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Attrappe in Windhuk Fahnder gehen Spuren in den USA nach

Kabel, Zünder, Uhr - aber keine Bombe, nur eine Attrappe. Doch wer könnte den Testkoffer in einem deutschen Flugzeug in Namibia platziert haben? Und warum? Ermittler gehen diesen Fragen nun nach, erste Spuren führen in die USA.

Hamburg - Die Miene des Ministers ist ungerührt, die Hände ruhen auf der Tischplatte, als er die entscheidenden Worte spricht: Das am Flughafen in Windhuk sichergestellte Gepäckstück sei eine ungefährliche Attrappe gewesen, verkündet Thomas de Mazière. Das Objekt nenne sich "Realtestkoffer", stellt der Bundesinnenminister klar, hergestellt in den USA, eventuell auch dort verkauft. Nur an wen, das wisse man noch nicht.

Auf die Nachfrage, ob es Hinweise gebe, dass ein "befreundeter oder möglicherweise weniger befreundeter" Geheimdienst den Koffer auf die Reise geschickt haben könnte, sagte der CDU-Politiker, das sei Gegenstand von Ermittlungen. Er nannte es jedoch "sehr unwahrscheinlich", dass deutsche Behörden das Gepäckstück auf dem Flughafen Windhuk platziert haben könnten. Aber auch das werde noch überprüft.

Ebenso wenig wollte der Innenminister die Fragen der Journalisten beantworten, ob deutsche Ämter derartige Koffer einsetzten und ob er darüber gegebenenfalls informiert würde. Die Öffentlichkeit könne sicher sein, so de Mazière, "dass ich diese Fragen auch stelle". Auch ihm sei neu gewesen, dass es sich um einen Testkoffer gehandelt habe. Das sei ihm erst am Vormittag mitgeteilt worden.

Rätselhafte Attrappen-Aktion in Afrika

Das Gepäckstück der US-Firma Larry Copello, das üblicherweise dazu dient, Sicherheitskontrollen zu testen, war am Mittwochabend in Namibia vor dem Start des Air-Berlin-Flugs AB 7377 nach München sichergestellt worden. Es enthielt eine Batterie, einen Zünder und eine laufende Uhr. SPIEGEL ONLINE hatte bereits am Donnerstag von Hinweisen berichtet, dass es sich um eine Testbombe gehandelt haben könnte.

Doch was steckt hinter der Attrappen-Aktion?

Aus Sicherheitskreisen in Berlin war zu hören, es sei wohl ein westlicher Geheimdienst gewesen, der nach dem "Jemen-Debakel" die Vorkehrungen auf einem "entlegenen Flughafen" habe überprüfen wollen. Es könnte die CIA dahinter gesteckt haben. Die Vermutungen gingen "eben in Richtung USA". Ein nicht namentlich genannter Beamter der Fluggesellschaft Air Namibia sagte gleichwohl der Nachrichtenagentur Reuters, die örtliche Polizei habe den Test durchgeführt.

Als "sehr peinlich" wird von Fachleuten empfunden, dass der Bomben-Dummy zunächst über längere Zeit als akute Bedrohung verkauft worden sei. Es wurde der Vorwurf erhoben, dass das Innenministerium und die deutschen Sicherheitsbehörden nicht in der Lage gewesen seien, die Folgen ihres "Irrtums" einzuschätzen. "Das hätte so nicht passieren dürfen", sagte ein Innenexperte.

Geheime Anweisung

Es gibt in Deutschland eine geheime Anweisung, dass Versuchspersonen regelmäßig die Kontrollanlagen auf Flughäfen testen müssen. Als gewöhnliche Passagiere getarnt, werden diese Undercover-Reisenden mit einer versteckten Pistole, einem Messer oder anderen gefährlichen Gegenständen ausgestattet. Die Szene wird verdeckt von Sicherheitsleuten beobachtet. Kann die Versuchsperson ungehindert die Schleuse passieren, "dann ist was los", so ein Experte. "Aber wir können auf diese Weise Rückschlüsse ziehen, wie wir für eine möglichst absolute Sicherheit sorgen können", betonte er.

Da sich die Kontrollen für die Luftfracht als "sehr unwirksam" erwiesen hätten, "muss jetzt auf zunächst unkonventionelle Weise versucht werden, die gravierenden Probleme in den Griff bekommen", verlautete aus Sicherheitskreisen. Dazu habe offensichtlich auch das "Unternehmen Windhuk" gehört. Es stehe jedoch fest, dass deutsche Sicherheitsbehörden nicht an diesem Versuch beteiligt waren. Das wäre "sonst ein Skandal".

Es soll zu den internationalen Gepflogenheiten gehören, dass sich deutsche Sicherheitsbehörden mit ausländischen Partnern absprechen, wenn sie auf einem nichtdeutschen Flughafen Sicherheitskontrollen durchführen wollen. "Das ist Usus", so ein Fachmann. Das müsse aber genau "abgesprochen und durch die jeweilige Regierung genehmigt werden". Und daran würden sich die deutschen Sicherheitsbehörden auch halten.

"X-Ray Test Object - non-hazardous"

Auf der in Windhuk aufgetauchten Attrappe soll gestanden haben: "X-Ray Test Object - non-hazardous" (Röntgen-Testobjekt - ungefährlich). Der falsche Sprengsatz habe sich in einem Gepäckstück von der Größe eines Laptops befunden, hieß es. Es sei eine "ähnliche Machart" wie bei den Paketbomben aus dem Jemen gewesen, sagte ein Geheimdienstler. Der Verdacht liege daher nahe, dass es US-Behörden gewesen seien, die nun in Windhuk die Sicherheit des internationalen Luftverkehrs hätten testen wollen.

Die verschärften Sicherheitskontrollen in Deutschland sollen nach Polizeiangaben mindestens bis Jahresende aufrechterhalten werden. Aus Sicht der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) werden nun Lücken bei den Sicherheitsbehörden deutlich. "Wir stopfen Löcher mit immer neuen Löchern", sagte der nordrhein-westfälische DPolG-Chef Erich Rettinghaus. "Das geht so nicht weiter."

Mit Material von dapd
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