Renaissance der Atomkraft Abschalten, jetzt erst recht!

Ein Gastbeitrag von Achim Brunnengräber, Albert Denk und Lucas Schwarz
Kernkraft ist eine klimafreundliche Energiequelle, dank der wir sicher durch den Winter kommen? Von wegen! Fünf Gründe gegen den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken, die in der derzeitigen Debatte unterschlagen werden.
Friedrich Merz (CDU) und Markus Söder (CSU) auf Besuch im Kernkraftwerk Isar 2: Im Anschluss sprachen sie sich für einen Weiterbetrieb aus

Friedrich Merz (CDU) und Markus Söder (CSU) auf Besuch im Kernkraftwerk Isar 2: Im Anschluss sprachen sie sich für einen Weiterbetrieb aus

Foto: Bayerische Staatskanzlei / dpa

Atomkraft bestimmt einmal mehr die Schlagzeilen – Ausstieg, Streckbetrieb oder Laufzeitverlängerung? Gegenwärtig wird die Debatte durch die kriegsbedingte Krise und die Gasknappheit angefeuert. Die Vorstellung von kaltem Duschen, ungeheizten Wohnräumen und exorbitanten Stromrechnungen wirkt auf viele Menschen existenziell und bedrohlich. Angst ist jedoch selten ein guter Ratgeber. Sie führt zu zunehmend populistischen Zügen in der Debatte sowie zu Vereinfachungen und Verkürzungen. Dabei wird der Blick auf angeblich klimaneutrale Atomkraftwerke verengt, die uns in Kriegszeiten mitunter durch den nächsten Winter bringen sollen.

Nicht grundlos aber hat diese Form der Energiegewinnung über Jahrzehnte hinweg zu heftigen Konflikten geführt. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt darüber hinaus einmal mehr, welche Gefahren von Atomkraftwerken gerade im Krieg ausgehen. Dennoch sehen Pro-Atom-Akteure ihre Chance, über das Einfallstor des möglichen Streckbetriebs hinaus die Atomkraft in Deutschland wieder salonfähig zu machen. Laufzeitverlängerungen inklusive der Beschaffung neuer Brennelemente oder gar AKW-Neubauten werden ins Spiel gebracht. Die vielfältigen Argumente gegen die Atomkraft werden in der Debatte unterschlagen:

Erstens ist Atomkraft eine der umweltschädlichsten Energiequellen der Menschheitsgeschichte, obwohl gern das Gegenteil behauptet wird. Das wird nur dadurch möglich, dass nicht die gesamte Energiekette betrachtet wird, die mit dem Uranabbau beginnt. Der Ressourcenkolonialismus hat im brasilianischen, kasachischen oder namibischen Tagebau auch zu Vertreibungen indigener Völker, Brandrodungen, Grundwasserkontaminationen, zum Verlust der Biodiversität oder der Hebung von Grubenwasser samt der Verunreinigung mit Schwermetallen geführt. Nicht nur beim Betrieb des Tagebaus werden große Mengen an Diesel verbraucht, energieintensiv sind auch die Transporte des nuklearen Materials rund um den Globus und die Herstellung der Brennelemente, die wiederum zu den Kernkraftwerken und später zum Zwischenlager oder den Anlagen zur Wiederaufarbeitung transportiert werden müssen.

Zweitens nimmt die Menge an Atommüll, die in ein Endlager eingelagert werden muss, weiter zu, obwohl bis heute – weltweit (!) – noch kein einziges Endlager in Betrieb genommen wurde. Nicht ohne Grund galt in Deutschland zur Inbetriebnahme eines Kernkraftwerks die gesetzliche Nachweispflicht für ein Endlager. Diese Funktion hatte das Erkundungsbergwerk Gorleben ausgefüllt. Gorleben ist allerdings Ende 2020 nach über vier Jahrzehnten des Widerstandes aus der Standortsuche ausgeschieden. Daraus leitet sich die Frage ab, auf welcher Grundlage eigentlich der Weiterbetrieb von AKW hinsichtlich eines immensen Entsorgungsproblems gerechtfertigt ist. In der aktuellen Debatte verschiebt sich der Fokus auf kurzfristige Lösungen, die aber mit den langfristigen Herausforderungen im Widerspruch stehen.

Drittens übergeben wir damit ein hohes Risiko an alle uns nachfolgenden Generationen. In Deutschland hat der Gesetzgeber eine möglichst sichere Lagerung der hoch radioaktiven Abfälle für einen Zeitraum von einer Million Jahre festgeschrieben, 500 Jahre lang soll die Bergung der Abfälle möglich sein. Welche Gefahren für den Menschen und seine natürliche Umwelt in diesem nach menschlichem Ermessen unüberschaubaren Zeitraum noch entstehen werden, ist heute nicht annähernd abzuschätzen. Schon die Lasten durch den Bau und die Einlagerung des Endlagers werden erheblich sein. Die negativen Konsequenzen der Energiegewinnung durch Kernkraft sind folglich nicht nur heute im globalen Süden spürbar, sondern werden auch zukünftig lebenden Menschen Sorgen bereiten, ohne dass diese irgendeinen Nutzen daraus ziehen konnten. Atomkraft funktioniert schlicht auf Kosten anderer.

Viertens bleibt Atomkraft eine vom Menschen nicht vollkommen kontrollierbare Hochrisikotechnologie. Der permanente Vergleich, die deutschen Atomkraftwerke seien die sichersten der Welt, hat letztlich keine Aussagekraft darüber, ob sie nun sicher sind oder nicht. Im Zweifelsfall besteht das Prädikat der Sicherheit nur bis zum Unfall, der sowohl räumlich als auch zeitlich weitreichende Folgen hätte. Die drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland, um die es geht, sind betagte 34 Jahre alt. Die letzten Sicherheitsüberprüfungen fanden 2009, also vor 13 Jahren (!) statt. Seit der Inbetriebnahme gab es in den drei verbleibenden Reaktoren zusammen 407 meldepflichtige Ereignisse (sicherheitstechnisch relevante Ereignisse, die potenziell auch Strahlenaustritte umfassen); neben den Ereignissen, die dieser Meldepflicht nicht unterliegen.

Selbst die sichersten Kraftwerke werden nie frei von der Gefahr eines Super-GAUs sein, der Reaktorkatastrophe mit Kernschmelze und dem Austritt radioaktiver Strahlung. Nach der Reaktorkatastrophe im heute ukrainischen Tschernobyl (1986) wurde noch auf eine veraltete sowjetische Technologie verwiesen. Nach dem GAU im japanischen Fukushima (2011), bei dem mit einem Tsunami dieses Ausmaßes schlicht nicht gerechnet wurde, war dies nicht mehr möglich. Der Klimawandel wird aufgrund von Wetterextremen für weitere solcher Unberechenbarkeiten sorgen. Was geschieht, wenn – wie jetzt schon in Frankreich zu beobachten – AKW aufgrund von steigenden Temperaturen der umliegenden Flüsse nicht mehr hinreichend gekühlt werden können? Oder Katastrophen plötzlich und unerwartet – wie bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal – die gesamte Infrastruktur zerstören? Nicht grundlos ist die Frage der Haftung bei einem Streckbetrieb noch ungeklärt. Die Betreiberfirmen der AKW wollen diese ab 2023 nicht mehr übernehmen.

Fünftens sind Atomkraftwerke, wie Russland der Welt vorgeführt hat, im Krieg von doppelter strategischer Bedeutung. Wer die zentralen und großen Versorgungsanlagen zur Stromgewinnung unter seine Kontrolle bringt, kann weite Teile des gesellschaftlichen Lebens kontrollieren. Neben der Kontroll- besteht eine Abschreckungsfunktion. Wer ein AKW direkt angreift, der provoziert oder riskiert immer den Super-GAU. Putins damit verbundene Drohung gegenüber der Nato, sich in seinen Krieg nicht einzumischen, war so drastisch wie unmissverständlich. Aber auch terroristische Anschläge stellen ein erhebliches Risiko hinsichtlich der Atomkraftwerke wie auch hinsichtlich der hoch radioaktiven Atomabfälle dar.

Wenn diese fünf Problembereiche der Atomkraft entgegen aller eindimensionalen Argumente pro Atomkraft berücksichtigt werden, offenbaren sich die Widersprüche in der Debatte: Der Angriffskrieg wird moralisch verurteilt, gleichzeitig aber große Risiken sowie die Ausbeutung von Menschen und ihrer natürlichen Umwelt zugelassen. Selbst zukünftige Generationen werden dabei ungefragt in die Pflicht genommen. Die gegenwärtigen, Atomkraft nutzenden Gesellschaften erhöhen mit jedem Tag, an dem AKW noch am Netz sind, eine historische Schuld, die keine warme Dusche rechtfertigen wird.

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