Boris Palmer

Beispiel Stadtwerke Tübingen Atomstrom statt Gas? Das kostet!

Boris Palmer
Ein Gastbeitrag von Boris Palmer
Für viele Blockheizkraftwerke ist es unwirtschaftlich, den Betrieb von Gas auf Öl umzustellen. Damit sich das ändert, braucht es Geld vom Staat – statt Ampelstreit über eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke.
Gasbetriebenes Blockheizkraftwerk der Stadtwerke Tübingen: Es erzeugt nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung gleichzeitig elektrische Energie und Wärme

Gasbetriebenes Blockheizkraftwerk der Stadtwerke Tübingen: Es erzeugt nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung gleichzeitig elektrische Energie und Wärme

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ULMER Pressebildagentur / IMAGO

Der Autohimmel kommt aus Tübingen. Dachhimmel, so heißt die textile Decke im Fahrzeuginneren eines Pkw. Und die hochwertigen Stoffe dafür kommen häufig von Rösch. Einem 1949 in Tübingen gegründeten Textilunternehmen, das in dritter Generation als Familienbetrieb geführt wird. Über 500 Menschen arbeiten für Rösch in der Stoffproduktion an riesigen Maschinen. Ohne Gas geht in der Textilveredelung nichts.

Bislang hat die Firma sich in einem extrem anspruchsvollen Markt am Standort Deutschland behauptet. Wenn diesen Winter aber der Gashahn abgedreht wird, steht die Produktion still. Wenn Rösch die Lieferverträge nicht mehr erfüllen kann, sind die Kunden nach wenigen Tagen weg und kommen nicht wieder. Ein Beispiel für die drohende industrielle Kernschmelze durch eine Gasmangellage. Gas einzusparen ist das Gebot der Stunde.

Die Verstromung von Erdgas muss sofort beendet werden, fordert deshalb der FDP-Vorsitzende Christian Lindner. »Wir haben ein Wärmeproblem, kein Stromproblem«, entgegnet ihm die Grünenvorsitzende Ricarda Lang und weist damit Lindners Forderung nach längeren Laufzeiten für die drei verbliebenen Atomkraftwerke zurück. Gas wird in diesem Koalitionsstreit nicht gespart.

Dabei wäre das sehr wohl möglich, wenn die politische Energie auf das konkrete Problem gerichtet würde, statt einen fruchtlosen Prinzipienstreit über Atomkraft zu führen. Allein durch längere Laufzeiten von Atomkraftwerken sparen wir kein Gas. Das gelingt erst, wenn Marktbedingungen für die Gasverstromung angepasst werden. Robert Habeck hatte hierzu einen Versuch unternommen, Erdgas durch eine Pönale so teuer zu machen, dass sich die Stromerzeugung nicht mehr lohnt und andere Kraftwerke einspringen. Das hat die FDP verhindert.

Am Beispiel der Stadtwerke Tübingen lässt sich zeigen, warum die Gasverstromung bisher uneingeschränkt weiterläuft. Noch vor den Industriebetrieben sind die Stadtwerke der größte Gasverbraucher in Tübingen. Rund 20 Prozent des gesamten Verbrauchs werden in ihren Blockheizkraftwerken verbrannt, die gleichzeitig Strom und Fernwärme erzeugen. Nach geltender Rechtslage soll das auch so bleiben, wenn die Firma Rösch schon lange kein Gas mehr bekommt, weil die privaten Wärmekunden besonderen Schutz genießen.

Um die Wohnungen in Tübingen warm zu halten, müsste man aber kein Gas verheizen. Ein Fernwärmenetz benötigt für die Spitzenlast und als Sicherheitsreserve immer Heizkessel, und diese sind im Gegensatz zu den Erdgasmotoren problemlos mit Öl zu befeuern. Die Umstellung wäre technisch also einfach zu bewerkstelligen, und Öl ist in ausreichender Menge lieferbar. Die Erdgasmotoren laufen aber trotzdem weiter, weil es ökonomisch ein Desaster für die Stadtwerke bedeuten würde, auf Ölbetrieb umzuschalten.

Das liegt nur zum kleinsten Teil am relativ hohen Ölpreis. Der eigentliche Grund liegt vielmehr im Design des deutschen Strommarktes. Die Stadtwerke haben nämlich die Stromerzeugung aus ihren Blockheizkraftwerken bereits langfristig an Tübinger Kunden verkauft. Wenn sie die Stromerzeugung nun einstellen, was mit der Umstellung auf Ölbetrieb einherginge, müssen sie ersatzweise die gleiche Menge Strom an der Börse kaufen, um ihre Lieferverpflichtung zu erfüllen. Strom ist aber aktuell etwa fünfmal teurer als die Produktionskosten im eigenen Blockheizkraftwerk. Denn auch das Gas haben die Stadtwerke langfristig zu einem Bruchteil des aktuellen Börsenpreises eingekauft. Eine Prognoserechnung für das zweite Halbjahr zeigt, dass der Verzicht auf die Gasverstromung einen Verlust von etwa 14 Millionen Euro zur Folge hätte. Das kann sich ein Stadtwerk, das in normalen Jahren vier Millionen Euro Gewinn macht, natürlich nicht leisten.

Volkswirtschaftlich sieht die Rechnung anders aus. Die Erdgasverstromung macht immer noch etwa 12 Prozent des Gasverbrauchs aus. Etwa zwei Drittel davon sind Blockheizkraftwerke, die in aller Regel auf Ölkessel umgestellt werden könnten. Damit ließen sich also mehr als 5 Prozent des gesamten Gasverbrauchs schnell einsparen. Das ist die größte derzeit ungenutzte Möglichkeit zum Ersatz von Erdgas. Möglicherweise ließen sich mit dieser Einsparmenge Abschaltungen für die Industrie gerade noch verhindern. Verglichen mit den Schäden einer industriellen Kernschmelze sind die Kosten der Betreiber für die Umstellung auf Öl gering. Überträgt man die Tübinger Verhältnisse auf das ganze Land, müssten dafür diesen Winter etwa 5 Milliarden Euro aufgebracht werden. Das erscheint nicht zu viel, um Abschaltungen von Industrieprozessen unwahrscheinlicher zu machen.

Christian Lindner könnte seiner Forderung nach einem Ende der Gasverstromung also Taten folgen lassen. Er müsste den Betreibern von Kraftwärmekopplungsanlagen eine Prämie für die Umstellung auf Kesselheizung mit Öl anbieten. Die genau Höhe könnte in einem Bieterverfahren bestimmt werden, bei dem die Betreiber den Betrag nennen, den sie für die Einstellung der Gasverstromung benötigen. Der Bund könnte dann in Abhängigkeit von den Angeboten und seiner eigenen Einschätzung der Lage die frei werdenden Erdgasmengen aufkaufen und den Industriebetrieben neu zuteilen.

Bliebe die Frage zu klären, woher dann der Strom kommen soll, der nicht mehr in Blockheizkraftwerken erzeugt wird. Hier könnten die Atomkraftwerke eine Rolle spielen. Im Streckbetrieb, also über den Jahreswechsel hinaus, wäre deren Leistung in einer ähnlichen Größenordnung verfügbar wie die ausfallende Stromerzeugung mit Erdgas. Bis zum übernächsten Winter wird sich Deutschland – so auch Robert Habecks Plan – unabhängig von russischem Gas gemacht haben, sodass Atomstrom als Ersatz für Gasstrom dann nicht mehr nötig sein müsste.

Im Rahmen eines Pakets zur Verringerung der Gasverstromung macht eine Verlängerung der Laufzeiten nur bis in das Frühjahr 2023 Sinn. Dazu könnten dann auch die Grünen leichter Ja sagen. Wer hingegen einen abstrakten Streit um Atomkraftlaufzeiten womöglich bis 2024 vom Zaun bricht, erhält zu Recht ein klares Nein als Antwort. Damit der Autohimmel weiter aus Tübingen kommt, sollten FDP und Grüne das Problem der Erdgasverstromung gemeinsam anpacken.

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