Asylanträge Wer Flüchtling ist, muss warten

Quälend lang dauern viele Asylverfahren in Deutschland - und es wird schlimmer: Fast 240.000 Anträge wurden 2015 noch nicht bearbeitet, davon ist die Hälfte älter als ein halbes Jahr. Die Infografik der Woche.
Foto: Statista, SPIEGEL ONLINE

Schon zur Jahresmitte scheint klar: Die Anzahl der Asylanträge in Deutschland wird 2015 wohl über der Summe aus dem Vorjahr liegen. Bis Ende Juni zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge  rund 179.000 Anträge, im Jahr 2014 waren es etwa 203.000 - bis einschließlich Dezember.

Den bisherigen Höchstwert verzeichnete die Bundesrepublik 1992 mit fast 440.000 Asylverfahren. Auch wenn eine so hohe Zahl 2015 nicht erreicht werden sollte, stehen die Behörden aktuell vor großen Problemen: So gestaltet es sich natürlich schwierig, die Asylbewerber unterzubringen. Die Behörden haben aber auch größte Schwierigkeiten, ihre Anträge zeitnah zu bearbeiten.

Bis ein Asylsuchender in Deutschland weiß, ob sein Antrag angenommen oder abgelehnt wird, vergehen häufig Monate.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl spricht von einem "Leben in der Warteschleife". Wie die Infografik der Woche von Statista  und SPIEGEL ONLINE zeigt, sind mittlerweile mehr Verfahren offen, als neue hinzukommen.

Forderung nach schnelleren Verfahren

Ende Juni waren insgesamt Asylverfahren von rund 238.000 Personen beim Bundesamt anhängig, also noch nicht entschieden. Von diesen Verfahren sind laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gut die Hälfte jünger als sechs Monate. Rund 120.000 Personen warten also bereits länger als ein halbes Jahr auf eine Entscheidung.

Die statistische Konsequenz: Die Zahl der anhängigen Verfahren Ende Juni ist höher als die Gesamtzahl der neuen Anträge in der ersten Jahreshälfte. Zum jeweiligen Jahresende war es bislang seit 2005 stets andersherum: Die Zahl der anhängigen Verfahren Ende Dezember lag unter der Zahl der Erstanträge und Folgeanträge im Gesamtjahr.

Damit die Betroffenen schneller eine Entscheidung erfahren, fordern Politiker effizientere Verfahren. So wird diskutiert, bestimmte Länder in die Kategorie der "sicheren Herkunftsländer" einzuordnen. Antragsteller aus diesen Staaten würden dann schneller abgelehnt und ausgewiesen.

"Tatsächliche Flüchtlinge" schnell anerkennen

Dahingehend äußerte sich auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei der Präsentation der Statistik. Er erklärte: "Wichtig ist vor allem, dass wir schneller und deutlicher differenzieren zwischen tatsächlich schutzbedürftigen Menschen und anderen Personen, die unter keinem Aspekt für ein Aufenthaltsrecht in Betracht kommen." Den Aufenthalt Letzterer wolle man "künftig konsequenter und wirkungsvoller beenden".

Durch neue gesetzliche Vorschriften soll das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge daher auch Einreise- und Aufenthaltsverbote aussprechen können, vor allem gegen Asylbewerber aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten.

Die meisten der 179.000 Asylanträge im ersten Halbjahr 2015 wurden aus Nordrhein-Westfalen (35.000) gestellt, gefolgt von Bayern (28.000) und Baden-Württemberg (17.000). Bezogen auf die Einwohner der Bundesländer liegt aber Berlin in der Statistik vorn: Rund 12.000 Asylanträge wurden für die Bundeshauptstadt verzeichnet, also 3,6 pro 1000 Einwohner.


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Andreas Grieß (Statista)/che
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