Atomtransport im Wendland Polizei alarmiert wegen aggressiver Castor-Gegner

Mehrere Verletzte, blockierte Gleise, beschädigte Polizeiwagen: Der Castor-Transport ist noch nicht mal gestartet, da spitzt sich die Lage am Atommülllager Gorleben schon zu. Die Polizei ist besorgt - die Gegner seien viel aggressiver als in den vergangenen Jahren.


Gorleben - Atomkraftgegner hätten Einsatzfahrzeuge schwer beschädigt und die Bahnstrecke blockiert. Einsatzleiter Friedrich Niehörster äußerte sich besorgt über die Gewaltbereitschaft einiger Demonstranten. Im Vergleich zu den Vorjahren sei eine deutliche Steigerung der Aggressivität erkennbar.

Protest gegen den Castor-Transport: Eine Demonstrantin ist auf ein Verkehrsschild geklettert
DDP

Protest gegen den Castor-Transport: Eine Demonstrantin ist auf ein Verkehrsschild geklettert

Die schwersten Auseinandersetzungen gab es in der vergangenen Nacht in der Ortschaft Quickborn. Nach Polizeiangaben hatten Beamte dort einen Kleinlastwagen gestoppt und auf der Ladefläche einen Betonklotz mit einer Ankettvorrichtung entdeckt. Der Fahrer, der Beifahrer sowie weitere Demonstranten hätten sich massiv gegen die Kontrollen gewehrt. Ein Demonstrant soll einem Beamten dessen Metall-Taschenlampe entrissen und damit auf den Polizisten eingeschlagen haben. Der 28-Jährige musste mit schweren Gesichtsverletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden.

Ein Sprecher der Atomgegner berichtete, die Polizei habe in Quickborn Teilnehmer eines Laternenumzuges mit Pfefferspray attackiert. Drei Atomkraftgegner seien verletzt und im Krankenhaus behandelt worden. Die Polizei erteilte 21 Platzverweise.

Mit einem Traktor blockierten Atomkraftgegner in der Nacht die Castorstrecke in der Nähe von Metzingen. Beamte der Bundespolizei mussten einen Personenzug stoppen, eine Schulklasse erreichte dadurch ihr Ziel erst 90 Minuten später.

In Neu Tramm bewarfen Jugendliche Polizeifahrzeuge mit Steinen. Nach Angaben der Polizei haben vermutlich Atomkraftgegner bei Gorleben an der Castorstrecke ein Loch gegraben und die Fahrbahn teilweise unterhöhlt. Die rund 1,40 Meter tiefe Kuhle sei von Polizisten entdeckt und inzwischen wieder zugeschüttet worden.

Der Castor-Transport soll nach Informationen der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen heute Abend starten und morgen Mittag gegen 14.30 Uhr bei Lauterbourg die deutsch-französische Grenze erreichen. Die weitere Strecke wird noch geheim gehalten, allerdings gebe es Hinweise darauf, dass der Zug über Karlsruhe - Mannheim - Darmstadt fahren werde.

Insgesamt sollen zwölf Behälter mit radioaktivem Material aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben transportiert werden. Die Ankunft in Gorleben ist für Sonntag geplant.

Die französischen Atomkraftgegner widmen ihre Aktionen in diesem Jahr dem Demonstranten Sébastien Briat, der bei einer Protestaktion während eines Castor-Transportes am 7. November 2004 ums Leben gekommen war.

In Gorleben befinden sich nach Angaben der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiative derzeit 68 Castor-Behälter in einer Stahlbetonhalle, die lediglich als Wetterschutz diene. Die Erkundungsarbeiten im Gorlebener Salzstock, der als mögliches Endlager in Frage kommt, seien derzeit unterbrochen. Jeder Castor-Transport bedeute eine weitere Vorfestlegung auf den von Wassereinbrüchen bedrohten Salzstock als Endlagerstandort, kritisierten die Atomkraftgegner.

An diesem Wochenende rollt der zehnte Castor-Transport Richtung Zwischenlager Gorleben. Der erste Konvoi war am 25. April 1995 im Wendland eingetroffen. Der beförderte Atommüll kam damals direkt aus dem deutschen Kraftwerk Philippsburg. Schon vor elf Jahren gab es massive Proteste mit mehreren tausend Atomkraftgegnern. Seitdem fanden bislang acht Transporte statt, sieben davon aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Nordfrankreich.

hen/Reuters/AP/AFP/ddp



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