Politischer Aschermittwoch der Grünen Habecks Kanzlertraining

Die Grünen wollen die Krise von Union und SPD nutzen und die neue Volkspartei sein. Beim politischen Aschermittwoch übt Parteichef Habeck für eine Rolle, die er längst noch nicht sicher hat.
Aus Landshut berichtet Valerie Höhne
Auch Habeck kann Bierkrug: Die Rede fiel eher staatstragend aus

Auch Habeck kann Bierkrug: Die Rede fiel eher staatstragend aus

Foto: LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX

Keine Frage, Robert Habeck traut seiner Partei zu, den Kanzler zu stellen. Oder die Kanzlerin. Sollte daran noch irgendjemand Zweifel gehabt haben, sie müssten nach dieser Rede ausgeräumt sein.

Für die Grünen sei jetzt eine staatstragende Rolle erforderlich, mahnt der Grünen-Chef in den Bernlochner Stadtsälen von Landshut. Es ist Aschermittwoch, ein Tag, an dem die Parteien sich vor allem in Bayern in bierseliger Atmosphäre ihrer selbst vergewissern - und gegen den politischen Gegner austeilen. Stammtisch und Bierzelt, das sind eigentlich keine Orte, die man mit Robert Habeck verbindet. Aber wer etwas werden will in der Republik, der muss auch hier im Freistaat bestehen.

Und Habeck will etwas werden. Er sieht die Grünen geradezu in der Pflicht, die Nachfolge der taumelnden Volksparteien anzutreten. "Wegen der Desorientierung der anderen Parteien, der Orientierungslosigkeit der anderen Parteien, der Selbstbeschäftigung der anderen Parteien", sagt er. Diese Selbstbeschäftigung lähme die politische Diskussion in Deutschland und versperre den Diskussionsraum. "Wir als Partei haben genau die Aufgabe, diesen Raum aufzutun", mahnt Habeck und erläutert auch gleich, warum: Die Grünen seien aus unterschiedlichsten Menschen gegründet worden, deswegen hätten sie als Partei einen Erfahrungsraum, der eine modernere Politik möglich mache. "Wir sind gewachsen", sagt er, "wir sind über uns selbst, ein Stückweit, gewachsen."

Das klingt dann doch sehr nach Habeck und weniger nach politischer Aschermittwochs-Haudrauf-Rhetorik. Aber die erwartet von ihm wohl auch niemand, auch nicht hier in Niederbayern. Wenn selbst CSU-Chef Markus Söder hundert Kilometer östlich in Passau den verantwortungsvollen Unions-Schattenkanzlerkandidaten gibt, dann muss der potentielle Grünen-Kanzlerkandidat erst recht maßvolle Worte finden. "Das letzte was wir jetzt brauchen ist eine weitere Diskreditierung von politischem Anstand", sagt er, noch bevor er auf die Bühne geht. Man dürfe den Grad zum Populismus nicht überschreiten. "Keine Rücksicht auf irgendwas zu nehmen verbietet sich in dieser Zeit."

Ein paar Spitzen gegen die CSU teilt er dann aber doch aus: Bayerns Ministerpräsident sei eine Katze, kein Löwe, Söder habe in Berlin keine Bedeutung. Er wirft ihm und der CSU Bigotterie und Schizophrenie vor, sie würden in Berlin Dinge vertreten, die sie dann in Bayern ablehnten. Ein paar Aschermittwochserwartungen muss auch Habeck bedienen.

Sogar CSU-Wähler finden Habeck "sehr, sehr sympathisch"

Nicht allen in der Partei ist es ganz geheuer, dass ihre Partei jetzt zur Führungskraft in der Nation aufsteigen soll. Gerade altgedienten Grünen geht der Schwenk in die politische Mitte manchmal doch ein wenig schnell. Von einer Klientelpartei zu einer Volkspartei zu werden, birgt eben auch Gefahren: Ein Turbo-Ausstieg aus der Kohle, Autos mit Verbrennermotoren möglichst bis morgen zu verbieten, solche Forderungen sind nicht realistisch. Sie werden auch nicht mehr erhoben. So geht den Grünen ein Stück Kauzigkeit verloren, die so manches einfache Mitglied an der Basis zu schätzen wusste.

In Landshut wird Habeck von protestierenden Bauern empfangen. Sie demonstrieren gegen die Agrarpolitik vor allem der CSU. Johann Pflamminger, Ackerbauer aus Niederbayern, hält ein Schild hoch: "Wer den Landwirt lässt verrecken, muss sich bald zum Brotkorb strecken." Ob er sich einen Grünen als Kanzler vorstellen könnte? "Wenn er das einhält, was er sagt, wäre er ein guter Kanzler", antwortet Pflammingers Frau Monika. Ihr Mann ergänzt: "Alle anderen hatten wir ja schon." Ein anderer, CSU-Mitglied, sagt, er finde Habeck "als Mensch sehr, sehr sympathisch". Die Grünen haben inzwischen Spitzenpersonal, das niederbayerische Bauern aus der CSU aufrichtig freundlich finden. Das ist neu. In der jüngsten Umfrage für den Freistaat liegen die Grünen bei 20 Prozent.

Die Grünen in Landshut klatschen, wenn die Redner vorn auf das Leid der Bauern aufmerksam machen, sie wollen zeigen: Wir hören euch zu. Wir sind eine Alternative für euch. Habeck feiern sie, als wäre er schon Kanzler, oder mindestens ihr Kandidat. Am Ende applaudieren sie minutenlang, der Saal ist voll, so ziemlich alle stehen. Danach stehen sie Schlange, um ein Foto mit ihm zu ergattern. Eine Frau ruft, wie fantastisch sie ihn findet, dann drückt sie ihm ein Glas Honig in die Hand und umarmt ihn. Habeck lächelt.

Nur: Noch ist gar nicht raus, ob Habeck überhaupt Kanzlerkandidat seiner Partei wird. Seine Co-Vorsitzende Annalena Baerbock hält zur gleichen Zeit eine Rede im baden-württembergischen Biberach an der Riß. Auch sie könnte die Grünen in den Wahlkampf führen.

Habeck oder Baerbock - wer hat die besseren Chancen?

Bei grünen Funktionären gilt es als ausgemacht, dass die beiden die Kandidatur untereinander ausmachen. Sie werden abwägen, wer die besseren Chancen hat. Denn den Grünen geht es jetzt um Platz eins. Sie wollen die stärkste politische Kraft werden. Die Union ist schwach, die SPD ist schwächer. Die Grünen wittern eine historische Chance.

Noch vor einem Jahr schien klar, dass Habeck eine mögliche Kanzlerkandidatur übernehmen müsste. Seitdem aber hat sich einiges geändert. Baerbock ist in der Partei womöglich noch beliebter als Habeck, beim Parteitag im vergangenen November wurde sie mit 97,1 Prozent der Stimmen wiedergewählt, lag damit fast sieben Prozentpunkte vor Habeck. Sie gilt als fachlich versierter und integrierend, als eine, die den Laden zusammenhalten kann. Sie war Talkshowkönigin 2019. Und: Sie ist eine Frau. In einer Partei, die sich als feministisch versteht, darf man das nicht unterschätzen.

Aber: Habeck hat Regierungserfahrung, er ist bundesweit gesehen noch immer bekannter und populärer als Baerbock, hat großes rhetorisches Talent. Er verkörpert einen neuen Typ Politiker: nett, nahbar, einer, der nach dem 100. Selfie noch immer lächelt - auch in Landshut. Eigentlich müsste es auf einen Streit zwischen beiden hinauslaufen - das aber will die Partei um jeden Preis vermeiden. Jetzt, wo sich die anderen zerlegen, wollen sie die staatstragende Kraft sein. Eine offene Konkurrenzsituation könnte das ganze Bild kaputtmachen.

Bevor er auf die Bühne geht, gibt Habeck ein paar Fernsehinterviews. Natürlich kommt auch die Kanzlerfrage. Habeck sagt: "Wir haben eine Situation in Deutschland, wie wir sie noch nie hatten. Eine Wahl ohne amtierende Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler. Für alle ist alles möglich. Nach oben wie nach unten." Das könne einen beunruhigen, man könne es aber auch als demokratisch spannende Situation betrachten. "Ich glaube, man muss es so sehen", sagt er.

Die Grünen sehen ihre historische Chance. Sie wollen sie nicht verspielen.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Annalena Baerbock sei beim Parteitag im vergangenen November mit 97,7 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Tatsächlich waren es 97,1 Prozent. Die entsprechende Stelle wurde korrigiert.

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