Armutsdebatte "Niemand kann bestreiten, dass Kindesmisshandlung asozial ist"

Drastische Worte der Links-Politikerin Christa Müller sorgen für Aufregung in der Armutsdebatte. Familienberatung könne "die Reproduktion des asozialen Milieus" eindämmen, sagt die Frau von Oskar Lafontaine. Die Saar-SPD spricht von einer "menschenverachtenden Entgleisung". Im Interview verteidigt Müller ihre Wortwahl.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Formulierung, ein Frühwarnsystem für Kindesmissbrauch könne "die Reproduktion des asozialen Milieus" in Deutschland eindämmen, sorgt für Wirbel in der aktuellen Armutsdebatte. Vor allem die SPD ist entsetzt über ihre Wortwahl.

Müller: Es geht hier um die Bekämpfung von Kindesmisshandlung und es kann ja wohl kein normal denkender deutscher Bürger bestreiten, dass Kindesmisshandlung asoziales Verhalten darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Wer die Wortwahl kritisiert, verkennt also die Wahrheit?

Müller: Natürlich. Wer im Lexikon nachschlägt, liest: Asoziales Verhalten ist ein Verhalten, das gegen die Gesellschaft, gegen das Zusammenleben gerichtet ist. Meine Formulierung bezieht sich nicht auf bestimmte Einkommensschichten der Gesellschaft, asoziales Verhalten kann es überall geben. Auch viele Manager in Deutschland verhalten sich asozial. Davon abgesehen ist aber nachgewiesen, dass Kindesmisshandlung oft verknüpft ist mit bestimmten sozialen Problemen wie etwa Arbeitslosigkeit, Beziehungsproblemen, ungewollter Elternschaft oder Alkohol- und Drogenmissbrauch. Es geht oft um Familien, die von der Gesellschaft isoliert sind und sich gleichzeitig auch selbst nicht mehr in der Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber sehen.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur der Begriff asozial, auch das kalte Wort von der "Reproduktion" hat die Gemüter erhitzt.

Müller: Ich habe gesagt, es besteht die Gefahr, dass sich die asozialen Milieus reproduzieren. Diese Aussage ist durch die sogenannte Unterschichten-Debatte bestätigt worden. Die Studie, um die es geht, hat doch festgestellt, dass die Menschen, die zu dieser Unterschicht gehören, keine Chance mehr zum Aufstieg sehen. Zudem haben die Pisa-Untersuchungen deutlich gemacht, dass unser Bildungssystem die Chancenungleichheit eher verstärkt als mindert. Insofern gibt es heute nur noch eine geringe Fluktuation zwischen unterschiedlichen Schichten oder Milieus der Gesellschaft. Wenn sozialer Aufstieg fast unmöglich ist, bedeutet das auch, dass bei den betroffenen Menschen die Motivation immer weiter nachlässt. Gesellschaftlicher Aufstieg muss aber in Deutschland wieder möglich werden.

SPIEGEL ONLINE: Wird in der derzeitigen Armutsdiskussion zu viel über Begrifflichkeiten debattiert?

Müller: Indem man den politischen Kampf über Begrifflichkeiten führt, vermeidet man, sich mit dem eigentlichen Thema auseinanderzusetzen. Das ist bedauerlich. es kommt nicht darauf an, wie man das Problem nennt, wichtig ist, dass wir es lösen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen das Problem des Kindesmissbrauchs lösen und Kinder aus gefährdeten Familien herausbekommen.

Müller: Es geht nicht nur darum, Kinder aus nicht funktionierenden Familien herauszuholen. Wir müssen bei den Familien selbst ansetzen und diese in die Lage versetzen, ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen und aus ihrer problematischen Situation herauszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie orientieren sich am Vorbild Finnland und wollen Familienberatungszentren einrichten.

Müller: In Finnland gibt es so was bereits seit 25 Jahren. Hier wird schon vor der Geburt überprüft, in welche Umgebung ein Kind hineingeboren wird und gegebenenfalls versucht, das Umfeld positiv zu verändern. Gibt es Wohnungsprobleme, ist jemand arbeitslos, besteht die Gefahr, dass die Familie mit der Erziehung eines Kindes überfordert ist? Diese Fragen werden vorab geklärt, um den werdenden Eltern zu helfen. Ein solches Modell schwebt uns auch vor.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet man jene Familien, die von so einem Beratungssystem erfasst werden sollen?

Müller: Wenn alles so weiterläuft wie bisher, findet man sie nicht. Es wird zu oft so getan, als wüsste man, wo die Risikokinder leben, das ist nicht der Fall. Deswegen schlägt die saarländische Linke ein flächendeckendes System der Familienberatung vor, dass alle werdenden Eltern erfasst. Im Saarland werden jedes Jahr 7000 Kinder geboren. Jede Frau sollte nach unserer Vorstellung schon während der Schwangerschaft in das System eingebunden werden. So könnte etwa der Frauenarzt die Daten einer werdenden Mutter mit ihrem Einverständnis an das Familienbratungszentrum der Gemeinde übermitteln. Von dort nimmt dann ein Berater Kontakt zur Familie auf.

SPIEGEL ONLINE: Sollen die Daten auf freiwilliger oder verpflichtender Basis übermittelt werden?

Müller: Freiwillig. Auch in Finnland geschieht das auf freiwilliger Basis und das Angebot wird von 99 Prozent aller werdenden Mütter angenommen. Ich glaube, das wird auch in Deutschland funktionieren. Kindesmisshandlung findet statt, weil die Eltern überfordert sind, nicht weil sie den Kindern Böses wollen. Deswegen werden viele Eltern die Hilfe gerne in Anspruch nehmen.

Das Interview führte Philipp Wittrock

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