Übergriff in Sachsen Die Bürgerwehr-Show von Arnsdorf

Ein Asylbewerber randaliert in einem Supermarkt. Junge Männer verprügeln ihn. In dem Dorf fragen sich manche, wie viel davon politische Inszenierung war.

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Von , Arnsdorf


Ein Internetvideo aus dem Netto-Supermarkt von Arnsdorf hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Gedreht wurde es bereits am 21. Mai von einer Unbekannten. Es ist knapp zwei Minuten lang und zeigt, wie kräftige Männer einen zuvor mit Flaschen drohenden Asylbewerber aus dem Supermarkt zerren und verprügeln. Am Ende des Videos kommentiert die Filmerin: "Es ist schon schade, dass man ne Bürgerwehr braucht, oder?"

Das Video hat in ganz Deutschland einen Nerv getroffen. Manche bejubelten es als Beleg dafür, dass sich "die Deutschen" endlich von "den Ausländern" nicht mehr "alles bieten" lassen würden; andere sahen darin Anzeichen, dass "Dunkeldeutschland" dabei ist, zur rechten Selbstjustiz zurückzukehren. Was war in Arnsdorf wirklich passiert?

Der Tathergang ist ziemlich klar: Ein irakischer Asylbewerber, der wegen einer psychischen Erkrankung im Arnsdorfer Krankenhaus behandelt wurde, kam am vorvergangenen Samstag dreimal in den Supermarkt zwischen 13 und 18 Uhr. Er hatte eine Telefonkarte für sein Handy gekauft und Probleme damit, konnte sich aber mit niemandem verständigen. Er wurde immer wütender.

Augenzeugen erzählen übereinstimmend, dass der 21-jährige Iraker aggressiv wirkte und die Verkäuferinnen sich bedroht fühlten. Zweimal wurde die Polizei gerufen. Sie brachte den jungen Mann jedes Mal zurück zum Krankenhaus, sein Kartenproblem wurde nicht gelöst.

Beim dritten Mal zerrten ihn plötzlich die Männer aus dem Supermarkt, prügelten ihn, als er sich wehrte, und fesselten ihn mit Kabelbindern an einen Baum vor dem Supermarkt. Einer in der Gruppe rief die Polizei an. Diese traf kurz vor 19 Uhr auf "rund 20 Personen" vor dem Baum, befreite den Iraker, brachte ihn zurück zur Klinik und nahm nicht die Personalien der Umstehenden auf. Am Donnerstag bezeichnete die zuständige Polizei Görlitz das Festhalten des Asylbewerbers als teilweise gerechtfertigt.

"Pegida, AfD - alles ist dabei"

In Arnsdorf macht zudem das Gerücht die Runde, der irakische Asylbewerber hätte jedes Mal eine neue Telefonkarte bekommen und diese dann verbraucht. Doch der zuständige Polizeisprecher von Görlitz sagt, ihm sei dazu nichts bekannt. "Er hat mindestens einmal eine Telefonkarte gekauft und es gibt keine Ermittlungen wegen Betrugs."

Für das Gerücht der "Bürgerwehr" von Arnsdorf hat allein der Kommentar am Ende des Videos gesorgt. Fragt man die Arnsdorfer danach, wird man oft verwundert angeschaut. Ein paar Arnsdorfer verweisen auf "die Jungs von der Imbissbude". Die seien "Pegida, AfD, Rockermilieu, Alkoholisierte - alles ist dabei."

"Die Jungs von der Imbissbude" - das sind an diesem Donnerstagnachmittag junge, leicht untersetzte Männer, die in der Sonne stehen und Cola trinken, schwarze T-Shirts tragen wie die Männer im Video und nicht sonderlich gesprächig sind. Für sie sind die Journalisten Lügenpresse. Den Reportern drohen sie mit Imbiss-Platzverweis.

Manche von ihnen seien nicht aus Arnsdorf, sagen sie, sondern aus der Umgebung. Der Stand mit Bratwurst und Pommes ist ihr Treffpunkt. Er gehört der Frau des örtlichen CDU-Gemeinderats, der sagt, an dem Vorfall beteiligt gewesen zu sein. Steht man lange genug am Imbiss, kommt auch mal ein Betrunkener vorbei und schreit den jungen Männern - "ihr Faschos!" zu.

Fragt man herum, was die Arnsdorfer über den Vorfall denken, will kaum einer namentlich genannt werden. Der Ort hat weniger als 5000 Einwohner, jeder kennt jeden, man will nicht auffallen. Im Schutz der Anonymität kritisieren viele das Verhalten des jungen Irakers. Doch keiner hat Verständnis für das Vorgehen der Angreifer: "Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder einfach macht, was er will?" hört man immer wieder. Der vermeintlichen Bürgerwehr fehlt es an Rückhalt bei den Bürgern. Manche bezeichnen den Vorfall sogar als "politische Show" der Rechten von Arnsdorf.

"Was kommt als Nächstes?"

Die Politiker des Dorfes reden dagegen gerne mit der Presse. Auf dem Parktplatz vor dem Netto-Supermarkt geben die Zwillinge Sven und Kay Scheidemantel unermüdlich Interviews. Die beiden 45-Jährigen sitzen als Unabhängige im Gemeinderat. Bis vor wenigen Jahren waren sie bei der Linken.

Von links: Sven (rotes T-Shirt) und Kay Scheidemantel, im Hintergrund Arvid Samtleben (hellblaues Hemd)
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Von links: Sven (rotes T-Shirt) und Kay Scheidemantel, im Hintergrund Arvid Samtleben (hellblaues Hemd)

Ihr politischer Gegenspieler, der Unternehmer Arvid Samtleben, 46, von der AfD, tigert im hellblauen Hemd und braunen Lederschuhen ebenfalls über den Netto-Parkplatz. "Ich kann doch nicht den Scheidemantel-Brüdern das Feld überlassen", sagt er. Er sei darüber informiert worden, dass die beiden auf dem Netto-Parkplatz mit der Presse redeten.

Die Scheidemantel-Brüder betrachten den Vorfall mit großer Sorge. "Das ist Selbstjustiz. Heute wird jemand an den Baum gefesselt, was kommt als Nächstes?" Samtleben sagt, dass er das Verhalten für Zivilcourage halte, wenn auch "ein bisschen unglücklich": Besser wäre es gewesen, wenn die Polizei vorher entschieden eingegriffen hätte. Für ihn ist der Fall ein "Versagen der Institutionen".

Samtlebens Frau, früher bei "Die Freiheit", einer rechtspopulistischen Partei, war an dem Tag selbst im Netto-Supermarkt, so gegen 13 Uhr, sagt der AfD-Politiker. Sie kam nach Hause und erzählte ihrem Mann davon. Kurze darauf fanden sich erste Posts darüber auf Facebook.

"Für mich ist das eine eindeutig geplante Aktion gewesen", sagt Sven Scheidemantel. Er meint damit, dass die Unbekannte zur richtigen Zeit am richtigen Ort filmte und das Ganze am Ende ruhig kommentierte - möglicherweise um Werbung zu machen für die Aufstellung einer sogenannten Bürgerwehr in Arnsdorf.

Arvid Samtleben (Afd)
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Arvid Samtleben (Afd)

Samtleben, der ursprünglich aus Braunschweig ist und seit über einem Jahrzehnt in Sachsen lebt, macht keinen Hehl daraus, dass er gerne eine Bürgerwehr gründen würde. Er sagt, er kenne die Filmerin des Videos. Er möchte aber nicht verraten, wer sie sei. "Wahrscheinlich hat sie nicht recht darüber nachgedacht, was es bedeutet, das Video ins Internet zu stellen." Er meint damit, sie hätte die Gesichter der Männer der selbsternannten Bürgerwehr verpixeln sollen. Gegen diese wird weiterhin strafrechtlich ermittelt.

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