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20. Mai 2014, 16:20 Uhr

Bericht der Bundesregierung

Viele Atomkraftwerke in Nachbarländern sind nicht sicher

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Viele Kernkraftwerke in den Nachbarstaaten genügen nicht deutschen Sicherheitsstandards. Das geht aus einem Papier des Berliner Umweltministeriums hervor. Die Grünen fordern die sofortige Abschaltung der Problem-Meiler.

Hamburg - Was passiert, wenn es im französischen Atomkraftwerk Cattenom, 60 Kilometer von Saarbrücken entfernt, zu einem schweren Störfall kommt? Welche Gefahr droht bei einem GAU im tschechischen Kraftwerk Temelin, nicht weit von der bayerische Grenze? Schon lange sorgen sich Atomkraftgegner und Bürger in den angrenzenden Regionen, die Sicherheitsauslegung der Meiler im Grenzraum entspreche nicht den strengen deutschen Standards. Jetzt, kurz vor der Europawahl, hat das Bundesumweltministerium in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag die Befürchtungen offiziell bestätigt.

So gelte etwa die "in Deutschland übliche" Auslegung der Sicherheitssysteme nicht für Kraftwerke amerikanischer und französischer Hersteller, heißt es in dem Papier der Bundesregierung. In Deutschland verfügt die Notkühlung der Reaktoren demnach über vier getrennte Stränge mit jeweils 50 Prozent der erforderlichen Leistung. Eine Havarie des Kühlsystems ist so auch noch beherrschbar, wenn eine Rohrleitung ausfällt und eine weitere gerade repariert oder gewartet wird.

Demgegenüber verfügten Kraftwerke der Hersteller Westinghouse, General Electric und Framatome, die nicht nur in Frankreich, sondern beispielsweise auch in Belgien und teilweise in Skandinavien eingesetzt werden, jeweils nur über eine einzige Ersatzleitung.

Berlin soll sich für Abschaltung der Risiko-AKWs einsetzen

Eine weitere Gefahrenquelle kann sich daraus ergeben, dass offenbar eine Reihe von Reaktoren in Europa nicht über eine gefilterte Druckentlastung verfügt, wie es sie in allen in Deutschland noch im Betrieb befindlichen Kraftwerken gibt. Sollte es im Containment, dem Inneren der Anlagen, zu einem Druckanstieg kommen, etwa durch eine Explosion, könnte dort radioaktiver Dampf austreten. Laut Bundesumweltministerium gibt es solche Sicherheitssysteme zwar auch in Frankreich, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz. Nicht aufgezählt wird aber beispielsweise Tschechien mit dem Kraftwerk Temelin.

Die unterschiedliche Sicherheitsphilosophie zeigt sich darin, wie auf Störfälle reagiert werden soll. Für Reaktoren in Deutschland ist vorgeschrieben, dass sie mindestens 30 Minuten vollautomatisch auf ein Problem reagieren können, ehe die Bedienmannschaft in den Ablauf eingreifen muss. Dieser zeitliche Puffer soll den Verantwortlichen ausreichend Zeit geben, angemessen zu reagieren.

Anders jenseits der Grenze: Nach den der Bundesregierung vorliegenden Informationen seien "in verschiedenen Kraftwerken der Nachbarstaaten" kurzfristig "Handmaßnahmen" notwendig, um einen Störfall zu beherrschen. Ausdrücklich nennt die Antwort als Beispiel französische und belgische Meiler.

Atomexperten wie Dieter Majer, bis zu seiner Pensionierung vor drei Jahren leitender Beamter in der Kerntechnik-Aufsicht im Bundesumweltministerium, überrascht die offizielle Bestätigung der mangelnden Sicherheitsausstattung nicht. "Was in Deutschland nach Stand von Wissenschaft und Technik unverzichtbar ist, wird bei vielen unserer Nachbarn nicht als notwendig angesehen," urteilt er.

Für die Atomexpertin der grünen Bundestagsfraktion, Sylvia Kotting-Uhl, kann es nur eine Konsequenz aus den Erkenntnissen geben: "Aus gutem Grund wurden nach Fukushima die acht anfälligsten Atomkraftwerke in Deutschland endgültig abgeschaltet. Einige Reaktoren in Europa, gerade auch grenznahe zu uns, sind ähnlich schlecht. So schlecht, dass sie sofort abgeschaltet werden sollten." Die Bundesregierung müsse sich stärker dafür einsetzen, fordert sie.

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