Gedenk-Gottesdienst Gauck spricht klar von Völkermord an den Armeniern

In der Debatte um das Schicksal der Armenier wagt sich Joachim Gauck weiter vor als Regierung und Parlament. Der Bundespräsident sprach bei einer Gedenkveranstaltung von Völkermord - und erinnerte an die deutsche Mitschuld.
Gedenk-Gottesdienst: Gauck spricht klar von Völkermord an den Armeniern

Gedenk-Gottesdienst: Gauck spricht klar von Völkermord an den Armeniern

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Der Termin war mit Spannung erwartet worden. Würde der Bundespräsident während des Gottesdienstes im Berliner Dom deutliche Worte zum Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren finden? Würde er die Taten des damaligen Osmanischen Reiches gar als Völkermord bezeichnen?

Joachim Gauck war der Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Deutschen Bischofskonferenz, der Armenischen Apostolischen Kirche und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen gefolgt. Allein diese Tatsache war bereits ein Signal - trug der ökumenische Gottesdienst doch in seiner Ankündigung die klare Botschaft vom "Völkermord an Armeniern, Aramäern, Assyrern und Pontos-Griechen".

Schon zuvor hatte es in der Koalition geheißen: Das Staatsoberhaupt würde deutlich werden. Und Gauck wurde es am Donnerstagabend im Berliner Dom gleich an drei Stellen seiner Rede. Zunächst wiederholte er wortgetreu jene Passage, auf die sich nach längerem Ringen in einem Antrag CDU/CSU und SPD geeinigt hatten und die am Freitag im Bundestag beraten wird. "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist", sagte Gauck.

An zwei weiteren Stellen nahm er den Gedanken auf und variierte ihn auf seine eigene Art: Im Osmanischen Reich habe sich "eine genozidale Dynamik" entwickelt, der das armenische Volk zum Opfer gefallen sei.

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Völkermord an Armeniern: Gedenken und Mahnen

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In einer dritten Passage ging er auch auf die Mitschuld des Deutsches Reiches ein, im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Osmanischen Reiches. Auch die Deutschen müssten sich insgesamt "noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht".

Man befinde sich mitten in einer notwendigen Debatte darüber, welche Bezeichnung für das Geschehen vor 100 Jahren am angemessensten sei. "Achten wir aber darauf, dass sich diese Debatte nicht auf Differenzen über einen Begriff reduziert. Es geht vor allem darum - und sei es nach 100 Jahren - die planvolle Vernichtung eines Volkes in ihrer ganzen schrecklichen Wirklichkeit zu erkennen, zu beklagen und zu betrauern. Sonst verlieren wir den Kompass für unsere Orientierung und die Achtung vor uns selbst", so der Bundespräsident.

Hitler solle nicht Recht behalten

Es seien deutsche Militärs gewesen, die an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt gewesen seien. "Hinweise von deutschen Beobachtern und Diplomaten, die im Vorgehen gegen die Armenier den Vernichtungswillen genau erkannten, wurden übergangen und ignoriert. Denn das Deutsche Reich wollte die Beziehungen zum osmanischen Verbündeten nicht gefährden", so Gauck.

Der Völkermord an den Armeniern diente auch als Vorbild für die Vernichtungspläne der Nazis. Der Bundespräsident erinnerte an den Einsatzbefehl vom 22. August 1939, den Adolf Hitler seinen Oberbefehlshabern vor dem Überfall auf Polen erklärte. Er habe dabei angewiesen, "mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken" und in Erwartung eines kollektiven Desinteresses mit der rhetorisch gemeinten Frage geschlossen: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?"

Mit deutlichen Worten rief Gauck im Dom aus: "Wir reden davon! Wir!" Noch heute, 100 Jahre später, tue man dies ganz bewusst, damit Hitler nicht Recht behalte und damit kein Diktator, kein Gewaltherrscher und niemand, der ethnische Säuberungen für legitim halte, erwarten könne, dass man seine Taten ignoriere oder vergesse, so der Bundespräsident.

Indirekt in Richtung Türkei sagte er, man setze niemanden, der heute lebe, auf die Anklagebank. Die Täter von einst lebten nicht mehr und ihren Kindern und Kindeskindern sei jene Schuld nicht anzulasten. "Was die Nachfahren der Opfer aber zu recht erwarten dürfen, ist die Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld", so Gauck.

Deutlich wurden auch die Kirchenvertreter. Landesbischof Heinrich Bedford Strohm, EKD-Ratsvorsitzender, sprach in seinen Eingangsworten den Völkermord, aber auch die Verantwortung der Kirchen an. Man dürfe nicht verschweigen, dass evangelische Kirchenleitungen und Missionsgesellschaften vor einhundert Jahren genau Bescheid wussten, dass sie aber dennoch wegschauten und untätig blieben.

Kardinal Reinhard Marx erinnerte in seiner Predigt daran, dass immer mehr Staaten, politische und religiöse Führer in aller Welt diese Ereignisse inzwischen als Völkermord bezeichneten. Er erwähnte die Worte des Papstes, der jüngst für diplomatische Verstimmungen mit der Türkei gesorgt hatte. Ankara räumt die Massaker zwar ein, lehnt aber den Begriff des Völkermords ab. Und reagiert gereizt - aus Österreich wurde diese Woche der Botschafter abgezogen, nachdem das dortige Parlament vom Völkermord gesprochen hatte.

Bundesregierung vermeidet das V-Wort

Der Auftritt Gaucks im Berliner Dom stand am Ende einer turbulenten Woche. Bis heute vermeidet die Bundesregierung das V-Wort aus Rücksicht gegenüber Ankara. Noch am vergangenen Sonntag hatte es zwischen Kanzleramt, Auswärtigem Amt und Bundespräsidialamt eilige Telefonate wegen der Armenien-Frage gegeben. Dabei war klar geworden, dass sich Gauck weitaus deutlicher als die Bundesregierung vorwagen würde. Das Auswärtige Amt sprach danach diplomatisch davon, im Sinne der neuen Formulierung habe es "Impulse" des Bundespräsidenten gegeben.

Im Antrag der Koalitionsfraktionen, der am Freitag im Bundestag beraten wird, fand man schließlich eine Kompromissformel, die Gauck gleich zu Beginn seiner Rede im Berliner Dom verlas. Und über die er dann doch hinausging - indem er in seinem Absatz über deutsche Mitschuld klar vom "Völkermord an den Armeniern" sprach.

Für seine Rede gab es am Ende Applaus im vollbesetzten Dom, unter ihnen viele Armenier. Und draußen, im frühlingshaften Abendhimmel, standen einige Hundert junge Armenier, mit Kerzen, Fahnen und Transparenten. Auf denen der Appell stand, den Völkermord nicht zu vergessen.

Völkermord an den Armeniern