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Atomstreit im Wendland: Rivalen auf engstem Raum

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Atommüll-Streit im Wendland Guter Castor, böser Castor

Der Castor rollt an, Gorleben rüstet sich für neue Proteste. Ganz Gorleben? Nein, denn eine kleine Truppe von Atomfreunden verteidigt das geplante Endlager - seit Jahren liegen sie mit ihren Nachbarn im Clinch. Ein Besuch bei den Protagonisten im größten Kleinkrieg Deutschlands.

Gorleben

Die ersten Atommüllfässer-Attrappen und das erste X tauchen schon 40 Kilometer vor auf. An der Grenze zum Landkreis Lüchow-Dannenberg beginnt das Gebiet des Widerstands. In wenigen Tagen sollen hier die Transporter mit Atommüll rollen. In Dannenberg werden die Behälter von der Bahn auf Lastwagen umgeladen. Geschützt von Tausenden Polizisten sollen die Castoren dann durch kleine Dörfer Richtung Gorleben rollen. Entlang an alten Fachwerkhäusern. Viele Erbauer haben einst Spruchbalken mit frommen Bitten angebracht. "Unser Haus beschütze Herr."

Zu den historischen Spruchbalken sind nun Banner an den Häusern hinzugekommen. "Castor bringt Krebs" und "Stopp Castor", steht da. Und natürlich das gelb angestrichene X. Die Atom-Gegner haben es an Zäune genagelt und in den Gärten aufgestellt. Es ist das Symbol des Widerstands im Wendland.

Wir stellen uns quer, soll es sagen.

Aber nicht alle Menschen in dem idyllischen Landstrich sind gegen die Atomanlagen. Das Wendland ist gespalten. Mehr als 30 Jahre tobt der Streit um das geplante Endlager in Gorleben bereits. Angeheizt wird er von der Entscheidung der Bundesregierung, den Salzstock weiter zu erkunden.

Der Streit im Wendland ist Deutschlands größter Kleinkrieg. Wie in einem Brennglas ist hier der Grundsatzkonflikt zwischen Atomkraftbefürwortern und -gegnern zu beobachten. Es zeigt sich, wie sehr die Diskussion über die Kernkraft die Bürger aufwühlt und polarisiert.

Gegner und Befürworter wohnen im Wendland Tür an Tür. Doch statt eines harmonischen Gemeindelebens regieren Wut und gegenseitige Abneigung. Die Fronten sind so verhärtet, dass ein Miteinander unmöglich scheint.

SPIEGEL ONLINE hat Atomunterstützer und ihre Gegner getroffen. Sie berichten über die Spuren, die der Konflikt in den Gemeinden hinterlassen hat.

Ja-Sager

Friedrich-Wilhelm Schröder, Bürgermeister / Ulrich Flöter, CDU-Lokalpolitiker

Friedrich-Wilhelm Schröder hat sich einen Unterstützer dazugeholt. Der Widerstand gegen den Widerstand ist anstrengend, da hat man gerne jemanden zur Seite. Schröder ist Bürgermeister der Samtgemeinde Gartow, zu ihr gehört auch die 700-Seelen-Gemeinde Gorleben. Ulrich Flöter ist sein Vize. Die beiden CDU-Politiker sitzen im Rathaus von Gartow, einem hübschen Fachwerkgebäude. An der Wand hängen Schwarzweißbilder mit Wendland-Motiven. Eine mächtige Eiche, ein grasendes Pferd, die perfekte Idylle.

Hier, finden Schröder und Flöter, sollte ein Atomendlager errichtet werden.

"Wir sind keine Atomfetischisten, die unbedingt Atommüll haben wollen", sagt Schröder. "Aber irgendwo muss er hin." Dass davon schon jetzt Fässer in Gorleben in einem Zwischenlager stehen, hat der Gemeinde viel Geld gebracht. 800.000 Euro bekommt sie jährlich aus Ansiedlungsverträgen. "Alles was wir an größeren Projekten realisiert haben, hätten wir ohne Gorleben nicht finanzieren können", sagt Flöter. Geld für die Feuerwehr, die Friedhofskapelle, fürs Thermalbad und den Campingplatz.

Und die Samtgemeinde Gartow hat keine Schulden. "Ich stehe zu den Anlagen", sagt Schröder. "Sie sind ein Wirtschaftsfaktor." 130 Menschen arbeiten im Zwischenlager, 80 im Erkundungsbergwerk. Auch Schröders Sohn hat dort einen Ausbildungsplatz bekommen.

Der Bürgermeister will, dass die Erkundung des Salzstocks zu Ende gebracht wird. "Damit Ruhe einkehrt", sagt sein Vize Flöter. "Das kann man nicht mehr lange durchhalten."

"Einfacher wäre es, wenn wir sagen würden, dass wir auch dagegen sind", sagt Flöter. "Aber es muss doch auch Leute geben, die die Fahne hochhalten." Das hat dem Landwirt in den achtziger Jahren schon Morddrohungen eingebracht. "Es gab Anrufe: Wir stecken dir den Hof an", erzählt Flöter. "Der Bundesgrenzschutz stand mit Hunden Tag und Nacht um meinen Hof."

Vom wem die Drohungen kamen, weiß Flöter bis heute nicht. Ob es Leute aus seiner Gemeinde waren, die er kennt? "Ich gehe davon aus, dass es andere waren", sagt der Politiker.

Das Eintreten für die Nuklearanlagen habe die CDU nie Stimmen gekostet. Von 15 Ratsmitgliedern stellt sie acht. "Wir vertreten die Bürger, was dieses Anliegen betrifft", sagt Flöter. Dennoch hat er vor dem nächsten Castor-Transport ein mulmiges Gefühl. "Ich habe Angst vor denen, die möglicherweise Gewalttaten begehen", gesteht er.

Vor mehr als 30 Jahren gaben die Kommunalpolitiker im Wendland ihr Einverständnis für die Atomanlagen in Gorleben. Sollten sie irgendwann dagegen sein, spielt das wohl keine Rolle. Denn egal, welche Bundesregierung wie darüber entscheidet - die Kommunalpolitiker werden nicht mehr mitreden können. Denn die atomrechtlichen Verfahren liegen inzwischen beim Bund, sagt Schröder.

Flöter und Schröder wollen sich weiter für das Endlager stark machen. Im Juni waren sie bei Umweltminister Norbert Röttgen. Haben ihm gesagt, dass die Regierung die Bevölkerung im Wendland mit einer Info-Offensive überzeugen muss. "Bis heute ist nichts passiert. Wir sind bitter enttäuscht", sagt Schröder. Röttgen habe versprochen nach Gorleben zu kommen - wenn der Castor-Transport vorüber ist.

Seelsorger zwischen den Fronten

Eckhard Kruse, Pastor

Nur 450 Meter Fußweg liegen zwischen dem Rathaus und dem Pfarrhaus in Gartow. Doch Pastor Eckhard Kruse und CDU-Mann Flöter trennt weit mehr.

Kruse entrollt ein zwei Meter langes Plakat. Darauf ist ein Zeitstrahl zu sehen und Fotos von Höhlenzeichnungen und Pyramiden. Mit dem Vergleich zu historischen Monumenten will der Pastor deutlich machen, welche Herausforderung es ist, Atommüll über eine Million Jahre hinweg sicher zu lagern.

Seit 21 Jahren ist Kruse Pastor in Gartow, nur wenige Kilometer vom Salzstock und dem Zwischenlager in Gorleben entfernt. Im Sommer 2009 ernannte ihn die evangelische Landeskirche zum "Endlagerbeauftragten". Er soll sich mit den ethischen Fragen der Anlage befassen. Und er soll Seelsorger für alle im Ort sein - für Atomgegner und -befürworter. "Ich bin für alle da. Aber ich kann nicht alles gutheißen, was Menschen tun", sagt Kruse über seinen Spagat.

Der evangelischen Kirchengemeinde in Gartow gehört ein Waldgrundstück über dem Salzstock. Zusammen mit anderen Mitstreitern hat die Kirche gegen die Erkundung geklagt. Kruse fordert klare wissenschaftliche Kriterien und den Vergleich mehrerer potentieller Standorte. "Wenn ergebnisoffen erkundet wird, würde ich mich nicht verweigern", sagt er. Doch an dieser Offenheit zweifelt er.

An seinem Rückspiegel im Auto baumelt ein X, doch am Pfarrhaus ist das Widerstandssymbol nicht zu finden. "Das würde bedeuten, dass Leute sich nicht mehr frei fühlen, hierher zu kommen", sagt der Pastor. Schon jetzt kämen manche Gemeindemitglieder nur im Schutze der Dunkelheit ins Pfarrhaus. Sie wollen nicht, dass andere sehen, dass sie den Rat des Anti-Atom-Pastors suchen.

Er erzählt von einer Frau, die sich ihm anvertraute. Die Familie war neu in der Gemeinde. Nach einem Elternabend ließ sich die Frau von jemandem im Auto mitnehmen. Während der Fahrt erzählte sie, dass ihr Mann in einer der Nuklearanlagen arbeitet. Der Fahrer, ein strikter Atomgegner, hielt prompt an und warf die Frau aus dem Auto.

Helfer der Atomlobby

Rolf Meyer, langjähriger Pressesprecher der Endlagerbetreiber

Gorleben

Rolf Meyer kennt jeden Winkel des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Sogar das Erkundungsbergwerk in . Das Gelände ist durch eine Mauer und Stacheldrahtzaun gesichert. Doch Meyer weiß, was sich dahinter verbirgt. Jahrelang arbeitete er dort als Pressesprecher für die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE).

Meyers Aufgabe war es zu zeigen, was auf dem Gelände geschieht. Er wohnte in der Region. Und er hatte über die "Beseitigung von Sonderabfällen in der Wirtschaftsregion Hamburg" promoviert. Nun sollte er in Gorleben für Offenheit und Verständnis für ein Atommüll-Endlager werben. Doch der Erfolg war mäßig. "Ich rutschte im Laufe der Zeit in ein personifiziertes Feindbild", sagt er. Wenn seine Frau, eine Lehrerin, mit Kollegen feierte, wollten diese ihn nicht dabeihaben.

Dabei kann Meyer die Sorge der Atomkraftgegner durchaus verstehen. "Endlagerung ist ein wahnsinnig kompliziertes Geschehen und erstreckt sich über unvorstellbare Zeiträume", sagte er. "Aber man muss sich dem Problem stellen." Der Knackpunkt im Wendland sei: "Wem kann man vertrauen?"

Klaus Poggendorf, Ex-Oberkreisdirektor

Klaus Poggendorf gehört zu den Leuten im Wendland, dem die Atomgegner nicht vertrauen. Als Oberkreisdirektor war er von 1978 bis 1996 an Gorleben-Entscheidungen maßgeblich beteiligt. Der Landkreis genehmigte Bauten auf dem Gelände des Erkundungsbergwerks, er erlaubte und untersagte Demos. Als Atomkraftgegner 1980 das Hüttendorf "Republik Freies Wendland" errichteten, traf Poggendorf die Entscheidung zur Räumung mit. "Das Gesetz zwang uns dazu", sagt er. "Das waren nicht genehmigte Bauten."

Für viele Gorleben-Gegner war Poggendorf ein rotes Tuch. Manche grüßten ihn nicht mehr, er bekam nächtliche Anrufe und Morddrohungen an seine Privatadresse. "Sie sind zum Tode verurteilt", hieß es darin. Als in seinem Büro ein Brief ankam, aus dem Drähte ragten, musste ein Sprengkommando anrücken.

Auch im Ruhestand will Poggendorf das Gorleben-Projekt rechtfertigen. In einer Aktentasche hat er Unterlagen mitgebracht. Er hat ein 300-seitiges Buch geschrieben, vier Jahre hat er gebraucht. "Gorleben - Der Streit um die nukleare Entsorgung und die Zukunft einer Region", heißt das Werk.

Poggendorf erläutert die Argumente der Befürworter, er nennt Zahlen. Die Kooperation in der Endlagerfrage habe der Region auch bei anderen wirtschaftlichen Projekten und Förderprogrammen Türen geöffnet. "Ich war gehalten, mich den Strukturproblemen des Landkreises zu stellen", sagt Poggendorf.

Die Bilanz seiner Amtszeit? "Ich bin nicht unzufrieden."

Unbeirrbare

Hans-Werner Zachow, Landwirt

Hans-Werner Zachow ist bereit für den Castor-Transport. Der Landwirt will dem Atomtreck zusammen mit Kollegen den Weg nach Gorleben so schwer wie möglich machen. "Bäuerliche Notgemeinschaft" nennen sich die Anti-Atom-Landwirte im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Zachow ist Gründungsmitglied, er ist seit 30 Jahren dabei. Wie der Blockade-Plan gegen die Castor-Waggons genau aussieht, verrät der 55-Jährige nicht. Die Polizei soll es nicht im Voraus erfahren.

Zwischen den Ordnern in Zachows Büro steht ein gelbes X. An der Wand hängt ein Bild vom Hüttendorf "Republik Freies Wendland". Auch dort hat der Landwirt 1980 mitgebaut. Zunächst hätten sich seine Eltern wegen seines Engagements gesorgt, sagt Zachow. "Häng dich da nicht so weit rein", warnten sie. "Meine Eltern waren beide in Richtung CDU", erzählt der Landwirt. "Das hat sich geändert." Sein Vater sei noch mit 85 Jahren selbst zu Demos mitgefahren.

Die Bauern im Wendland haben Angst vor den Nuklearanlagen. "Wenn etwas passiert, kauft keiner mehr unsere Produkte", sagt Zachow, der einen Hof mit 70 Milchkühen bewirtschaftet. "Wir werben schon jetzt nicht explizit mit Wendland-Milch." Etwa 500 landwirtschaftliche Betriebe gibt es im Landkreis Lüchow-Dannenberg noch. 20 bis 40 Landwirte zählen zum harten Kern der bäuerlichen Notgemeinschaft. Bei Protestaktionen seien es dann bis zu 200 Leute, sagt Zachow.

Doch nicht alle Bauern machen Front gegen die Nuklearanlagen. Manche haben für viel Geld Land an die Betreiber verkauft. Und einige Ältere haben Vorbehalte gegen Demos.

Manchmal müssen die Widerständler ihren Protest auch ausblenden. "Bei bestimmten Anlässen spricht man nicht darüber", sagt Zachow. "Damit der Rest an Gemeinsamkeiten bleibt."

Wolfgang Ehmke, Lehrer

In Wolfgang Ehmkes Familie hat der Streit um Gorleben bereits einen Keil getrieben. Zu seinem Cousin hat er keinen Kontakt mehr. Dieser hatte Land für die Nuklearanlagen verkauft. "Man spricht nicht mehr miteinander", sagt Ehmke. Er gehört zu den Widerständlern in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. "Fangt nicht mit Gorleben an, sagte meine Mutter vor Familienfeiern", erzählt Ehmke. "Doch dann hat sie als erste das Thema angeschnitten."

Ehmke wurde 1947 im Wendland geboren. Jetzt lebt er vor allem am Wochenende dort. Während der Woche arbeitet er als Lehrer in Hamburg. "Ich brauche die Distanz", sagt er. Dazu gehöre auch die Trennung von Beruf und politischem Engagement.

Wenn er im Wendland Befürwortern begegne, bemühe er sich um Höflichkeit, sagt Ehmke. "Aus Gegnerschaft darf keine Feindschaft werden." Aber dennoch gebe es Szenekneipen im Wendland, in die Befürworter gar nicht erst reinkommen. "Man weiß, wer wo steht."

Ehmke sieht sich im Streit um das Endlager Gorleben auf der Zielgeraden. "Die Zeiten haben sich geändert. Man kann nicht gegen den Bürgerwillen regieren", sagt Ehmke. "Das wird gekippt."

Abhängige

Uwe Müller, Betriebsratsvorsitzender

Sollte das Endlagerprojekt in Gorleben endgültig gekippt werden, würde Uwe Müller seinen Job verlieren. Er arbeitet seit 20 Jahren als IT-Fachkraft auf dem Erkundungsgelände. Als Betriebsratsvorsitzender und Ortsgruppenführer der IG BCE repräsentiert er die Mitarbeiter des meistgehassten Betriebs im Umkreis. Dennoch: "Die Bürgerinitiative hat sich nie gegen die Bergleute gewandt", sagt er.

Allerdings verhalten sich die Gorleben-Mitarbeiter auch möglichst unauffällig. "Auf Diskussionen lasse ich mich nicht ein und Krawallmachern gehe ich aus dem Weg", sagt Müller. Sein Prinzip laute: "Nicht provozieren. In keinster Weise." Als seine Kinder in der Schule Widerstandslieder lernen sollten, hat er sich zwar geärgert - aber nicht beschwert: "Man muss kein Öl ins Feuer gießen."

Am meisten ärgert den Gewerkschafter, dass es keine echte Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern gibt. "Leute, die für die Erkundung sind oder denen es gleichgültig ist, die äußern sich nicht."

Gisbert Stevens, Ex-Bergmann

Gisbert Stevens hat zehn Jahre als Bergmann im Erkundungsbergwerk gearbeitet. "Persönlich angegriffen hat mich niemand", sagt er. Auch in Stevens' Nachbarschaft wohnen Endlagergegner. "Solange kein Castor angekündigt ist, kann man mit denen bestens zusammenleben", erzählt er. Doch wenn der Castor kommt, dann geht man sich aus dem Weg. "Diskussionen machen dann relativ wenig Sinn", sagt Stevens.

Die Erkundung des Salzstocks sei eine komplexe Materie. "Jeder versucht irgendwo mitzureden", sagt der 62-Jährige. Auch er hat sich durch Gutachten gearbeitet und wissenschaftliche Arbeiten zu Endlagern gelesen. "Ich bin dafür, dass der Salzstock ergebnisoffen untersucht wird", sagt er. "Wenn sich herausstellen sollte, dass er sich nicht eignet, stelle ich mich auch auf die Straße und sage: Sucht einen anderen Ort."

Doch nun steht erst einmal der nächste Transport an. "Wenn der Castor kommt, haben wir die fünfte Jahreszeit im Wendland", sagt der ehemalige Bergmann. "Aber die Demonstrationen sind für die Katz. Das Ding kommt sowieso rein."

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