Mutmaßlicher Chef von "Aryan Circle Germany" Extrem brutal

Mit einer Großrazzia gehen Ermittler gegen die Neonazigruppe "Aryan Circle Germany" vor. Was über den mutmaßlichen Kopf der Organisation bekannt ist.
Vermummte Polizisten: Razzia in Bad Segeberg - Teil einer groß angelegten Aktion

Vermummte Polizisten: Razzia in Bad Segeberg - Teil einer groß angelegten Aktion

Foto: Markus Scholz/ DPA

Die Ermittler kamen im Morgengrauen. Um sechs Uhr Dienstagfrüh begann zeitgleich in vier Bundesländern eine Großrazzia gegen Rechts. Drei Stunden durchsuchten 150 Beamte die Wohnungen von zwölf Beschuldigten. Der Verdacht: Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die zwölf Personen sollen Mitglieder in der Neonazigruppe "Aryan Circle Germany" sein, die sich im Juli 2019 formiert hat.

Der Schwerpunkt der Ermittlungen liegt in Schleswig-Holstein. Und so gab es gleich mehrere Durchsuchungen im Raum Lübeck und im Raum Bad Segeberg. Zudem rückten Polizisten in Beeskow (Brandenburg), Weilburg (Hessen) und Staufenberg (Niedersachsen) an.

In einer Mitteilung der zuständigen Staatsanwaltschaft Flensburg hieß es: Die Absicht von "Aryan Circle Germany" sei es, "fremdenfeindlich motivierte Körperverletzungen und Sachbeschädigungen sowie Straftaten nach dem Waffengesetz" zu begehen. Von einem geplanten Anschlag, so eine Sprecherin, sei aber nichts bekannt. Das Ermittlungsverfahren laufe seit Ende 2019.

Der mutmaßliche Drahtzieher - eine Szenegröße

Der Fall beschäftigt die Menschen im Norden bereits seit Monaten. Als Kopf von "Aryan Circle Germany" gilt der Hauptbeschuldigte Bernd Tödter, eine Szenegröße mit einschlägiger Vergangenheit. Im Sommer vorigen Jahres zog er in seinen Heimatort Bad Segeberg zurück.

Der bullige 45-Jährige gilt als jähzornig und extrem brutal. In einem vertraulichen Dossier des Staatsschutzes zu seiner Person, das dem SPIEGEL vorliegt, wird vor Tödter sowohl als Sexual- als auch bewaffnetem Gewalttäter gewarnt. Die Polizei in Hessen führt ihn als sogenannte relevante Person im rechten Spektrum, eine Kategorie unterhalb eines Gefährders. Tödter war für eine Stellungnahme zu den aktuellen Vorwürfen bislang nicht zu erreichen.

In den Neunzigerjahren prügelte der Bad Segeberger mit einem Komplizen einen Obdachlosen zu Tode. In Hessen entwickelte sich Tödter zu einer Größe in der Kasseler Neonaziszene. Er pflegte nach SPIEGEL-Informationen auch Kontakte ins Umfeld von Stephan Ernst, der im Sommer vorigen Jahres den CDU-Lokalpolitiker Walter Lübcke ermordet haben soll.

Immer wieder wurde Tödter zu Haftstrafen verurteilt. Erst im Juni vergangenen Jahres kam er nach vierjähriger Haft wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung frei. Kaum draußen, gründete Tödter nach Überzeugung der Ermittler mit seinen Gefährten den "Aryan Circle Germany" und machte sich zum Chef.

Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust

Um weitere Mitstreiter zu rekrutieren, soll der Neonazi mehrfach versucht haben, mit Schülern in Bad Segeberg in Kontakt zu treten. Zudem soll Tödter laut Recherchen der "taz"  zusammen mit weiteren Gesinnungsgenossen Klimaaktivisten in Bad Segeberg fotografiert und bedroht haben. In sozialen Medien trat die Gruppe laut Staatsanwaltschaft "sehr massiv und provokativ" auf.

Ein Sinneswandel ist auch nach der jüngsten Razzia wohl nicht zu erwarten. Das Staatsschutzdossier listet 77 Ermittlungsverfahren in verschiedenen Bundesländern auf, mit denen Tödter seit 2001 auffällig war. Darunter Verstöße gegen das Waffengesetz, versuchte Vergewaltigung, Betrug und immer wieder schwere Gewaltdelikte.

Penibel beschreiben die Beamten in dem Papier auch seine großflächigen Tätowierungen. Drei Hakenkreuze zieren demnach seinen Körper, eines davon auf der Brust.

Verdächtige nicht in Untersuchungshaft

Die Razzia am Dienstag soll wohl auch ein Symbol staatlicher Entschlossenheit sein. In jüngster Zeit hat es mehrere rechtsterroristische Morde gegeben. Nach dem Lübcke-Mord erschossen zwei rechtsradikale Einzeltäter in Halle und in Hanau mehrere Menschen.

Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) sagte, die Aktion gegen "Aryan Circle Germany" zeige "die konsequente Umsetzung" der unter den Ländern vereinbarten Strategie gegen Rechtsextremismus. "Polizei, Justiz und Verfassungsschutz schöpfen alle rechtlichen und tatsächlichen Möglichkeiten aus, um Gefahren für die öffentliche Sicherheit abzuwehren."

Was die Aktion den Ermittlern gebracht hat, muss sich zeigen. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte, man habe "unglaublich viele Speichermedien" sichergestellt - USB-Sticks, Telefone, Laptops, darüber hinaus vereinzelt Waffen und Amphetamine. In U-Haft kam keiner der Beschuldigten.

Anmerkung: In einer früheren Version war der Vorname von Schleswig-Holsteins Innenminister falsch. Wir haben die Stelle korrigiert.

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