Armin Laschet beim politischen Aschermittwoch Der Anti-Merz

In der sauerländischen Provinz trat Armin Laschet zum politischen Aschermittwoch an. Im Vergleich zu seinem Rivalen Merz gilt er als soft - doch hier zeigte er, dass er eine skeptische Menge begeistern kann.
Aus Kirchveischede berichtet Lukas Eberle
Laschet am Aschermittwoch: "Ich will nicht lange über die Weltlage reden"

Laschet am Aschermittwoch: "Ich will nicht lange über die Weltlage reden"

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Wer wissen möchte, wie es mit der CDU und vielleicht auch mit Deutschland weitergeht, muss in ein Örtchen im Sauerland fahren, das nicht mal 1000 Einwohner hat. Es ist ein Ort, dessen Name auf Anhieb kaum auszusprechen ist: Kirchveischede. Es gibt dort ein paar Fachwerkhäuser und viele Trecker.

Und eine Schützenhalle, in der an diesem Mittwochabend die nordrhein-westfälische CDU zu ihrem politischen Aschermittwoch zusammenkommt. Die NRW-CDU ist der größte und mächtigste Landesverband der Partei. Nach Kirchveischede sind Christdemokraten gekommen, die großen Einfluss haben werden auf die Frage, wohin die Reise für die CDU in den kommenden Jahren geht.

Es ist kurz nach 17 Uhr, Armin Laschet tritt in die Schützenhalle, sein Einzug wird von einer Blaskapelle begleitet. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident geht durch die Tischreihen, schüttelt Hände von Menschen mit weißem Haupthaar. Willkommen bei der CDU im Jahr 2020.

Seit Montag ist klar, dass die CDU die Chef-Frage auf einem Sonderparteitag am 25. April in Berlin klären möchte. Seit Dienstag ist auch endgültig klar, wer ins Rennen um den Vorsitz geht: Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen. Gesundheitsminister Jens Spahn verzichtet auf eine Kandidatur, er tritt stattdessen lieber im Team mit Laschet an und möchte dessen Stellvertreter werden.

Die CDU im Westen ließ sich noch nie auf Linie bringen

In der CDU ist ein offener Machtkampf um die Führung ausgebrochen. Es geht jetzt um Profile und Profilierungen, das Wort "Richtungsentscheidung" ist wohl eines der meistgebrauchten in diesen Tagen. So unterschiedlich die Protagonisten und das, wofür sie stehen, auch sein mögen, eines eint sie alle vier: Sie kommen aus Nordrhein-Westfalen, aus demselben Landesverband, demselben Stall.

Von den gut 400.000 CDU-Mitgliedern kommen 122.000 aus NRW. Auf den CDU-Parteitagen gibt es traditionell 1001 Delegierte, aus Nordrhein-Westfalen stammen rund 300. Wer gewinnen will, braucht NRW. Das ist die gute Nachricht für die Kandidaten: Schafft es jemand, diesen einen Landesverband hinter sich zu bekommen, hat er die besten Chancen, das Rennen zu machen.

Die weniger gute Nachricht ist: Das Vorhaben könnte schwierig werden. Die CDU im Westen ließ sich noch nie auf eine Linie bringen, je nach Region sind die Strömungen verschieden. Stark vereinfacht kann man sagen: Es gibt christlich-soziale und liberale Säulen im Rheinland, wo Laschet und Röttgen herkommen. Und konservative Säulen im Münsterland, wo Spahn seine Wurzeln hat, und im Sauerland, der Heimat von Merz. 

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Die CDU in Nordrhein-Westfalen war immer ein heterogener Haufen, kann das jemand ändern?   

Die besten Chancen, das zu schaffen, hat derzeit Laschet. In Kirchveischede hat er seinen ersten öffentlichen Auftritt, nachdem er seine Kandidatur angekündigt hat. Es ist kein Heimspiel für ihn, im Publikum sitzen viele Merz-Fans. Der Applaus ist erst mal verhalten, als Laschet auf die Bühne kommt. In seiner Rede erzählt er von seinem Vater, der den Weltkrieg erlebt habe. "Wir müssen wieder mehr miteinander reden, die Älteren mit den Jüngeren", sagt Laschet. Es wird schnell klar, wie er den großen Bogen schlagen möchte: Es gehe darum, sagt er, die Dinge zusammenzuhalten, dem anderen wieder zuzuhören, Argumente anzuerkennen und am Ende zu entscheiden.

Laschet surft durch die Themen, spricht über Thüringen ("der Parlamentarismus wurde lächerlich gemacht"), über den syrischen Bürgerkrieg ("die Welt ist fragiler als je zuvor in den vergangenen Jahren"), die Bonpflicht ("die Leute, die sich so etwas einfallen lassen, sind verrückt geworden") und die Grünen ("die reden nicht mal mehr über Politik, die reden lieber über den Dreitagebart von Robert Habeck").  

Laschet inszeniert sich als Teamplayer und Integrationskünstler

Seit 2012 führt Laschet den Landesverband in Nordrhein-Westfalen. Damals verlor Norbert Röttgen krachend die Landtagswahl, seitdem hat er kaum mehr Fürsprecher in seinem Heimatverband. Laschet machte es besser, er gewann die Landtagswahl 2017 und führt seitdem eine einigermaßen stabile Regierung in Düsseldorf, zusammen mit der FDP. Man betont gern, dass man sachorientiert arbeite und keine Konflikte auf Kosten des Koalitionspartners anzetteln würde. Man nennt sich "NRW-Koalition", was als Gegenmodell zur GroKo in Berlin und den vielen Streitereien dort verstanden werden soll.

In Düsseldorf, sagt Laschet oft, habe man noch Freude am Regieren. Es gebe viele unterschiedliche Charaktere und Interessen, trotzdem sei man sich immer einig im Ziel. Laschet inszeniert sich als Teamplayer, als Integrationskünstler, der jetzt sogar seinen langjährigen Rivalen Spahn eingebunden hat. Spahn hatte seinen Landeschef in der Vergangenheit immer wieder mit Alleingängen auf Parteitagen blamiert. Schwamm drüber, heißt es jetzt. Das Motto: Wir haben Spaß, niemand wird außen vor gelassen. So soll, geht es nach Laschet, das Narrativ sein.  

Auf der Bühne in Kirchveischede lässt er sich auch nur zu zarten Angriffen auf seine Gegner um den Parteivorsitz hinreißen. Im Hinblick auf Merz und sein Versprechen, die Zahl der AfD-Wähler zu halbieren, sagt Laschet: "Ja, das ist schön gesagt, aber wie macht man das? Das macht man, indem man den Menschen zeigt, welche Chancen sie haben auf gute Arbeitsplätze, welche Chancen ihre Kinder haben." So eben, wie er es als Ministerpräsident gerade mache. Das ist Laschets Strategie im Wahlkampf: Er ist der, der schon regiert, er stellt sich als Macher hin, als Praktiker.

"In dem Wettbewerb um den Parteivorsitz", sagt er, "werden wir viele Theorien erörtern. Ich dagegen will es einfach machen. Ich will nicht lange über die Weltlage reden, ich will Bürokratie abbauen, Investoren anlocken, Recht durchsetzen, Bildungschancen verbessern, Inklusion möglich machen. Einfach machen." Nach 40 Minuten ist Laschet fertig, es gibt lange Applaus, das Publikum steht jetzt.

Am Dienstagmorgen um 8 Uhr hatten Laschet und Spahn gemeinsam den nordrhein-westfälischen Landesvorstand über ihre Pläne informiert. Es gab eine Telefonkonferenz. Teilnehmer berichten, dass alle die Kandidatur als "starkes Signal" und als "goldrichtig" gelobt hätten. Niemand habe sich gegen Laschet und Spahn gestellt, zumindest nicht offen.

Selbst jene Vorstandsmitglieder nicht, denen eine enge Verbindung zu Merz nachgesagt werde. Eine Person aus dem Landesvorstand erzählt, wie entsetzt sie später von der Pressekonferenz von Merz gewesen sei: "Er sagte: 'Ich spiele auf Sieg.' Aber man spielt nicht mit einer Partei. Und es darf in einer Volkspartei auch keine Richtungsentscheidungen geben, weil das bedeutet, dass ein Teil der Partei nicht berücksichtigt wird. Es gibt in der CDU gerade die große Sehnsucht nach Geschlossenheit."

Man kann erahnen, wo die Frontlinien in der Partei verlaufen, wenn man sich in der Schützenhalle mit CDU-Mitgliedern unterhält, mit der Basis. An einem Tisch sitzen zwei Herren über 60, der eine ist für Laschet, der andere für Merz. "Die Partei kann sich nicht über einen Flügel definieren, alle Komponenten müssen zusammengebracht werden, die Gesellschaft ist doch sowieso schon voll auf Konfrontationskurs", sagt der Laschet-Unterstützer. Sein Nebensitzer schüttelt den Kopf: "Merz spricht wie das Volk, er spricht uns aus dem Mund. Und am Ende muss eben einer der Chef sein, sonst enden wir noch wie die SPD."

Ein paar Meter weiter steht Armin Laschet vor der Blaskapelle. In der Hand hat er einen Taktstock und dirigiert die Blaskapelle. Alle sollen ja schließlich Spaß haben.   

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