Armuts-Tourismus Zum Betteln nach Berlin

Rumänische Familien kommen als Besucher in die deutsche Hauptstadt und schicken ihre Kinder in die Einkaufsstraßen zum Betteln. Die Geschäftsinhaber sind ungehalten. Mit einem privaten Wachdienst wollen sie die ungeliebten Bittsteller von ihren Schaufenstern vertreiben.

Von Sabine Hoffmann


Kinderbettler in Berlin: Den Behörden sind die Hände gebunden
DDP

Kinderbettler in Berlin: Den Behörden sind die Hände gebunden

Berlin - Die Bettelschicht beginnt um 8.00 Uhr morgens. Mit Pappschildern und Blechdosen ausgerüstet, treffen sich rund ein Dutzend Männer, Frauen und Kinder an der Ecke von Mehringdamm und Yorckstraße in Kreuzberg. Kurz sprechen sie sich ab, dann schwärmen sie auseinander - die Männer immer ein paar Schritte hinterher. An der nächsten Ampel setzen Frauen und Kinder traurige Mienen auf, strecken die Hände aus und bitten Passanten um etwas Kleingeld. Später werden sie die Münzen und Scheine den Männern aushändigen - und weiterziehen, um an der nächsten Ecke wieder um Almosen zu bitten.

Betteln auf Touristenvisum

Die Innenstadt mit Kurfürstendamm, Breitscheidplatz und Tauentzienstraße zählt zu den Lieblingsplätzen der Bettelkolonnen. "Berlin ist die Hauptstadt der Straßenkinder", sagt Ulrike Herpich-Behrens, Leiterin des Berliner Landesjugendamtes, "doch dies ist ein Spezialfall". Denn die meisten der Kinder sind Roma, die mit ihren Eltern per Touristenvisum in die Bundesrepublik eingereist sind, um hier mit dem Mitleid der Leute Geld zu verdienen.

"Seit dem vergangenen Sommer hat die Zahl der bettelnder Kinder massiv zugenommen", sagt die Geschäftsführerin der AG City, Cornelia Priess. Das hat den Unmut der Geschäftsleute hervorgerufen. Vor den Schaufenstern ihrer Geschäfte postieren sich verkrüppelte Kinder. Manchen fehlt ein Arm, andere haben keine Beine. Mit rudernden Armbewegungen rollen sie auf einem Skateboard über den Bürgersteig - und das schreckt Kunden ab. "Die Geschäftsleute fürchten um ihr Image", sagt Priess.

Wie Zami El-Okle. In seinem Laden auf dem Kurfürstendamm verkauft er bunte Ketten, Ledertaschen mit Fransen und Nietengürtel zum Sonderpreis - und das lockt nicht nur Touristen an. Fast täglich kommt ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre alt, schwarze Haare, dunkler Teint. Wenige Meter vom Laden entfernt setzt er sich auf den Boden, einen Pappbecher in den Händen. Manchmal spendiert El-Okle ihm eine Brezel oder ein belegtes Brötchen, das helfe ihm mehr als Bargeld, sagt El-Okle. Denn Geld müsse der Junge sowieso abliefern. Mehrmals täglich schlendert er zur Gedächtniskirche und bringt die erbettelten Euro und Cent einer Gruppe älterer Männer.

Sicherheitsleute auf dem Ku'damm

Nun wollen die Händler einen privaten Wachdienst engagieren, damit auf den Berliner Boulevards künftig keine Kinder mehr betteln. Dieser soll zwischen Kurfürstendamm und Tauentzien auf- und abwandern, zur Abschreckung. Wird weitergebettelt, können auch die Sicherheitsleute wenig machen.

Denn Betteln ist seit 1974 in Deutschland legal. Verboten ist lediglich aggressives Betteln, wenn Passanten beispielsweise am Ärmel gezupft oder bedrängt werden. Wären die Kinder allein, könnte der Kindernotdienst sie aufgreifen. Dies ist aber meistens nicht der Fall, denn Familienangehörige beobachten die Kinder aus einiger Entfernung.

Brasov (Kronstadt) in Rumänien: Mit Touristenvisum zum Betteln nach Deutschland
GMS

Brasov (Kronstadt) in Rumänien: Mit Touristenvisum zum Betteln nach Deutschland

Die Jugendämter können erst eingreifen, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. "Das ist allerdings ein sehr dehnbarer Begriff", sagt Landesjugendamts-Leiterin Herpich-Behrens - die Grenzen seien nicht genau definiert. Es sei unklar, ob beispielsweise dünne Kleidung im Winter bereits das Kindeswohl gefährde. Auch im Berliner Innensenat ist das Bettel-Problem ein Thema. Wie es gelöst werden kann, zeigt die Stadt Bremen. Denn auch hier bettelten rumänische Kinder in der Innenstadt. Anfang der neunziger Jahre waren sie offenbar in Banden organisiert aus Osteuropa gekommen. Um zu verhindern, dass Kinder zum Betteln missbraucht werden, erließ das Landesparlament 1994 ein Gesetz. In Paragraf eins heißt es: "Das Betteln in Begleitung von Kindern oder durch Kinder ist untersagt."

Hamburg: Projekt mit Sinti und Roma

Noch diese Woche will sich Herpich-Behrens mit ihren Bremer Kollegen über einen derartigen Bettel-Paragrafen unterhalten. Denn mit dem hatten die Bremer das Problem schon nach kurzer Zeit gelöst.

Auch in Hamburg und Köln waren die Bettelkinder so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. So startete die Stadt Hamburg 1993 zusammen mit dem Verein Sinti und Roma ein Projekt. Zwei Sozialarbeiter des Vereins seien an verschiedene Plätze in der Innenstadt gefahren, sagt Sozialbehörden-Sprecher Oliver Kleßmann, und hätten sich um die Mütter und Kinder gekümmert. Einige Kinder wurden in Gewahrsam genommen - angeblich zu ihrem eigenen Schutz. Nach wenigen Monaten waren die rumänischen Bettler verschwunden.

Offenbar ziehen die bettelnden Rumänen sofort weiter, wenn die Behörden aktiv werden. So saßen in Köln im vorvergangenen Winter Roma-Frauen mit ihren Kindern auf der Straße. Um Mitleid zu erhaschen, hätten sie sich absichtlich in zugige Ecken rund um den Dom gesetzt, so Klus Völlmecke vom Jugendamt Köln. Zwei Wochen lang streiften Sozialarbeiter und Polizisten von morgens bis abends durch die Innenstadt, um nach bettelnden Müttern und Kindern Ausschau zu halten. Doch als das Projekt startete, waren die schon verschwunden.

Vermutung: Organisiertes Bettler-Netz

"Wir haben keine einzige Frau und auch kein Kind aufgegriffen", sagt Völlmecke. Die rumänischen Bettler hätten von der Aktion Wind bekommen und seien verschwunden, so Völlmeckes Vermutung - wahrscheinlich habe es sich um ein organisiertes Bettler-Netz gehandelt. Auch die Berliner Behörden vermuten, dass die Kinder und Frauen mit ihren Familienclans nach Deutschland eingereist sind und als organisierte Gruppen betteln.

Deshalb scheint es fraglich, ob ein Verbot des Kinderbettelns das Problem auch wirklich behebt. Im Jugendamt Charlottenburg hält man von einer solchen Lösung wenig: Ein Gesetz zu erlassen koste den Steuerzahler nur Geld, schimpft eine Mitarbeiterin und appelliert an die Hartherzigkeit ihrer Mitmenschen: "Die Bürger sollten den Kindern einfach nichts mehr geben." Dann würden die Bettelkinder von ganz alleine wieder aus Berlin verschwinden.



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