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19. September 2016, 12:23 Uhr

Öffentlich-rechtliches Gebührenfernsehen

Sklaven? Welche Sklaven?

Eine Kolumne von

Alle erregen sich über Beckenbauers Scheinheiligkeit. Warum redet niemand über die Finanziers der Scheinheiligkeit? ARD und ZDF stützen mit Gebührenmillionen die korruptesten Organisationen der Welt.

Trinkt man bei ARD und ZDF Fair-Trade-Kaffee? Ich gehe fest davon aus. Gerechtere Arbeitsbedingungen in der dritten Welt sind ein Thema, das bei den Öffentlich-Rechtlichen hoch im Kurs steht. So wie der Kampf gegen Korruption, Kinderarbeit und alle Erscheinungsformen des modernen Sklavenhandels. Ich habe den Überblick verloren, wie oft sie bei "Panorama" über die Arbeitsbedingungen beim Textildiscounter KiK berichtet haben, weil KiK seine Jeans und T-Shirts in Bangladesch produzieren lässt.

Trinken auch die Intendanten bei ARD und ZDF Fair Trade? Vermutlich. Schauen sie das politische Programm, das ihre Leute senden? Schon schwerer zu sagen. Jedenfalls ziehen sie daraus keine Konsequenzen, wenn es darum geht, sicherzustellen, dass mit denen ihnen anvertrauten Gebührengeldern nicht Korruption und Sklavenarbeit belohnt werden.

Vier Wochen ist es her, dass in Rio die Olympischen Sommerspiele zu Ende gingen. Es waren die lausigsten Spiele, die es je gegeben hat. Jedes Mal, wenn IOC-Chef Thomas Bach das Wort "Fair Play" in den Mund nahm, bogen sich die Herren im Kreml vor Lachen. Die trotz Staatsdoping zugelassenen Sportskanonen sammelten ihre Medaillen ein. Dafür war die russische Läuferin von den Wettkämpfen ausgeschlossen, die den Dopingskandal ans Licht gebracht hatte. Bei der Mafia nennt man das "die Leiche im Hof". Das Symbol versteht jeder.

Aber was schert die deutschen Intendanten der Skandal von gestern: Kaum ist der Vorhang in Rio gefallen, geht das Bietergefecht für Tokio los. Für 1,3 Milliarden Euro hat sich der amerikanische Fernsehsender Discovery die europäischen Übertragungsrechte gesichert. Für die Sublizenznehmer wird es nicht billig, das lässt sich schon jetzt sagen, schließlich will Discovery beim Weiterverkauf ja auch noch etwas verdienen.

Der Kauf von Sportrechten durch die Öffentlich-Rechtlichen ist seit Langem ein Ärgernis. Wie viel genau die Rundfunkanstalten dafür ausgeben, dass sie im Zweijahreswechsel erst die Olympischen Spiele und dann die Fußballweltmeisterschaft übertragen, ist nicht zu erfahren. Diese Zahlen werden wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Es ist in jedem Fall so viel, dass an anderer Stelle im Programm gespart werden muss, um den Sportzirkus zu finanzieren.

Welche ist die korruptere Organisation: das IOC oder die Fifa?

Bis heute sind die Ermittler in Rio mit den juristischen Aufräumarbeiten beschäftigt. IOC-Chef Bach zieht es vor, Brasilien nicht mehr zu betreten. Nicht einmal zu den Paralympics mochte er erscheinen. Es heißt, dass ihn der Staatsanwalt gerne als Zeugen zu seiner Rolle beim illegalen Tickethandel befragen würde. Das erspart sich Bach lieber.

Man kann sich aussuchen, wen man für die korruptere Organisation von beiden hält: das IOC oder die Fifa. Ich bin sicher, nach dem Erfolg von "Narcos" überlegen sie bei Netflix, ob sie nicht demnächst das Treiben bei den Sportkartellen ins Fernsehen bringen. Blatter, Platini, Havelange und jetzt Beckenbauer - den Cast hat man schon mal zusammen.

Jedes Unternehmen beschäftigt heute eine Compliance-Abteilung, die darauf achtet, dass es ethisch einwandfrei zugeht. Wehe, ein Unternehmen wird erwischt, dass es in Rüstungsgüter investiert oder andere anrüchige Geschäfte. In den Intendantenetagen in Mainz und Köln denken sie gerade darüber nach, wie viele frische Millionen sie dem Sportapparat zuschieben können. Wie soll man das also nennen, was ARD und ZDF treiben: Beihilfe zur Korruption durch Ignoranz?

Bei der Auswahl der Geschäftspartner etwas sorgfältiger verfahren

Ich habe den Kollegen Thomas Darnstädt zu Rate gezogen, der einer der schlauesten Juristen ist, die ich kenne. Wir waren uns einig, dass Organisationen, die in den Rang eines Verfassungsorgans erhoben wurden, in besonderer Weise an die Werteordnung des Grundgesetzes gebunden sind. Das Verfassungsgericht hat die Rundfunkanstalten mit Befugnissen ausgestattet, die ansonsten nur Finanzämter haben. Sollte man da nicht erwarten dürfen, dass sie bei der Auswahl der Geschäftspartner etwas sorgfältiger verfahren?

Im Staatsvertrag über den Norddeutschen Rundfunk steht folgender Passus, Ähnliches findet sich in den Statuten aller öffentlich-rechtlichen Sender: "Der NDR hat in seinen Programmen die Würde des Menschen zu achten und zu schützen. Er soll dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit zu stärken und sich für die Erhaltung von Natur und Umwelt einzusetzen. Das Programm des NDR soll die internationale Verständigung fördern, für die Friedenssicherung und den Minderheitenschutz eintreten, die Gleichstellung von Frau und Mann unterstützen und zur sozialen Gerechtigkeit beitragen."

Ich arbeite aus gutem Grund nicht beim NDR. Ich würde vermutlich bei einer Institution, bei der die Friedenssicherung zentrales Programmziel ist, nicht lange durchhalten. Aber ich lebe auch nicht von Zwangsgebühren. Im November 2022 wird die Fußballweltmeisterschaft in Katar eröffnet. Beim Bau der Stadien dürften bis dahin so viele indische Arbeitssklaven vom Gerüst gefallen sein, dass man mit ihren Gebeinen die Ausfahrtstraßen bis nach Abu Dhabi pflastern kann.

Vor drei Jahren hat der Franz mal wieder in Katar vorbeigeschaut. "Also ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen, die laufen alle frei rum", sagte Beckenbauer nach seinem Besuch. Was vom Wort des Franzl zu halten ist, wissen wir inzwischen. Bei ARD und ZDF glaubt man ihm aufs Wort.

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