrt - das blieb nicht ohne Folgen. Ihr Haus wurde beschmiert, Fensterscheiben eingeworfen. Eine ARD-Dokumentation zeigt, wie sich die Frau gegen die Rechtsextremisten zur Wehr setzt.

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Berlin/Hamburg - Christiane Schott führt seit Jahren einen Kampf gegen die "schleichende Angst". Dieser beginnt, als im September 2011 drei Rechtsextremisten NPD-Werbung in Schotts Briefkasten einwerfen wollen. Die Frau bemerkt die Aktion, verbittet sich das.

Das Haus der Familie im Westen Berlins, im Stadtteil Britz, wird nach dem Vorfall mehrfach Ziel von Anschlägen: Fensterscheiben werden eingeworfen, die Haustür beschädigt, Wände beschmiert - einmal sogar der Briefkasten gesprengt. Die Familie steht zwischenzeitlich unter Polizeischutz. Die beiden Töchter von Schott wollen lieber wegziehen. Doch bei ihr schlägt Angst in Wut und Empörung um, die Sozialarbeiterin beginnt, sich zu wehren.

Die RBB-Reporter Jo Goll und Torsten Mandalka begleiten die Berlinerin bei ihrem Kampf gegen die Neonazis. Entstanden ist die 30-minütige ARD-Dokumentation "Terror im Kiez - Neonazis in Berlin". Ein beklemmender Film - auch vor dem Hintergrund eines neuen NPD-Verbotsverfahrens, über das die Innenminister Ende des Monats einmal mehr beraten wollen. Bedauernswert ist, dass die ARD den Film an diesem Mittwoch erst um 23.30 Uhr ausstrahlt.

Prügelei im Wahlkampf

Die Autoren zeigen die Verwandlung einer Frau, die aus Angst zunächst nur anonym sprechen will, im Herbst 2012 aber mutiger wird und offen vor die Kamera tritt.

Christiane Schott konfrontiert bei einer Gerichtsverhandlung einen der mutmaßlichen Täter, einen jungen Rechtsextremisten, vorbestraft. Schott lässt nicht locker, sie geht auf Veranstaltungen der Rechtsextremisten. Spricht sogar auf der Bühne einer NPD-Versammlung, bei der auch der Bundesvizechef Udo Pastörs auftritt. Der tut die Vorwürfe als "irgendwelche heulsusenartig vorgebrachten Beschwerden" ab. Warum tut sich die Berlinerin das an? "Um die Angst zu relativieren. Ich möchte, dass die das hören - von mir direkt", sagt sie.

Die Berlinerin stellt auch den Berliner NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke zur Rede, will wissen, warum die Rechtsextremisten ihr Nein zu der NPD-Wahlwerbung nicht akzeptieren, ihre Familie bedrohen. Der Funktionär, der vom Landesverfassungsschutz als langjährig aktiver Neonazi bezeichnet wird, gibt sich seriös: Seine Partei halte "generell nichts von gewalttätigen Aktionen". Es sei nicht bewiesen, dass NPD-Aktivisten die Täter waren. Er wolle sich bei der Dame "allerherzenstiefst" entschuldigen, sagt Schmidtke den RBB-Autoren.

Es klingt makaber. Was Schmidtke von Gewaltlosigkeit hält, zeigt eine andere Szene des Films. Im Januar 2013 prügelt der NPD-Funktionär mit einem Regenschirm auf einen Gegendemonstranten bei einer Wahlveranstaltung der rechtsextremen Partei im niedersächsischen Lingen ein. Er beruft sich danach in einer schriftlichen Erklärung auf Notwehr beziehungsweise Notfall.

Verbindungen zum Nationalen Widerstand Berlin

Die Reporter dokumentieren weitere Angriffe Berliner Neonazis auf Parteibüros und die SPD-nahe Jugendorganisation Falken in Neukölln. Monatelang haben sie in der rechtsextremen Szene recherchiert. Dabei stoßen sie auf Verbindungen zwischen dem NW-Berlin, dem sogenannten Nationalen Widerstand Berlin, nach Recherchen der Reporter ein Bündnis gewaltbereiter Rechtsextremisten, und der NPD. Bianca Klose von der Initiative "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus" spricht von "erheblichen Überschneidungen innerhalb des Nationalen Widerstands mit der NPD".

In diesem Zusammenhang finden die Reporter immer wieder auch den Namen des Landeschefs Schmidtke - dieser steht als Verantwortlicher auf Flyern des Nationalen Widerstands Berlin, er taucht auf der mittlerweile abgeschalteten Webseite auf. Doch Schmidtke streitet jegliche Verbindungen ab.

Nach Angaben der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus" sind die möglichen Täter, die für die Angriffe in Berlin verantwortlich sein können, an zwei Händen abzuzählen. Doch Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln bis heute.

Schott lässt sich nicht entmutigen. In den vergangenen Monaten haben die Rechtsextremisten ihr Haus in Ruhe gelassen. Und in Schotts Stadtteil protestieren Bewohner mittlerweile gegen den rechtsextremistischen Terror, gegen Pöbeleien und Anschläge. Sie entfernen Hakenkreuze, SS-Runen und andere Schmierereien. Auch eine Lichterkette haben sie veranstaltet - Schott ist nicht mehr allein.


"Terror im Kiez. Neonazis in Berlin", Mittwoch, 23.30 Uhr, ARD

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