Laschets Kampf um den CDU-Vorsitz Abwarten und zuschlagen

Schlechte Umfragen, unglückliches Corona-Management: Einiges spricht gegen Armin Laschet als neuen CDU-Chef. Doch er setzt auf eine besondere Taktik, die ihn schon öfter zum Ziel gebracht hat.
Von Lukas Eberle, Düsseldorf
CDU-Politiker Laschet

CDU-Politiker Laschet

Foto: FEDERICO GAMBARINI / AFP

Wenn einer CDU-Chef und Kanzler werden möchte, dann könnte er versuchen, die Leute mit Optimismus und guter Laune von sich zu überzeugen, gerade als Rheinländer. Doch Armin Laschet ist in diesen Zeiten nicht danach. Man konnte das in den vergangenen Monaten ein paar Mal beobachten, zum Beispiel an einem Vormittag im Oktober.  

Der 59-Jährige kommt in sein Büro im nordrhein-westfälischen Landtag, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade einen Autounfall gehabt. Oben, im Plenarsaal, läuft die Haushaltsdebatte. Es ist die Zeit, in der in Deutschland die Zahl der Corona-Infektionen wieder zunimmt. 

Laschet findet die meisten Fragen doof

Die zweite Welle kommt, Laschets Laune ist sowieso schon im Keller, und dann soll er auch noch über das Kandidatenrennen um den CDU-Vorsitz sprechen. 

Wie läuft der Wahlkampf? Was sagt er zu den Umfragen unter den Unionsanhängern? Was hält er von Merz und Röttgen? Und ist Spahn in Wahrheit der Kandidat der Herzen? Tiefes Einatmen, Kopfschütteln, Abwinken.

Laschet findet die meisten Fragen doof, beim Wort »Wahlkampf« verzieht er das Gesicht. Seine Antworten sind kurz, zitieren darf man sie nicht. 

Die Corona-Pandemie und seine Ambitionen auf den CDU-Vorsitz, beides hat sich für Laschet in den vergangenen zehn Monaten unheilvoll übereinandergelegt. Seine Mitbewerber um den CDU-Posten, Friedrich Merz und Norbert Röttgen, konnten in Talkshows und Kreisverbänden entspannt die Weltlage sortieren. Es gab keinen Realitätscheck, dem ihre Worte standhalten mussten. 

Dagegen wurde alles, was Laschet als Ministerpräsident in der Pandemie unternahm oder nicht unternahm, auf seine potenzielle Kanzlertauglichkeit abgeklopft. Das wurmte ihn. Den Auseinandersetzungen mit Merz und Röttgen entzog er sich so weit wie möglich, um sich nicht den Vorwurf einzuhandeln, in der Krise falsche Prioritäten zu setzen.

Allerdings stellte sich irgendwann die Frage, ob er überhaupt noch CDU-Chef werden möchte. Auch bei seinen Konkurrenten verfestigte sich der Eindruck, dass Laschet am liebsten hinschmeißen würde. 

Doch Laschet machte weiter, immer weiter, mitunter eben schlecht gelaunt. Und wenn die Delegierten der CDU auf ihrem Parteitag am kommenden Samstag in einer digitalen Abstimmung den neuen Vorsitzenden wählen, sind Laschets Chancen plötzlich gar nicht so schlecht. 

DER SPIEGEL

»Wir in Düsseldorf haben noch Freude am Regieren«

Vor knapp einem Jahr verkündete Laschet in Berlin seine Kandidatur. Ein paar Tage später stand er auf der Bühne einer voll besetzten Schützenhalle im Sauerland und rief: »Wir in Düsseldorf haben noch Freude am Regieren.« Nach seiner Rede schnappte er sich einen Taktstock und dirigierte eine Blaskapelle. Eine Szene wie aus einer anderen Zeit, wenige Tage später gab es den ersten Corona-Fall in Nordrhein-Westfalen

In der Krise machte Laschet keine gute Figur, es wirkte oft so, als überlege er zu lange, als käme er nicht vor die Lage. Im Herbst machte er den Fehler zu verkünden, dass die Corona-Beschränkungen Ende November aufgehoben werden würden. Im Dezember kam die Sache mit van Laack, dem Modeunternehmen, für das Laschets Sohn arbeitet und das im Frühjahr einen Millionenauftrag für Schutzausrüstung von der Landesregierung erhalten hatte. 

Dazu ständig miese Umfragen.

Röttgen, der zu Beginn als krasser Außenseiter galt, war unter Unionsanhängern zeitweise beliebter als der Ministerpräsident. Selbst die eigenen Reihen konnte Laschet nicht geschlossen halten.

Jens Spahn unterstützt offiziell seine Bewerbung, die zwei bilden ein Tandem, gewinnt Laschet, soll der Bundesgesundheitsminister sein Vize werden. Allerdings gibt es in der CDU seit Monaten eine Debatte darüber, ob ein Rollentausch der beiden nicht besser wäre. Jetzt wurde bekannt, dass Spahn unter CDU-Mitgliedern seine eigenen Chancen auf eine Kanzlerkandidatur sondiert haben soll. Es verfestigt sich der Eindruck, als würde auf dem Tandem nur noch einer strampeln.

Danach gefragt, sagt Laschet über Spahn: »Ich glaube seinem Wort, dass er im Team steht.« Er, Laschet, mache sich da keine Sorgen. So sieht demonstrative Gelassenheit aus. 

Man kann Laschet für kraftlos halten, im Vergleich zu seinen Konkurrenten für zu passiv. Aber genau das könnte sein Vorteil sein. Im Boxen gibt es ein Wort dafür: Nehmerqualitäten. Es ist die Fähigkeit, Schläge einzustecken, ohne zu Boden zu gehen. Bis der Gegner müde ist und der eigene Angriff beginnt. Als Politiker hat Laschet die Kunst des Achselzuckens perfektioniert. Er hat in seiner Karriere schon öfter davon profitiert. 

1998 flog Laschet aus dem Bundestag, 2010 verlor er die Wahl um den Fraktionsvorsitz im nordrhein-westfälischen Landtag und später auch die um den CDU-Landesvorsitz. Seine Ziele erreichte er oft über Umwege oder erst beim zweiten Versuch, er hat sich so etwas wie politische Resilienz angeeignet. 

Nur ein paar Stunden Schlaf

Als es in den Kandidatenrunden mit Merz und Röttgen darum ging, was ihn von seinen Mitbewerbern unterscheide, sprach Laschet von seiner Regierungserfahrung und dem Vorteil, »auch schon mal eine Wahl gewonnen zu haben«. Dazu fällt auf, wie man in Düsseldorf darauf bedacht ist, Laschets Ausdauer zu betonen.  

Zum Jahresbeginn traf er sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen per Videokonferenz mit allen 16 CDU-Landesverbänden, jeder Verband hatte 90 Minuten Zeit mit ihm. Zeitungen berichteten von einem »virtuellen Kraftakt«. In Interviews sprach Laschet zuletzt davon, mit nur ein paar Stunden Schlaf auszukommen. Er habe ein extremes Pensum, heißt es in seinem Umfeld. SMS nachts um zwei Uhr seien keine Seltenheit. Die Botschaft: Laschet macht mal Fehler, wirkt nicht immer souverän, aber er ist fleißig und redlich.

Jemand, der ihm nahesteht, sagt: »Laschet ist der einzige Kandidat, an den schon längst der öffentliche und mediale Maßstab angelegt ist, der nach der Wahl auf den neuen CDU-Vorsitzenden zukommen wird.« Die Pandemie sei »ein Stahlbad« für Laschet, die Delegierten wüssten, dass ein künftiger Vorsitzender die Erfahrung im Umgang damit mitbringen müsse. Es ist der Versuch, die negativen Schlagzeilen der vergangenen Wochen kurz vor der Wahl noch in etwas Positives umzudeuten.  

Was Laschet der CDU inhaltlich anbietet, ist überschaubar. Mit ihm solle es ein Modernisierungsjahrzehnt geben, heißt es. In einem Impulspapier, das er mit Spahn veröffentlicht hat, ist die Rede von einem Digitalministerium, »das seinen Namen verdient«, von der Förderung der Wasserstoffforschung, von »Null-Toleranz« bei Kriminalität und Extremismus. Allerdings wird die Wahl wohl weniger von Inhalten bestimmt und eher von der Frage, ob die CDU mit der Ära Angela Merkels brechen soll, wofür Merz steht, oder nicht, wofür Laschet steht.  

Keiner der drei Kandidaten hat mehr zu verlieren als Laschet. Sollte er nicht CDU-Chef werden, müsste er als beschädigter Ministerpräsident in der Düsseldorfer Staatskanzlei weitermachen. Es ist fraglich, ob er ins warme Nest seiner Landespartei zurückkehren könnte, die sich seit Monaten auf seinen Abschied vorbereitet.

Allerdings ist auch keiner der drei Kandidaten bei einem Sieg näher am Kanzleramt als Laschet. Gewinnt Merz, dürfte sich Markus Söder noch mehr ermutigt fühlen, selbst nach der Kanzlerkandidatur zu greifen.

Gewinnt Laschet, könnte sich Söder auch in der Rolle des Königsmachers gefallen. Als der CSU-Chef vor ein paar Tagen beim digitalen Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen CDU zu Gast war, ließ er ein paar Sätze fallen, die man als Andeutung verstehen kann. 

Söder war aus Nürnberg zugeschaltet. Er sei ja mal Landesvorsitzender der Jungen Union in Bayern gewesen, sagte er in die Kamera. Zusammen mit Nordrhein-Westfalen hätte Bayern damals eine Mehrheit auf dem JU-Deutschlandtag gehabt. »Der gesamte Bundesvorstand wurde in der Regel so gewählt, dass der nordrhein-westfälische und der bayerische Vorsitzende sich getroffen haben und ausgetauscht haben: Wer wird gewählt? Und meistens ist es dann auch so gekommen«, erzählte Söder. 

Und Spahn? Würde sich Söder hinter ihn als Kanzlerkandidaten stellen? Als der Bundesgesundheitsminister zuletzt Kritik wegen der Impfstrategie einstecken musste, sagte Söder, dass es ein »positives Signal« sei, dass Merkel das Thema endlich »zur Chefsache« gemacht habe. Wahrscheinlich verfolgt man im Team Laschet aufmerksam, welche Spannungen zwischen Söder und Spahn entstehen.

Schon vor einiger Zeit soll Laschet über seinen möglichen Aufstieg gesagt haben: »Es kann sein, dass ich am Ende übrig bleibe.«

Das ist seine Taktik: Weiter, immer weiter. Und zum Schluss einfach übrig bleiben.