Atomtransport Castor-Gegner rüsten zum Protestfinale

Traktorblockaden und Protest mit Dudelsäcken: Rund tausend Demonstranten haben die Tore vor dem Atommüll-Zwischenlager in Gorleben besetzt - auf selten kreative Weise. Während die Polizei versucht, das Gebiet zu räumen, verzögert sich das Eintreffen der Castor-Behälter weiter.

Aus Gorleben berichtet SPIEGEL-TV-Reporterin


Gorleben - Dicht an dicht liegen sie im Stroh, die gefütterten Jacken bis zum Kinn verschnürt, die Beine in silberglänzende Isolierdecken gehüllt. Der Anblick gleicht der Nachtruhe eines Jugendlagers auf dem Heuboden - doch die etwa tausend Menschen sind Atomgegner, sie haben ihr Camp vor den Toren des Zwischenlagers in Gorleben aufgeschlagen und warten auf das Protestfinale.

Sie alle rüsten sich für die letzte Etappe des elften Atomtransports ins Zwischenlager Gorleben: Elf Castor-Behälter aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague sollen im Laufe des Tages eintreffen.

In den Morgenstunden ist alles friedlich. Einige Demonstranten holen Schlaf nach; sie sind schon seit drei Tagen im Einsatz und blockieren die Einfahrt. Andere lesen Zeitung, trinken Kaffee aus Blechtassen oder stehen am Suppenwagen an.

Gegen Mittag ruft die Polizei mit einem Megafon dazu auf, das Areal zu verlassen. An den Zufahrtswegen werden Metallgitter aufgebaut, Polizisten gehen in Stellung. Dreimal bleibt es bei mündlichen Warnungen, dann beginnen die Beamten mit der Räumung. Die Aktion geht allerdings zur langsam voran - es sind zu viele Demonstranten, einige sind sogar auf Laternenpfähle geklettert. Im Minutentakt tragen Beamte Demonstranten von der Castor-Strecke hinter eine Absperrung.

Traktorblockade auf der Nordstrecke

Der Grund für die Polizeipräsenz: Am Sonntag hatte es zum Teil heftige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und großen Gruppen von Blockierern auf dem Schienenweg Lüneburg-Dannenberg gegeben, mit Schlagstockeinsatz, brennenden Barrikaden und Verletzten auf beiden Seiten.

Die Route wurde bis zuletzt geheimgehalten. Doch die Protestler sind bestens organisiert; über eine SMS-Kette werden sie laufend mit Informationen der Anti-Atom-Initiativen versorgt. Mehrere Greenpeace-Aktivisten haben sich an einem Sattelschlepper angekettet, in den Bäumen sitzen Robin-Wood-Demonstranten. Auf einer der beiden möglichen Routen blockieren Dutzende Traktoren die Straße.

Doch Barrikaden und Sperren sind längst nicht mehr die einzigen Mittel der Gegner. "Der Protest ist kreativer geworden", sagt eine Polizeisprecherin. Eine Gruppe Demonstranten in Clownskostümen, die auch schon beim G-8-Gipfel in Heiligendamm auffielen, ist vor Ort. Musik-Combos mit Bongotrommeln, Gitarren und sogar Dudelsäcken unterstützen die Blockaden lautstark.

Greenpeace misst höhere Strahlung

Der Protest der Gegner wird befeuert durch eine Nachricht, die sich ebenfalls rasend schnell über den SMS-Ticker verbreitete: Die beim laufenden Atommülltransport benutzten Behälter sollen mehr Strahlung abgeben, als bei einer früheren Vergleichsmessung festgestellt worden war, sagt Greenpeace und beruft sich auf eigene Messungen. Die französischen Behälter vom Typ TN85 setzten demnach deutlich mehr Neutronenstrahlung frei als die Castor-Behälter der vorausgegangenen Transporte, erklärte die Umweltschutzorganisation.

Die Unterstützung der Bewohner ist indes groß: Überall sieht man vogelscheuchenähnliche Puppen aus Stroh in Lebensgröße, die mit Anti-Atom-Plakaten, Lichterketten und dem Widerstandssymbol, einem großen "X" bestückt sind. Die Puppen hängen an Häusern und Bäumen, stecken in abgeernteten Feldern, säumen die Straßen.

Noch ist unklar, wann der Transport in Gorleben eintreffen wird. "Wir werden die Blockade so früh lösen, dass wir ungehindert einfahren können", hieß es am Morgen seitens der Polizei - doch der Protest hat bereits jetzt Wirkung gezeigt: Der Transport hat mittlerweile eine Verspätung von rund 14 Stunden, weil sich am Samstag drei Demonstranten an der deutsch-französischen Grenze an die Gleise angekettet hatten. Auch ging am Montagvormittag das Umladen der elf Behälter vom Atommüllzug auf Tieflader in Dannenberg nur schleppend voran. Nach Angaben der Polizei waren um 10.50 Uhr erst acht Behälter umgesetzt.

Mit Material von dpa und AP

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Klo, 10.11.2008
1.
Zitat von sysopDie Atomenergie ist wieder intensiv in der Diskussion. Der Castor-Transport mit Atommüll aus dem französischen La Hague bot Anlass zu heftigen Aktionen der Atomgegner. Was bringen die Proteste? Wie soll künftig mit der Atomenergie umgegangen werden?
Die Proteste sind eindeutig gerechtfertigt. Da die Transport- und Endlagerproblematik noch auf viele Jahre nicht gelöst sein wird und die derzeitigen Entsorgungskonzepte in allen Punkten mangelhaft sind, ist der beschlossene Ausstieg aus dieser Technologie nur folgerichtig. Die Kosten für den Steuerzahler für diese Art der Stromproduktion sind einfach zu hoch und es kommt deutlich billiger, einen Umbau der Energiewirtschaft jetzt zu finanzieren, den man früher oder später ohnehin finanzieren muß.
schlob 10.11.2008
2.
Zitat von KloDie Proteste sind eindeutig gerechtfertigt. Da die Transport- und Endlagerproblematik noch auf viele Jahre nicht gelöst sein wird und die derzeitigen Entsorgungskonzepte in allen Punkten mangelhaft sind, ist der beschlossene Ausstieg aus dieser Technologie nur folgerichtig. Die Kosten für den Steuerzahler für diese Art der Stromproduktion sind einfach zu hoch und es kommt deutlich billiger, einen Umbau der Energiewirtschaft jetzt zu finanzieren, den man früher oder später ohnehin finanzieren muß.
Viele wackere leute protestieren in Gorleben gegen die Einlagerung des deutschen Mülls,der von der Wiederaufarbeitung aus Frankreich vertragsgemäss zurückkommt.- Wenn der Müll nicht in Deutschland gelagert werden soll, wo dann?- -Wir können das Zeug ja nicht einfach in den Strassengraben kippen.-Vermeiden geht nicht mehr-der Müll ist da.- Ich schlage vor,dass wir mit Russland einen Vertrag schliessen. Russland hat aus Jahrzehnten Atombomben-Produktion der SU,der Produktion von Atom-U-Booten,aus Kernwaffentests und eigenen Kraftwerken vom Typ Tchernobyl sowieso gewaltige Berge an radioaktivem Müll- hundertmal grössere als Deutschland.- Der Einwand: Wir stehlen uns aus der Verantwortung, darf natürlich nicht gelten.Wir müssen dies Abkommen an Bedingungen knüpfen,dass dieser unser Müll- und der russische sicherer gelagert werden als bisher.-Und wir müssen dies kontrollieren können. -Das geht durchaus.- Schon die SU hat Wirtschaftsverträge immer korrekt eingehalten.- Damit hat dann hat die Sicherheit für beide Völker zugenommen.-In Deutschland haben wir gar keinen Endmüll mehr- in Russland werden die bisherige Müllberge besser gesichert.- Es ist unsinnig,diese Probleme heute national lösen zu wollen.Ebenso unsinnig,wie ein Alleingang beim CO2 wäre. Radioaktive Wolken halten sich nicht an Grenzen.- Wenn Deutschland seinen Müll absolut sicher lagert- und in Russland bleibt der Müll ziemlich schlecht gesichert,ist hiervon die Sicherheit beider Völker bedroht.- Im übrigen lassen wir ja schon unseren Müll in Frankreich aufarbeiten,weil die Grünen Wackersdorf verhindert haben.- Wir schicken also unseren gefährlichen Müll sowieso schon ins Ausland. - Trotzdem wäre wohl eine Änderung des sowieso überholten Atom-Gesetz nötig.- Wer ein besseres Konzept hat,möge sich melden.
diefreiheitdermeinung 10.11.2008
3. Diktat der Ungewaehlten
die ganze Sache ist n ur ein weiterer Beweis, dass das was in Deutschland laeuft oder nicht laeuft immer mehr von ungewaehlten Minderheitsgruppen bestimmt wird. Waehrend wir auf eine teure Energie- und Wirtschaftskrise zusteuern faellt ein paar tausend Exremisten nichts Besseres ein als mehr als 15000 Polizeukraefte zu binden. Wer uebernimmt die Kosten ? Natuerlich der Steuerzahler ? Es ist an der Zeit die Diktatur der Minderheiten zu brechen und diese mit Umlage der verursachten Kosten zu belasten. Nochwas: die Medien scheinen sich darin einig, dass immer die Polizei an dem angeblichen Debakel schuld sei. Was schlaegt sie denn vor ? Rueckzug und Eingehen auf die Forderungen der Minderheit ? Wattebaeusche werfen ?
Ernst August 10.11.2008
4.
Zitat von sysopDie Atomenergie ist wieder intensiv in der Diskussion. Der Castor-Transport mit Atommüll aus dem französischen La Hague bot Anlass zu heftigen Aktionen der Atomgegner. Was bringen die Proteste? Wie soll künftig mit der Atomenergie umgegangen werden?
Die Zahl der aktiven Demonstranten ist dieses Mal wieder enorm hoch. Getrieben sind sie wahrscheinlich durch die Ereignisse um Hessen und durch die Klimakatastrophe. Sie wollen den Wechsel (nicht nur) in der Energiepolitik. Das Change aus den USA macht sie "Yes wir können" wie lange nicht. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und sie kämpfen für eine bessere Welt - und zwar zuerst in ihrer Heimat. Wo sonst!
luri80 10.11.2008
5.
Zitat von KloDie Proteste sind eindeutig gerechtfertigt. Da die Transport- und Endlagerproblematik noch auf viele Jahre nicht gelöst sein wird und die derzeitigen Entsorgungskonzepte in allen Punkten mangelhaft sind, ist der beschlossene Ausstieg aus dieser Technologie nur folgerichtig. Die Kosten für den Steuerzahler für diese Art der Stromproduktion sind einfach zu hoch und es kommt deutlich billiger, einen Umbau der Energiewirtschaft jetzt zu finanzieren, den man früher oder später ohnehin finanzieren muß.
Proteste? Was hier abgeht hat doch nichts mehr mit Protest zu tun, das sind kriminelle Krawallmacher die allesamt auf Schadensersatz verklagt gehören, für die dutzende Millionen Euro Schaden den sie dem Steuerzahler verursachen. Atomstrom kann mit Abstand am günstigsten hergestellt werden und dabei wird noch nicht einmal CO2 in die Atmosphäre gepumpt. Umstieg ja, aber bitte nicht in Zeiten globaler Wirtschaftsflaute und bitte auch nicht um jeden Preis.
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