Barbara Hans

Politische Inszenierung So isser, der Laschet. Wirklich?

Barbara Hans
Eine Analyse von Barbara Hans
Eine Analyse von Barbara Hans
Die Union wird nun von einem Mann geführt, der Merkels Erfolgsrezept kopiert: Vertrauen als Programm, die eigene Durchschnittlichkeit als Marke. Kann das gelingen?
Armin Laschet bei seiner Bewerbungsrede um den CDU-Vorsitz, 16. Januar 2021

Armin Laschet bei seiner Bewerbungsrede um den CDU-Vorsitz, 16. Januar 2021

Foto: Steffen Boettcher / laif

Er hätte auch sagen können: »Sie kennen mich.« So wie Angela Merkel am Ende des TV-Duells gegen Peer Steinbrück im Wahlkampf 2013. Armin Laschet wählte beim Unionsparteitag an diesem Samstag andere Worte, die Aussage aber war dieselbe: »Ich bin vielleicht nicht der Mann der perfekten Inszenierung, aber ich bin Armin Laschet.« Aha, denkt man. Und fragt sich: Hat er das seiner Frau Susanne beim Abendbrot gesagt oder tatsächlich in der Berliner Messehalle?

So einen Satz muss man sich leisten können, er kommt bescheiden daher, selbstkritisch, ehrlich – und doch ist er enorm voraussetzungsreich. Wie ist er denn, dieser Armin Laschet, fragt man sich. Und selbst wer das nicht beantworten kann (und das sind vermutlich ziemlich viele), der gewinnt den Eindruck: Perfekt isser offenbar nicht, der Laschet, aber authentisch. Das wiederum ist nicht das Gegenteil von Inszenierung, es ist die Perfektionierung der Inszenierung. Sie dient vor allem einem Zweck: Vertrauen zu generieren.

Merkel hat dieses Image kultiviert: die Sachpolitikerin, uneitel und pragmatisch. Ausgerechnet Merkel, die ihr Privatleben anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder stets aus der Öffentlichkeit hielt, sagte 2013: Sie kennen mich. Es war ein Satz, der über den Moment hinauswies und ihre Kanzlerschaft prägte. Wie kann man Angela Merkel kennen?  Es ist das Paradox der Merkelschen Inszenierung: dass sie immer so daherkommt, als sei sie das Gegenteil einer solchen. Auch Bodenständigkeit will sorgsam dargestellt werden. In einer Homestory berichtete die »Bunte« einst darüber, dass Merkel Kartoffelsuppe mag und Gartenarbeit. Banal, egal? Keineswegs. Nur eine Inszenierung, die nicht als solche daherkommt, taugt dazu, Vertrauen zu generieren.

Authentizität braucht den Anschein von Bodenhaftung (»ein Mann/eine Frau wie du und ich«), erzeugt durch wohldosierte private Äußerungen, vor allem über Krisen, Fehler und Fehlbarkeiten. »Self-disclosure« nennt die Wahrnehmungspsychologie das. Verkürzt gesagt: Wenn wir Vertrauen gewinnen wollen, dann müssen wir etwas von uns preisgeben. Wenige Attribute oder Anekdoten reichen aus, es geht nicht um wortreiche Selbstoffenbarungen, im Gegenteil.

Von dem Politiker als Menschen wird auf den Politiker als Politiker geschlossen. Das ist einfachste Wahrnehmungstheorie: Die Menschen verallgemeinern von dem, was sie wissen (wie wenig das auch sein mag), auf das, was sie nicht wissen. Und sie können die Alltagstauglichkeit eines Politikers meist ohnehin besser beurteilen als seine Fachkompetenz.

Authentizität verstärkt das Vertrauen, sie lenkt den Blick von den Nebensächlichkeiten (der Darstellung) auf die scheinbar wirklich wichtigen Dinge (die Inhalte). So ist sie ein Versprechen für die Zukunft: Die Energie Laschets wandert nicht in den vermeintlich guten Eindruck, den Schein, sondern fließt vollends in die Sache. Das allzu Perfekte, Glatte, Schöne offenbart die Absicht der Inszenierung: besonders vorteilhaft auszusehen auf einem Foto, besonders eloquent zu reden, die Pointen sorgsam zu streuen, eine bestimmte Wirkung erzeugen zu wollen. Vor allem eine positive.

Doch auch Authentizität muss dargestellt werden, sie ist nie einfach nur da. Authentizität macht Arbeit; sie zu verkörpern braucht ein gutes Gespür für die eigene Person (oder gute Berater) und eine realistische Einschätzung der Stimmungen im Land. Die Belohnung sind krisenresistente Vertrauenswerte und Spitzenplätze in Meinungsumfragen. Wer es einmal geschafft hat, dort zu landen, hat sich Beinfreiheit erarbeitet. Unter dem Verweis auf das lapidare »so ist er halt« regiert es sich leichter.

Die Gefahren lauern auf dem Weg dorthin. Zu radikale Imagewechsel, wie sie Jens Spahn und auch Markus Söder unternommen haben im Versuch, auf Krawall Mainstreamtauglichkeit folgen zu lassen, machen angreifbar. Es gibt zu viele Bilder, Zitate, Anekdoten, die immer wieder aus der Schublade gekramt werden können. Authentizität hat viel mit Stimmigkeit zu tun, mit Verlässlichkeit, und sie verträgt nur ein Quäntchen Läuterung. Denn die Läuterung impliziert: Hier kann auch einer ganz anders. Und wer weiß schon, wann das Ungestüme, Kalkulierte, Selbstbezogene sich das nächste Mal Bahn bricht? Mit wem hat man es denn nun zu tun, wie ist denn der Söder wirklich, wie tickt der wahre Spahn? Der Krawallbruder muss mehr tun, um glaubwürdig den Versöhner zu geben, als der gläubige Katholik.

Voraussetzung und Erfolgsbedingung dieser Inszenierung von Privatheit ist, dass die Inszenierungsabsicht in den Hintergrund tritt. Laschets Satz ist daher schlau. Er suggeriert: Fanfareneinzüge, perfekt gesetzte Lichtkegel, optimierte Sprachmelodie – all das müssen wir gar nicht erst von ihm erwarten. Jeder, der in den kommenden Monaten moniert, Laschet sei blass, tölpelhaft, kein großer Lenker, dem kann die Union getrost entgegenhalten: Hat auch keiner je behauptet. Wusste jeder, was er kriegt.

Keine Ausbrüche, keine Polarisierung um der Polarisierung willen, keine Wundertüte. Sie kennen mich, ich bin Armin Laschet. Als authentisch gilt derjenige, der eben nicht versucht, perfekt zu sein, sondern den Makel zur Marke erklärt. Der das Unperfekte nicht eliminiert, sondern kultiviert; als Ausrufezeichen hinter der eigenen Persönlichkeit. Patzer? Nicht peinlich, sondern menschlich. Das schafft Vertrauen, denn es kann bewertet werden. Anders als komplexe politische Inhalte. Der Spitzenpolitiker ist dann eben keine Person in unerreichbarer Distanz, sondern einer von uns. So die Botschaft. Allein: Tief zu stapeln gelingt nur dann erfolgreich, wenn oben wirklich was zu holen ist. Sonst wird aus unterschätzt schnell unterlegen.

Merz hat auch diese Chance vermasselt: Ein Mann aus dem Volk ist man nicht, weil man es lautstark aus dem Privatjet brüllt. Sondern nur dann, wenn die Menschen es auch so empfinden. Öffentlich eingestandene Schwäche ist dafür förderlich. Die Beanspruchung eines Ministerpostens unmittelbar nach der Wahlniederlage eher nicht.

Was eine Gesellschaft als authentisch begreift, ist kulturell und historisch sehr verschieden. Was vor wenigen Jahren noch cool war, kann schon heute völlig unangemessen erscheinen. Eine Inszenierung muss in die Zeit passen, in die gesellschaftliche Verfassung, will sie nicht irritieren. Es verläuft ein schmaler Grat zwischen Stimmigkeit, Erwartbarkeit – und Irrelevanz. Wer mit den Umständen verschmilzt wie das Chamäleon mit der Wand, der ist mindestens konturlos und schlimmstenfalls unsichtbar. Politiker, die zu angepasst sind, machen sich überflüssig. Vertrauen erleichtert das Regieren, Vertrauensseligkeit hingegen erstickt jede politische Debatte. Sie ist nicht nur langweilig, sondern brandgefährlich.

Die Inszenierung von Authentizität ist paradox: Der Politiker soll gleichzeitig durchschnittlich sein und überdurchschnittlich. Er soll so sein wie alle anderen, nur eben besser als alle anderen, weil er sie repräsentiert. Und da die Zukunft stets eine Wette ist, hilft Vertrauen – den Wähler umhüllt das Gefühl der Erwartbarkeit wie eine warme Decke in unsicheren Zeiten. Wenn schon die Gesamtsituation so fordernd ist – Populisten europäische Debatten prägen, Corona die Intensivstationen an den Rand des Kollaps bringt, ein Mob das Kapitol stürmt – dann ist vielleicht die Zeit reif für einen Mann, dessen Botschaft schon »sie kennen mich« lautet, bevor er überhaupt als Kanzlerkandidat nominiert worden ist. Das kann man beruhigend finden. Oder beängstigend.