Atomkraft Brüten über der Wiedergeburt

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel kündigt verlängerte Laufzeiten für Atomkraftwerke unter einer unionsgeführten Regierung an. Steht die Republik vor einer Renaissance der Atomkraft? Ein Überblick.

Von Mirko Hackmann


AKW Obrigheim: Abgeschaltet
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AKW Obrigheim: Abgeschaltet

Hamburg - Die Union werde es den Energieerzeugern überlassen, die Kraftwerke so lange zu betreiben, wie dies technisch möglich sei, erklärte CDU-Chefin Angela Merkel in der ARD. "Die Frage von Atomkraftwerksneubauten", betonte sie aber, "stellt sich nicht".

Die deutsche Atomlobby reagierte positiv auf die Äußerungen Merkels. Die Energieversorger fühlten sich an den 2001 vereinbarten Atomausstieg gebunden, solange von der Politik keine neuen Initiativen ausgingen. Vor diesem Hintergrund werde Merkels Angebot begrüßt, sagte der Präsident des Atomforums, Walter Hohlefelder.

Noch vergangene Woche hatte der Sprecher des Atomforums, Christian Wößner, gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärt: "Für uns steht eine Erhöhung der Reststrommengen nicht zur Diskussion. Wir akzeptieren die getroffenen Vereinbarungen." Das Atomgesetz von Rot-Grün sei nun mal "kein Wunschkonzert", doch man wolle ein guter Vertragspartner sein.

Unter den Atomlobbyisten macht sich ein Stimmungswandel breit, der bereits am Montag an der Börse zu bemerken war: Die Notierungen der Energieunternehmen, die an Atomkraftwerken beteiligt sind, gingen nach oben, die von Solar- und Windkraftbauern nach unten. Schneller als erwartet wird durch Merkels Äußerungen das Thema Atomkraft in den beginnenden Wahlkampf gerückt. Die Atom-Lobby ruft seit längerem die Renaissance der Kernkraft aus. Halte Deutschland am Ausstieg fest, stehe es alsbald im energiepolitischen Abseits.

Dritte Reaktorgeneration soll auf den Markt

Doch in Europa bietet sich ein unterschiedliches Bild. Tatsächlich verhinderte die ablehnende Haltung der meisten EU-Bürger in den letzten Jahren jegliche Neuerrichtung von Atomanlagen. Der aktuell einzig genehmigte AKW-Neubau steht in Finnland an. Andere Länder wie Dänemark, Österreich oder Italien verzichten seit jeher auf Atomkraft oder schalteten ihre Anlagen bereits ab. Belgien, Holland, Schweden und Spanien lassen ähnlich wie Deutschland die atomare Stromproduktion auslaufen. Lediglich die Schweizer stimmten bei einem Referendum gegen das Abschalten ihrer Reaktoren. In England strebt Premier Tony Blair allerdings nach seiner Wiederwahl einen Neubau an.

Aktuell nutzen 13 von 25 EU-Staaten Kernenergie, wobei allein durch die Osterweiterung fünf neue mit insgesamt 19 Reaktoren überwiegend russischer Bauart hinzukamen. Wegen ihrer Sicherheitsdefizite lehnt die EU-Kommission jedoch den längerfristigen Betrieb dieser Anlagen ab.

Keine Neubauten

"Neubauten sind in Deutschland ebenso wie in anderen westeuropäischen Ländern weitgehend auszuschließen", sagt Thorben Becker vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Für nicht weniger gefährlicher aber hält der Experte, dass "längst abgeschriebene Uralt-Anlagen bis aufs Letzte ausgepresst" werden.

Für die Betreiber ist das eine lohnende Sache. Denn die verbleibenden Produktionskosten von rund 1,7 Cent pro Kilowattstunde liegen grade mal halb so hoch wie der am Markt zu erzielende Preis. Hinter den Kulissen drängen die Erzeuger darauf, die beim Bau avisierten 40 Jahre Laufzeit - zumindest bei den besseren der 17 verbliebenen Werken - durchsetzen zu können.

Rot-Grün hatte mit der Energiewirtschaft kürzere Fristen vereinbart: Der Atomkonsens, seit April 2002 als Atomgesetz in Kraft, sieht eine Befristung der Regellaufzeit auf 32 Jahre nach Beginn der Inbetriebnahme vor. Kürzlich wurde nach 37 Jahren das AKW in Obrigheim vom Netz genommen. 2018 sollte der letzte Atommeiler abgeschaltet werden.

Endlagerung immer noch ungelöst

Gegen die Anti-Atomkraft-Stimmung im Land bemüht die Atom-Lobby den Umweltschutz. Die Bundesregierung will die wegen der Abschaltungen wegfallenden Strommengen mittels regenerativer Energieformen - vor allem durch Windanlagen auf der offenen See - ausgleichen. Das halten die Nuklearbefürworter jedoch für utopisch. Für die Windkraftanlagen brauche man stets Ersatzstrom im Angebot - im Falle von Windflaute. Zudem sei die Atomtechnik für das globale Klima besser, als massenhaft fossile Energieträger zu verbrennen.

"Ein Scheinargument", sagt Energie-Experte Becker, "nur 2,7 Prozent des weltweiten End-Energiebedarfs wird durch Atomtechnik erzeugt." Eine das Klima positiv beeinflussende Erhöhung des Atomenergieanteils sei daher nicht finanzierbar. Gegen die Meiler spreche zudem ihr niedrigerer Wirkungsgrad von lediglich 30 Prozent. Zum Vergleich: Moderne Windanlagen und Kohlekraftwerke erreichen bis zu 45 Prozent.

Wößner vom Deutschen Atomforum hält deutsche Zahlen dagegen: "Ohne den Atomstrom wäre der CO2-Ausstoß um 150 Million Tonnen höher." Das entspräche der jährlich durch den Straßenverkehr erzeugten Menge. Doch von einer Renaissance der Atomkraft mag auch er nicht sprechen: "International gesehen standen wir stets auf hohem Niveau."

Kritik an Rot-Grün

Das Volk rebelliert: Castor-Protest im Wendland
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Das Volk rebelliert: Castor-Protest im Wendland

Als großes Problem bewerten beide Experten das ungelöste Endlagerungsproblems. Becker vermisst das von Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) mehrfach angekündigte Endlagersuch-Gesetz. Den von Beginn an umstrittenen Salzstock in Gorleben hält der Energieexperte für nicht geeignet. Letztlich seien aber durch den teuren Bau der Pilot-Konditionierungsanlage im Wendland Fakten geschaffen geworden. Wößner beklagt den Stopp der Untersuchungen in Gorleben. Er wünscht sich Klarheit - auch für die Leute vor Ort. Bei einem positiven Ergebnis könne bereits 2030 mit der Endlagerung begonnen werden. Der Sprecher: "Die Akzeptanz für Atomstrom wäre weit höher, wenn diese Frage gelöst wäre."

Ein weiteres Manko sind die begrenzten Uran-Vorkommen. Beim jetzigen Stand der Technologie und gleich bleibenden Marktbedingungen schätzt die Internationale Atombehörde (IAEA), dass die derzeit bekannten Uranvorkommen lediglich für weitere 50 bis 65 Jahre ausreichen werden. Tatsächlich könnten die Vorkommen aber schneller aufgebraucht sein. Denn global betrachtet expandiert die Nukleartechnologie. Aktuell existieren weltweit 442 Atomkraftwerke in 30 Ländern. Allein 104 davon stehen in den USA, die derzeit aber keine Neubauten planen.

Atom-Boom in Asien

Besonders Interesse an Atomstrom haben Boomländer, die über wenig eigene Energiereserven verfügen. So entstehen 18 von 27 gerade im Bau befindlichen Reaktoren in Asien. China will die Zahl seiner Meiler bis 2012 von sieben auf 30 steigern. An zweiter Stelle steht Osteuropa inklusive Russland. Doch ob die einstige Supermacht das Geld für die geplanten acht Reaktoren aufbringen kann, ist fraglich. Gleiches gilt für die Ukraine.

Wie weit es nun tatsächlich her ist mit der Renaissance der Atomkraft, scheinen selbst ihre Verkünder nicht so recht zu wissen. Sicherheitshalber entwickelte die IAEA zwei Szenarien: Das eine geht bis 2030 von einem Rückgang der Nuklearanteils an der weltweiten Stromproduktion von 21 auf 16 Prozent aus, das andere rechnet mit einer Steigerung auf 27 Prozent.

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