Kampf gegen Corona Politiker fordern Freigabe von AstraZeneca-Impfstoff für weitere Gruppen

Berichte über verbreitete Vorbehalte gegen den AstraZeneca-Impfstoff alarmieren die Politik. Die Rufe werden lauter, die Vakzine kurzfristig für weitere Bevölkerungsgruppen verfügbar zu machen.
Spritzen mit AstraZeneca-Impfstoff im Impfzentrum in Berlin-Tegel: »Wer nicht will, der hat schon«

Spritzen mit AstraZeneca-Impfstoff im Impfzentrum in Berlin-Tegel: »Wer nicht will, der hat schon«

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Kay Nietfeld / REUTERS

In der Politik mehren sich die Stimmen, den AstraZeneca-Impfstoff für weitere Gruppen in der Bevölkerung freizugeben. »Wir sollten den AstraZeneca-Impfstoff für die ersten drei Priorisierungsgruppen freigeben«, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem SPIEGEL. »Dann könnten sich Millionen von unter 65-Jährigen schnell impfen lassen, darunter Polizisten, Lehrerinnen und Erzieher.« Derzeit werde in vielen Impfzentren nur an fünf Tagen pro Woche für jeweils acht Stunden geimpft. »Mit der Freigabe für die ersten drei Gruppen könnten wir die Auslastung auf sieben Tage pro Woche erhöhen.«

Ähnlich hatte sich Lauterbach bereits gegenüber der »Bild am Sonntag« geäußert. Der SPD-Politiker riet allerdings davon ab, den AstraZeneca-Impfstoff einfach für alle freizugeben. »Dann könnten Partygänger früher geimpft werden als junge Ärztinnen«, sagte er. »Das müssen wir vermeiden, es ist nicht vermittelbar.«

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder äußerte sich ebenfalls besorgt über mögliche Vorbehalte gegen AstraZeneca. Vor den Gremiensitzungen der CSU sagte er: »Ich bin eindeutig dafür, dass wir auf keinen Fall Impfstoff liegen lassen.« Man müsse »klar machen, dass der Impfstoff gut ist und dass der gut verimpfbar ist nach den Empfehlungen«. Söder sprach sich dafür aus, »dass Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher dort mit eingebaut werden in die entsprechende Priorität«. Es wäre auf Dauer nicht zu vertreten, »dass massiv Impfstoff nicht verimpft wird, obwohl er da wäre und die Lage deutlich verbessern könnte«.

Auch FDP-Fraktionsgeschäftsführer Marco Buschmann sprach sich dafür aus, mit dem Impfstoff des schwedisch-britischen Unternehmens vor allem Lehrer und Kita-Personal zu immunisieren. »Wir sollten Lehrer und Erzieher schnell impfen«, sagte Buschmann dem SPIEGEL. Man wolle schließlich möglichst schnell Schulen und Kitas öffnen. »Die Möglichkeit ist insbesondere da, weil es ja zurzeit vergleichsweise viel Impfstoff von AstraZeneca gibt.«

»Menschen mit Behinderungen sowie Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher müssen eine höhere Impfpriorität erhalten«, sagte auch FDP-Fraktionsvize Michael Theurer. »Es kann nicht sein, dass Hunderttausende Impfdosen ungenutzt herumliegen, weil der Staat die Organisation der Impfkampagne nicht organisiert bekommt.«

Grünen-Chefin Annalena Baerbock sagte, sie hoffe, dass Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher von der Prioritätsgruppe 3 in die Prioritätsgruppe 2 rückten. Der Impfstoff, der am Ende eines Tages in Impfzentren übrig wäre, könne genutzt werden, um diese Berufsgruppen und beispielsweise Polizistinnen und Polizisten prioritär zu impfen.

Zuletzt hatte es aus mehreren Städten und Regionen Berichte über Vorbehalte gegen die AstraZeneca-Vakzine gegeben. So würden zahlreiche Impftermine in den Impfzentren nicht wahrgenommen. Der Impfstoff von AstraZeneca wird in Deutschland zurzeit nur Menschen zwischen 18 und 64 Jahren verabreicht – es fehlen Daten zur Wirkung bei Älteren. Deshalb bekommen die Beschäftigten in Pflegeheimen oder Intensivstationen in dieser Altersgruppe nun vorrangig diese Vakzine geimpft. Die Vorbehalte gegen das Präparat sind aus Sicht von Wissenschaftlern unbegründet. Bei der Impfreihenfolge in Deutschland sind drei große Gruppen festgelegt: Gruppe eins mit »Höchster Priorität«, Gruppe zwei: »Hohe Priorität«, und Gruppe drei: »Erhöhte Priorität«.

Auch der Hamburger CDU-Landeschef Christoph Ploß forderte eine Änderung der Strategie. »Dass in Impfzentren offenbar Tausende Impfdosen von AstraZeneca unberührt lagern, dürfen wir nicht akzeptieren. Wer nicht will, der hat schon«, so Ploß zum SPIEGEL. »Wenn Risikopersonen das Impfangebot nicht annehmen wollen, müssen wir gemäß der Prioritätenliste die Impfdosen sofort für weitere Bürger freigeben, die sehnsüchtig auf den Schutz warten.«

Schleswig-Holstein kündigte bereits an, dem Schulpersonal in den kommenden Wochen eine Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca anzubieten. Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Erzieher an Schulen sowie Kita-Kräfte müssten priorisiert geimpft werden, sagte Bildungsministerin Karin Prien (CDU) im Deutschlandfunk. Dafür solle, wie auch in Baden-Württemberg geplant, der Wirkstoff von AstraZeneca genutzt werden.

Die Gesundheitsminister von Bund und Länder wollen am Nachmittag entscheiden, ob Grundschullehrer und Erzieher eine höhere Priorisierung bei der Impfung bekommen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) sprachen sich dafür aus.

til/cte/flo/dpa/Reuters
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