Nikolaus Blome

Atomkraftwerke Wenn die Regierung das Volk veräppelt

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
In Berlin wissen alle, dass deutsche Atomkraftwerke auch nächstes Jahr noch laufen werden. Doch bis zur Niedersachsenwahl schweigt die Regierung – aus Rücksicht auf Gestern-Grüne.
Foto: Marcus Brandt / picture alliance/dpa

Es ist einige Zeit her, da hatte ich einen Chefredakteur, der meinte, ich sei ein typischer Vertreter der sogenannten Hauptstadtblase, die sich fortwährend in diesem Promirestaurant namens Borchardt trifft, in das auch Angela Merkel des Öfteren essen ging. Den Vorwurf fand ich ungerecht, weil ich mich – bis auf einen, mit dem ich zu Unizeiten Fußball spielte – mit keinem Politiker duze und nur ganz selten im Borchardt sitze, der Chefredakteur hingegen (als er es noch war) wirklich sehr oft.

Trotzdem bin ich selbstredend Teil des polit-medialen Hauptstadtsystems, denn ich arbeite hier seit zwanzig Jahren. Vielleicht bin ich deshalb auch dafür, »der Politik« und diesem Berliner Betrieb nicht immer gleich die Ehre abzuschneiden, sondern auch einmal den benefit of the doubt zuzubilligen. Dass so viele das in selbststolzer Verweigerung ablehnen, halte ich für einen zentralen Defekt der deutschen Gegenwart.

Dieser Tage freilich hilft auch kein benefit of the doubt, da muss man ganz klar sagen: So sehr sich die Regierung um Entlastung der Bürger bemüht, und das tut sie, so überaus ärgerlich kontrastiert dazu, wie sehr sie an entscheidenden Punkten dem Gesetz des Berliner Politbetriebs gehorcht.

Demnach wird die Bundesregierung erst nach der Niedersachsenwahl (9. Oktober) und nach dem Parteitag der Grünen (14. bis 16. Oktober) klarmachen, dass zwei (oder drei) Atomkraftwerke im nächsten Jahr natürlich weiter Strom produzieren werden. Jeder weiß das in Berlin, jeder spricht darüber, niemand bestreitet es, es liegt einfach auf der Hand.

Der Bundeskanzler, darauf angesprochen, schweigt dazu, aber er kann kaum an sich halten und er lächelt sein freundlichstes Schlumpflächeln: Die Atomkraftwerke mit allen Risiken nur in die Reserve zu nehmen, aber keinen Strom produzieren zu lassen, wäre offenkundiger Schwachsinn. Und diese Blöße wird er sich nicht geben, derweil jeder Einzelne Strom sparen soll, die Innenstädte verdunkelt werden oder das Netz zusammenbricht, weil alle Deutschen gleichzeitig ihre neu gekauften Heizlüfter einschalten.

Das Gesetz der Blase verhindert das auch nicht, es macht aber alles viel komplizierter in Zeiten, die eigentlich kompliziert genug sind. Zunächst einmal ist die geografische Verortung bestimmter Formen des Irrsinns von Bedeutung. Und es fügt sich denkbar unglücklich, dass ausgerechnet die niedersächsischen Landesgrünen im Landtagswahlkampf stehen, denn sie sind traditionell sehr links und sehr ideologisch. Sie rauschen in den Umfragen gerade ab, doch das lehrt sie nichts, sondern macht ihre Ablehnung der Atomkraft umso hartleibiger.

Das modernste der drei letzten Kraftwerke, das im Emsland, durfte ihretwegen nicht einmal in die Reserve, sondern muss komplett vom Netz. Wenn bei einem Schiffskonvoi das langsamste Schiff das Tempo bestimmt, dann bedeutet das bei den Grünen Landesverbänden, die Irrsten bestimmen mindestens eine Zeitlang den Kurs aller. Damit muss man umgehen, anstatt ihnen den Marsch zu blasen, verlangt das Gesetz der Blase. Aber auch, wenn Putin Krieg führt?

Zudem ist auf die Gründungskader der Grünen Rücksicht zu nehmen, die auf Atomstrom selbst dann verzichten würden, wenn die eigene Mutter am Beatmungsgerät hinge. Man trifft sich Mitte Oktober zum Parteitag, vorher darf man ihnen nicht krumm kommen, weil sie sonst irgendeinen Schmarrn zusammenstimmen wie den Nato-Austritt, eine nationale Globuli-Pflicht oder das Gendern aller Winnetou-Bücher. Interessanterweise zeigen FDP oder CDU/CSU in Berlin dafür ein prozedurales Verständnis, bestimmte Gründungsmythen auf Parteitagen unter allen Umständen zu ehren. Vielleicht, weil sie selbst Fetische pflegen, die bei kritischer Ansprache zu Staub zerfallen würden wie Mumien, wenn das Grab geöffnet wird.

Alle in Berlin wissen also, wie es mit den letzten Atomkraftwerken kommen wird, aber sie müssen bis zum Stichtag so tun so, als käme es anders oder als wäre es noch offen. Es ist ein Hochamt maximaler Selbsthypnose, leider in einer Phase, die größtmögliche Wachheit geböte. Des Weiteren tun alle so, als wüssten auch die Bürger und die Grünen-Parteimitglieder nicht, wie es mit den Atomkraftwerken weitergeht. Aber die meisten wissen oder ahnen es, und das Faszinierende, vielleicht auch Verstörende daran ist: Das Publikum macht mit. Die einen lassen sich täuschen, und die anderen tun halt so, als ließen sie sich täuschen. Mithin gehorchen Teile des Publikums dem Gesetz der Blase, obwohl sie gar nicht Teil des Hauptstadtbetriebes sind. Wie gesagt: Ich mache das seit 20 Jahren, ich kann erklären, wie so etwas abläuft. Aber ich verstehe es bis heute nicht.

Immerhin ist es für alle, die daran Gefallen finden, jedes Mal interessant, wie Sprache den Ausweg ebnet. Robert Habeck zum Beispiel verweist jetzt auf die möglichen Produktionsschwächen der französischen Atomkraftwerke. Zwar galt genau das den Grünen bislang als Argument gegen die Laufzeitverlängerung, aber am Ende wird der Minister damit erklären, warum zwei (oder drei) deutsche Atomkraftwerke im nächsten Jahr weiter Strom produzieren. So erreicht er das Ziel, ohne die Gesetze der Hauptstadtpolitik zu verletzen. Wen er indes nicht erreicht, sondern veräppelt, sind 80 Millionen Deutsche: Wenn normale Leute nämlich beim besten Willen nicht verstehen, was die Politik da macht, ist es nicht schlecht erklärt, sondern schlecht gedacht und schlecht gemacht.

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