Attentatsplan Palästinenser wollte Israels Botschafter in Berlin töten

Berlin sollte offenbar Schauplatz eines spektakulären Terroranschlags werden. Der israelische Botschafter Schimon Stein war im Visier eines palästinensischen Extremisten, der versuchte, Attentäter zu rekrutieren - allerdings erfolglos. Für Verwirrung sorgt in der Hauptstadt, dass die Behörden erst aus der Presse von dem Fall erfuhren.

Tel Aviv/Berlin - Die israelische Botschaft bestätigte am Freitag einen Bericht des Berliner "Tagesspiegel" über den geplanten Anschlag auf den Berliner Botschafter Shimon Stein. Allerdings wurde sowohl die Botschaft als auch die Berliner Behörden erst durch den Bericht des Jerusalemer Korrespondenten der Zeitung auf den Fall aufmerksam. "Der Fall ist alt, doch über die Pläne, in Berlin einen Anschlag zu verüben, haben wir auch erst jetzt erfahren", sagte der Sprecher der Botschaft, Amit Gilad am Freitagnachmittag.

Hintergrund des jetzt bekannt gewordenen Plans ist demnach ein Gerichtsverfahren gegen den Palästinenser Alam Mahmud Koka, der zurzeit wegen insgesamt 27 verschiedener Anklagepunkte vor einem israelischen Militärgericht in Samaria im besetzten Westjordanland steht.

Die israelischen Ankläger werfen dem mutmaßlichen Kommandanten einer Terrorzelle der so genannten al-Aksa-Brigaden unterschiedliche Terror-Aktionen vor. Der wichtigste Anklagepunkt ist jedoch die Planung eines Anschlags auf Schimon Stein im vergangenen Jahr in Berlin. Im August 2002 wandte sich der mutmaßliche Terrorist demnach per E-Mail an eine in Deutschland lebende Libanesin. Von ihr wollte er laut Anklageschrift Bilder von der israelischen Botschaft in Berlin bekommen, offenbar um einen Anschlag zu planen.

Als sich die Bekannte jedoch weigerte, soll sich Koka an einen gewissen Amad Akuba gewandt haben, der Angehöriger einer auf terroristische Aktivitäten im Ausland spezialisierten al-Aksa-Zelle sein soll. Doch auch dieser schlug Kokas Plan nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten aus. Laut der israelischen Anklage jedoch gab Koka auch dann noch nicht auf und soll Hilfe bei den Extremisten des Islamischen Dschihad gesucht haben. Dort soll er einen Mann namens Mufid Marmash angesprochen haben, der Kokas Plan eines Attentats auf Stein jedoch ebenfalls ablehnte.

In Berlin erfuhr man erst durch die Presse von dem Fall

Welche Beweise die israelischen Ankläger gegen den Palästinenser Koka und für seinen angeblichen Mord-Plan haben, ist bisher unbekannt. Die Berliner Behörden wurden bisher in den Fall nicht eingeschaltet. Aus Sicherheitskreisen war zu erfahren, dass die Israelis sich nicht an die Hauptstadt-Polizei gewandt haben. Nun wollen sich die Berliner Fahnder in Israel erkundigen, was hinter dem vermeintlichen Mord-Plan in der Hauptstadt steckt. "Wenn es wirklich einen Berliner Bezug gibt, würde der uns natürlich auch interessieren", so ein Beamter.

So mancher Behördenmitarbeiter der für die Sicherheit zuständigen Innenverwaltung zeigte sich jedoch reichlich verwundert über den Fall. "Normalerweise melden die Israelis jeden noch so leisen Verdacht über Gefährdungen an uns und wollen, dass wir ihm nachgehen", sagte ein Beamter am Freitag. Dass nun ein offenbar sehr konkreter Verdacht durch die Presse zur Polizei und Innenverwaltung gelangt, ist nicht nur für ihn überraschend. Auch in der Botschaft selber war man von der Art, wie die Nachricht nach Berlin gelangte, wie es hinter vorgehaltener Hand hieß, "leicht verwirrt".

Unabhängig von dem jetzt bekannt gewordenen Verdacht gehört Israels Botschafter wie seine Vorgänger nach Einschätzung der Berliner Staatsschützer zu den am meisten gefährdeten Personen der Hauptstadt. Dementsprechend wurde Stein schon zu Beginn seiner Tätigkeit in die höchste der drei Sicherheitsstufen für zu schützende Personen eingeordnet. Er wird ständig von mehreren zivilen Personenschützern der Berliner Polizei begleitet, fährt in einem gepanzerten Wagen. Auch wenn er in Deutschland unterwegs ist, weichen die Polizisten nicht von seiner Seite. Jedes Gebäude, das der Botschafter für Termine betritt, wird vorher mit Hunden auf Bomben untersucht, am Eingang werden vor dem Termin Kontrollposten aufgestellt.

Behörden wollen Gefährdung prüfen

Nach den Berichten aus Israel wollen die verantwortlichen Stellen die Sicherheitsvorkehrungen für den Botschafter nun noch einmal prüfen. "Viel mehr wird allerdings nicht drin sein, wir sind in diesem Fall einfach auf der höchsten Stufe", so einer der Personenschützer am Freitag. Botschafter Stein und sein Sprecher waren am Nachmittag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Stein selber hatte jedoch noch vor wenigen Wochen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE gesagt, dass er mit der Sicherheitsbetreuung der Berliner Behörden zufrieden ist.

In der eigenen Botschaft wird Botschafter Stein zusätzlich von eigenen Bodyguards vom israelischen Geheimdienst geschützt. Für Empörung sorgten einmal zwei der Personenschützer, die vor vier Jahren eine symbolische Besetzung des israelischen Generalkonsulats durch etwa 50 unbewaffnete Kurden beendeten. Die Kurden wollten damals gegen die bis heute nicht endgültig geklärte israelische Rolle bei der Verhaftung des Kurden-Führers Abdullah Öcalan protestieren.

Kurz nach der Besetzung des Konsulats eröffneten die Sicherheitsleute ohne erkennbaren Grund mit ihren Waffen das Feuer auf die Menge und töteten vier Kurden, darunter ein 18-jähriges Mädchen. Bis heute ist der Vorfall nicht juristisch aufgearbeitet, da die Männer mit ihren Diplomatenpässen umgehend nach Israel zurückkehrten. Die Berliner Justiz kennt noch nicht mal die Namen der Schützen, die sich bei einer anonymen Vernehmung auf Notwehr beriefen. Eine später eingesetzte Untersuchungskommission kam jedoch bereits Ende 1999 zu dem Ergebnis, dass keine Notwehrsituation vorlag.

Matthias Gebauer