Atom-Transport Castor-Gegner kündigen lange Protestnacht an

Polizisten im Wendland sind mehr als 24 Stunden im Dienst, die Gewerkschaft beklagt eine extreme Belastung - und noch ist kein Ende des Castor-Protestes in Sicht. Immer mehr Atomkraftgegner strömen zum Zwischenlager in Gorleben, um die Zufahrtsstraße zu blockieren.

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Dannenberg - Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) schlägt Alarm: Viele Beamte seien beim Castor-Einsatz massiv überlastet. Teilweise hätten Einsatzkräfte 24 Stunden oder noch länger Dienst am Stück schieben müssen, kritisierte der Berliner Landesbezirksvorsitzende Michael Purper. "Nicht nur über die endlosen Dienstzeiten haben Einsatzkräfte mit Recht Klage geführt, sondern auch darüber, dass sie in der Kälte teilweise nicht oder nur sehr spät mit heißen Getränken oder einer Suppe versorgt wurden."

Die mangelnde Versorgung liege aber nicht an den Versorgungskräften, die auch bis zur Erschöpfung gearbeitet hätten, "sondern daran, dass sie nicht darüber informiert wurden, wo die Einsatzkräfte im weiten Wendland stehen".

Die Anti-Atom-Initiative "Ausgestrahlt" appellierte an die Polizei, sich auf dem letzten Abschnitt des Transports bis ins Zwischenlager Gorleben Zeit zu lassen, damit es nicht zu Gewalt komme. Die Einsatzleitung solle die Polizisten "lieber noch mal schlafen lassen".

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Castor-Transport: Demonstranten rüsten sich für weitere Blockaden
Die Gegner des Castor-Transports stellen sich im Wendland erneut auf eine lange Protestnacht ein. Auf der Zufahrt zum Atomzwischenlager Gorleben blockierten am Montagmittag mehr als tausend Atomkraftgegner die Straße. Ständig kämen weitere Menschen hinzu, berichteten die Bürgerinitiativen.

Der Transport mit dem hochradioaktiven Atommüll erreichte das Etappenziel Dannenberg einen Tag später als geplant. Nach einer etwa 67-stündigen Fahrt kam der durch Gleisblockaden immer wieder aufgehaltene Zug am Montag in der Verladestation an, wo die Castoren auf Lkw gehievt werden sollen.

Bei der Ankunft wurde der Zug mit den elf Castoren von etwa 300 Atomkraftgegnern mit einem Pfeifkonzert empfangen. Die Spezialbehälter mit Rückständen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Reaktorbrennstäbe in Frankreich werden dort auf Tieflader umgeladen, damit sie die letzten rund 20 Kilometer bis Gorleben auf der Straße transportiert werden können.

In der Nacht zum Montag hatten nach Polizeiangaben etwa 3500 Demonstranten den Castor-Zug kurz vor Dannenberg mit einer Sitzblockade auf der Bahnstrecke aufgehalten und zu einem außerplanmäßigen nächtlichen Halt im Bahnhof von Dahlenburg etwa 30 Kilometer westlich gezwungen. Erst nach der Räumung der Blockade bei Harlingen gegen 7 Uhr konnte er die Fahrt fortsetzen. Das Umladen der Castoren auf Lastwagen sollte laut Polizei bis zu 15 Stunden dauern.

Angeblich 1000 Verletzte bei "Castor schottern"

Die Anti-Castor-Protestbewegung X-tausendmalquer zeigte sich erfreut über die nächtlichen Sitzblockade. "Das war eine Sternstunde des gewaltfreien Widerstands", sagte deren Sprecher Jochen Stay am Montag in Dannenberg. Die bisher größte Blockade gegen einen Castor-Transport demonstriere, wie weit sich die Bundesregierung in der Atompolitik von der Bevölkerung entfernt habe.

Die Einsatzzentrale der Polizei in Lüneburg bezeichnete die Räumung der Blockade bei Harlingen als "konfliktfrei". Mehrere hundert Menschen wurden nach Angaben der Beamten vorübergehend in eine Gefangenensammelstelle gebracht. Die Initiative "Widersetzen" kritisierte das Vorgehen der Polizei als zu hart.

Am Sonntag war es im Wendland bei der Aktion "Castor schottern" zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Hunderten Atomkraftgegnern gekommen. Nach Angaben der Organisatoren wurden dabei rund 1000 Demonstranten verletzt. 950 Aktivisten hätten Augenverletzungen durch Pfefferspray, Tränen- und CS-Gas erlitten, sagte der Sprecher der Initiative "Castor schottern", Christoph Kleine. Zudem seien bei den Demonstranten 16 Brüche, 29 Kopfplatzwunden und drei Gehirnerschütterungen registriert worden. Zwei Atomkraftgegner hätten im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Die Polizei sprach dagegen von "extrem aggressiven Personengruppen", die Beamte mit Steinen, Signalmunition und Reizgas attackiert hätten.

als/dpa/AFP/DAPD



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Gluteusmaximus 02.11.2010
1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
Robert Rostock, 02.11.2010
2.
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
GyrosPita 02.11.2010
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
Eutighofer 02.11.2010
4. pseudo-religiöser Wahn
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
rehabilitant 02.11.2010
5. Reaktion
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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