Philipp Wittrock

Wahlkampf Ein bisschen Gift ist gut

Philipp Wittrock
Ein Kommentar von Philipp Wittrock
Endlich wird es ungemütlich, auch im TV-Triell: Armin Laschet greift an, Olaf Scholz muss parieren. Für den Wahlkampfendspurt ist das keine schlechte Ausgangslage.
TV-Triell zwischen Baerbock, Scholz, Laschet

TV-Triell zwischen Baerbock, Scholz, Laschet

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CLEMENS BILAN / EPA

Da geht nach 16 Jahren eine Ära zu Ende, die Republik steht vor gewaltigen Veränderungen und Aufgaben – und nun das: Zweitklassige Kandidaten wurschteln sich so durch, warten auf die Patzer des oder der anderen. Echte inhaltliche Debatten? Fehlanzeige.

So war das noch vor zwei, drei Wochen, als sich viele Menschen im Land über den zähen Wahlkampf beklagten.

Nun, die Kandidaten sind immer noch dieselben, Begeisterungsstürme lösen sie auch weiterhin nicht aus. Aber immerhin: Es ist Zug hineingekommen in diese Auseinandersetzung. Und das ist gut so.

DER SPIEGEL

In den verbleibenden zwei Wochen bis zur Wahl besteht so die Chance, dass die Alternativen klarer werden. Die unentschlossene Wählerin, der unentschlossene Wähler kann darauf hoffen, eine Antwort auf ihre oder seine Frage zu erhalten: die oder der oder der?

In der zweiten TV-Debatte erlebte Fernsehdeutschland einige giftige Momente zwischen Armin Laschet und Olaf Scholz. Der Unionskanzlerkandidat steht mit dem Rücken zur Wand, er muss angreifen, und er tat es auch. Sympathien gewinnt man so selten, aber Laschet wird klug genug sein zu wissen, dass es für ihn längst nicht mehr darum geht, Kanzler der Herzen zu werden.

Der CDU-Chef muss dafür sorgen, dass er überhaupt noch eine Chance hat, Kanzler zu werden, er muss retten, was noch zu retten ist, die einst so treue Unionswählerschaft mobilisieren, um vielleicht doch noch vor der SPD zu landen. Oder zumindest nah an ihr dran zu sein.

Bemerkenswert, wie er dafür versucht, sich still und leise, aber mehr und mehr von Angela Merkel abzusetzen. Mehrfach betonte er beim Triell als Replik auf Scholz, zum Beispiel bei der Rente, dass es kein Weiter-so geben dürfe. Die implizite Warnung: Wer die SPD, wer Scholz wählt, bekommt das wahre Merkel-Kontinuum.

Dass die plötzliche Entdeckung des Möchtegern-Aufbruchs nicht so recht zur anderen, zentralen Botschaft des Kandidaten passt (Keine Sorge, es wird sich nicht viel ändern!)? Dass Laschets Union 16 Jahre lang die Regierung angeführt hat? So kleinlich kann der Kandidat angesichts seiner verzweifelten Lage wohl nicht sein. Immerhin, Scholz ist zur Verteidigung gezwungen, kann nicht alles nur an sich abprallen lassen – ohne dass er bisher wirklich aus der Ruhe zu bringen ist.

Positiver Nebeneffekt der neuen Rivalität: Sie sorgt für mehr Klarheit auch in den inhaltlichen Debatten. Wer angreift, kann nicht nur Vorwürfe erheben, er muss auch sagen, was er anders machen will. Bei der Rente, in der Klimapolitik, bei den Steuern, in der Frage nach der Zukunft des Gesundheitssystems, im Kampf gegen explodierende Mieten – in diesem Triell wurden die Unterschiede zwischen den Kandidaten deutlicher als in der letzten Debatte.

Dass das Triell über weite Strecken wie ein Duell wirkte, ist für Annalena Baerbock übrigens keine gute Nachricht. Sicher, zwischen den streitenden Männern aus den aktuellen Regierungsparteien wirkte sie wie die Stimme der Vernunft  und des wahren Wandels. Und natürlich wird die grüne Kanzlerkandidatin am Ende ein gewichtiges Wort mitzureden haben, wie die künftige Regierung aussieht (und am Sonntagabend war deutlich erkennbar, dass sie auf eine Koalition mit der Scholz-SPD setzt).

Die Rolle der Zuschauerin im Infight zwischen Laschet und Scholz lässt aber auch den Schluss zu: Das Kanzleramt ist für Baerbock endgültig außer Reichweite. Die Grünen bräuchten jetzt schon einen massiven Schub in den Umfragen, um die Aufbruchsdynamik, die die Partei unmittelbar nach der Nominierung der Kandidatin zwischenzeitlich die Union überflügeln ließ, neu zu entfachen.

Wahrscheinlicher ist, dass die K-Frage nach dieser Debatte nur noch lautet: der oder der? Scholz oder Laschet?

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