Laschets Wahlkampftour in Israel Perfektes Timing

Armin Laschet hat mit einer Reise nach Israel den Wahlkampf um den CDU-Vorsitz eröffnet. Der Trip gibt ihm die Gelegenheit, ein kleines bisschen Kanzler zu üben. Und gegen seine Konkurrenten zu sticheln.
Aus Jerusalem berichtet Lukas Eberle
Armin Laschet beim Handschag mit Israels Staatspräsident Reuven Rivlin: Der NRW-Ministerpräsident und Kandidat für den CDU-Vorsitz kämpft gegen sein Image als Provinzler

Armin Laschet beim Handschag mit Israels Staatspräsident Reuven Rivlin: Der NRW-Ministerpräsident und Kandidat für den CDU-Vorsitz kämpft gegen sein Image als Provinzler

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Ralph Sondermann/ dpa

Es ist noch nicht mal zwölf Uhr an diesem Sonntag in Jerusalem, da hat Armin Laschet schon ein halbes Dutzend Programmpunkte hinter sich. Er war in der Gedenkstätte Yad Vashem, hat sich eine Ausstellung über Nazi-Propaganda zeigen lassen, hat Fotos aus Konzentrationslagern betrachtet, einen Kranz in der Halle der Erinnerung niedergelegt, die Holocaust-Überlebende Berthe Badehi, 87, getroffen und wurde von Israels Staatspräsidenten Reuven Rivlin empfangen.

Das Programm ist voll. Schließlich gilt es für den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen in diesen Tagen viele Signale zu senden.

Laschet ist nach Israel gereist, um in Tel Aviv das neue Büro der Landesregierung einzuweihen. Zumindest lautet so die offizielle Begründung. Am Dienstag verkündete der Ministerpräsident, dass er sich um den CDU-Vorsitz bewirbt. Neben Laschet kandidieren auch Friedrich Merz und Norbert Röttgen, am 25. April wird es auf einem CDU-Sonderparteitag zu einer Kampfabstimmung zwischen den drei Bewerbern kommen. In Israel tritt Laschet deswegen weniger als Büro-Eröffner auf, sondern vor allem als Wahlkämpfer.

Kurzfristig anberaumte Auslandsreise

Eine Auslandsreise, so kurz nach der Verkündung seiner Kandidatur? Reiner Zufall, heißt es aus Laschets Stab. Es gibt eine Delegation, die ihn in Israel begleitet, es sind Vertreter aus Wirtschaft, Gesellschaft und Kirchen. Von dort hört man, dass der Trip ziemlich kurzfristig und innerhalb von wenigen Tagen organisiert worden sei. Also: Wohl eher kein Zufall. Man kann davon ausgehen, dass Laschets Zeitplan an diesem Sonntag anders ausgesehen hätte, wenn er ausschließlich als Ministerpräsident angereist wäre. Und nicht als jemand, der die CDU und bald auch Deutschland führen möchte.

Als Laschet am Vormittag in den Amtssitz des Präsidenten im Jerusalemer Stadtteil Rechavia tritt, wirkt er angespannt. Er knetet sich die Hände, streicht sich Haare und Anzug glatt. Dann kommt Rivlin in den Raum, greift nach Laschets Hand. Man setzt sich an einen Tisch, auf dem die israelische und die deutsche Flagge stehen. Die Nervosität des Gastes war unbegründet, denn es folgen warme Wort des Präsidenten.

Es sei "eine große Freude", sagt Rivlin, "einen der Hauptprotagonisten in Deutschland hier zu haben." Laschet sei "einer der wichtigsten und vielversprechendsten Persönlichkeiten in seiner Partei" und habe "eine interessante Vita." Man verfolge dieselben Ziele, es gehe darum, Antisemitismus, Hass, Faschismus und Rassismus zu bekämpfen.

"Ich schäme mich"

Laschet räuspert sich: "Thank you, Mister President!” Er komme gerade aus Yad Vashem, erzählt Laschet. Die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen rühre immer noch jeden Tag. "Antisemitismus, Rassismus und rechte Gewalt gibt es erneut", sagt Laschet, "und ich schäme mich, dass wir das in Deutschland 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wieder erleben." Er meint die Anschläge von Hanau und Halle. Und den Mord am CDU-Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Beim Treffen mit Rivlin bezieht sich Laschet auf einen Satz, den Angela Merkel 2008 vor der Knesset sagte: Teil der Staatsräson Deutschlands sei es, die Sicherheit Israels zu gewährleisten. Das gelte nach wie vor, sagt Laschet zu Rivlin. "Aber die Staatsräson ist es auch, die Sicherheit von Juden in Deutschland zu garantieren." Man wolle in Israel signalisieren, dass es in Deutschland einen starken Staat gebe, eine starke Zivilgesellschaft, die Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung bekämpfen werde.

Die Reise kommt Laschet gelegen. Sie zeigt den strategischen Vorteil, den er gegenüber seinen Konkurrenten um den CDU-Chefposten hat. Als Ministerpräsident ist Laschet der Einzige im Trio, der Regierungsverantwortung hat. Er kann Staatspräsidenten treffen, bilaterale Gespräche führen, er kann die Freundschaften zwischen Deutschland und anderen Ländern pflegen. Kurzum: Er kann ein kleines bisschen Kanzler üben. 

Daneben ist Laschets Israelbesuch auch die Chance für ihn, einen Rückstand gegenüber Merz und Röttgen aufzuholen. Röttgen ist seit Jahren Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, in Talkshows erklärt er der Republik die Weltlage. Merz war bis vor Kurzem Vorsitzender der Atlantik-Brücke, er versteht es, in seinen Reden das große Rad zu drehen. Dann spricht er über China, die USA und über die globalen Krisenherde. Merz gibt sich als Politiker, der die komplizierte Weltlage versteht, jemand mit Weitsicht, im wahrsten Sinne des Wortes.

Röttgen und Merz gelten als überzeugte Transatlantiker. Laschet gilt bislang vor allem als überzeugter Aachener. Er kämpft gegen das Image des Provinzlers, dem man es nicht zutraut, sich künftig auf der internationalen Bühne gegen komplizierte Charaktere wie Trump, Putin oder Erdogan durchzusetzen. Laschet ist daran gelegen, dieses Bild zu verändern. Das außenpolitische Terrain sei ihm nicht fremd, sagt er. Während der Israelreise erzählt er, dass er in den Neunzigerjahren Bill Clinton im Weißen Haus getroffen habe und später, in seiner Zeit als EU-Parlamentarier, in den palästinensischen Gebieten als Wahlbeobachter im Einsatz gewesen sei.

Während Laschet den Staatspräsidenten trifft, ist Merz zum Schwarzbieranstich in Obertshausen

Laschet verfolgt derzeit genau, was Merz und Röttgen treiben, wo sie auftreten, was sie dabei sagen. Merz war am Wochenende beim Schwarzbieranstich in Obertshausen. Auch das ist eine Frage, auf die Laschet mit seiner Reise die Aufmerksamkeit lenken möchte: Wer bitteschön ist der Provinzler von uns?

Am Sonntagnachmittag besucht Laschet in Tel Aviv das Wohnhaus von Ben Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels. Mit dabei ist auch ein Enkel von Konrad Adenauer, dessen Großvater einst als Kanzler nach dem Zweiten Weltkrieg die Beziehungen zu Israel wiederaufnahm. Jeder Termin ein Zeichen, alles wirkt bedeutungsschwanger. Um Politik, um Inhalte geht es an diesem Tag nicht. Dass Laschet am Abend noch das "Büro des Landes Nordrhein-Westfalen für Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Jugend und Kultur in Israel" einweiht, ist am Ende Nebensache.

Am Montag wird Laschet nach Berlin weiterreisen. In der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße wird er von der Union progressiver Juden in Deutschland den Israel-Jacobson-Preis erhalten. Für seine "Verdienste für das liberale Judentum" und sein "Eintreten gegen Antisemitismus", wie es in der Begründung heißt. 

Perfektes Timing. Das sei reiner Zufall, heißt es aus Laschets Stab. Nur: In Wahlkampfzeiten passiert eher nichts aus Zufall.

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