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22. August 2019, 17:26 Uhr

Aufarbeitung des Hitler-Stalin-Pakts

"Gorbatschow wusste genau Bescheid"

Ein Interview von

Vor 30 Jahren bestätigte und verurteilte Russland die folgenreichen Geheimabsprachen des Hitler-Stalin-Pakts. Litauens Ex-Staatschef Vytautas Landsbergis war dabei - und erklärt, wie der historische Beschluss zustande kam.

Am 23. August jährt sich zum 80. Mal der Abschluss des Stalin-Hitler-Pakts. Um freie Hand beim Einfall in Polen zu haben, hatte Hitler 1939 einen Nichtangriffsvertrag mit der Sowjetunion geschlossen, zu dem auch Geheimprotokolle gehörten. In ihnen einigte er sich mit Stalin auf die Abgrenzung der Interessengebiete. Polen wurde zwischen beiden Ländern aufgeteilt, die Sowjetunion bekam freie Hand in Bessarabien, Finnland und im Baltikum. Am 17. September 1939 - gut zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen - marschierten auch sowjetische Truppen in Polen ein. Sie besetzten 52 Prozent des polnischen Territoriums mit einer Bevölkerung von mehr als 13 Millionen Menschen. 240.000 polnische Soldaten wurden gefangengenommen, etwa 20.000 polnische Offiziere, Polizisten und Intellektuelle später in sowjetischen Lagern erschossen. 330.000 Menschen wurden nach Sibirien oder Zentralasien deportiert.

Unter KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow wurde der Abschluss des Pakts im Dezember 1989 als moralisch verwerflich verurteilt und vom Moment seiner Unterzeichnung an für ungültig erklärt: Stalin habe mit den Nachbarn in der Sprache von Ultimaten und Drohungen geredet, gegen Finnland selbst zu den Waffen gegriffen und die baltischen Republiken rücksichtslos sowjetisiert. Christian Neef sprach in Vilnius mit einem der Initiatoren des damaligen Beschlusses, dem Führer der früheren litauischen Unabhängigkeitsbewegung und späteren amtierenden Staatsoberhaupt, Vytautas Landsbergis, 86.

SPIEGEL: Herr Landsbergis, in der Perestroika der Achtzigerjahre wurden in der UdSSR viele Tabus der Sowjetzeit gelüftet, auch mit vielen Lügen über die eigene Geschichte wurde Schluss gemacht. Der Hitler-Stalin-Pakt war bis dahin als geniale Leistung der sowjetischen Diplomatie gefeiert worden, die Geheimprotokolle aber wurden verschwiegen: Im Westen kursierende Kopien tat der Kreml stets als Fälschungen ab. Warum haben gerade die baltischen Staaten Gorbatschow zu einer öffentlichen Verurteilung gedrängt?

Landsbergis: Wir, die Balten, haben die Auswirkungen dieses Pakts besonders gespürt. Über Verrat und Gewalt sind wir in seiner Folge in die Sowjetunion geraten. Als Gorbatschow ein "neues Denken" propagierte, klang das hoffnungsvoll. Wir wollten diesen Moment nutzen, um Wahrheit und Gerechtigkeit wiederherzustellen. Gorbatschow sollte die Dinge wieder zurechtrücken.

SPIEGEL: Was, wie sich dann erwies, auch unter dem progressiven Generalsekretär nicht einfach war.

Landsbergis: Es wurde eine Kommission gebildet, der auch ich angehörte, die sichtete alle vorhandenen Dokumente. Zum 50. Jahrestag des Pakts wollten wir eine klare Aussage der Führung haben. Aber dazu kam es nicht. "Es stellte sich heraus, dass Gorbatschow und seine Leute uns ruhigstellen wollten und uns nur in einigen Details entgegenkamen - nicht aber hinsichtlich unseres Status als annektierte Länder, die nie wirklich zur Sowjetunion gehört hatten. Sie wollten keinen Gebietsverlust riskieren. Das Imperium sollte erhalten bleiben, womit Stalins Verbrechen praktisch zementiert worden wären. Gorbatschow und seine Umgebung dachten pragmatisch: Wenn die sowjetische Führung anerkennt, dass die baltischen Länder mit Gewalt in die Sowjetunion gezwungen wurden, würde das früher oder später ihren Austritt aus dieser Union bedeuten. Und damit würde ein Dominoeffekt entstehen. So kam es dann ja auch, sie hatten sich nicht geirrt.

SPIEGEL: Trotz aller Verzögerung wurde das Thema auf dem 2. Kongress der Volksdeputierten im Dezember 1989 auf die Tagesordnung gesetzt. Der erste Versuch, eine Mehrheit zur Verurteilung des Stalin-Hitler-Pakts zu erhalten, ging aber schief. Warum?

Landsbergis: Die 2250 Abgeordneten des Parlaments glaubten noch immer nicht, dass es die Geheimprotokolle tatsächlich gegeben hat. Auch Gorbatschow war der Ansicht, ohne die Originale könne man nichts entscheiden. Dabei wusste er - wie sich später herausstellte - sehr wohl, wo die Originale sind, er und seine Mannschaft logen uns direkt an. Aber dann glitt ihnen die Debatte aus der Hand, auch weil die Liberalen unter den Russen - etwa Boris Jelzin und Andrej Sacharow - uns unterstützten. Im letzten Moment lenkte die Führung ein und ließ einen Kreml-Archivar auftreten. Der wies nach, dass es die Originale tatsächlich gab, sie aber nach dem Krieg aus dem Archiv entfernt worden waren. Das war der Durchbruch: Das verbrecherische Schachern zwischen Stalin und Hitler war nicht mehr abzustreiten. Eine Mehrheit stimmte nun für jene Resolution, die besagte, der Pakt habe gegen das Völkerrecht verstoßen und sei damit von Anfang an ungültig gewesen.

SPIEGEL: Für die baltischen Republiken war das bestenfalls eine politische Geste.

Landsbergis: Unsere Gegner gaben nicht auf. Gut ein Jahr später putschten Moskau-treue Kräfte in Litauen mithilfe von Armee und Geheimdienst und versuchten, die alte sowjetische Ordnung wiederherzustellen. Es kam zum Blutsonntag von Vilnius, am 13. Januar 1991: 14 Zivilisten wurden bei diesem Angriff getötet, über tausend verletzt. Das Kartenhaus Sowjetunion mit Panzern zu retten, war aber aussichtslos. Sie hatten die Sowjetunion schon vorher verspielt.

SPIEGEL: Gorbatschow hat immer behauptet, er habe von diesem blutigen Vorgehen erst aus der Zeitung erfahren….

Landsbergis: Gorbatschow wusste genau Bescheid. Ich rief ihn noch in der Nacht nach dem Sturm der Panzer auf das Fernsehzentrum in Vilnius an. Er schlafe, hieß es, man wolle ihn nicht wecken. Ich bat darum, ihm mitzuteilen, dass seine Leute friedliche Menschen umbringen. Und dass deren Blut auf sein Gewissen gehe. Gorbatschow hat aber nicht geschlafen, denn Jelzin - den ich um Hilfe bat - haben sie zu ihm durchgestellt. Und der hat ihm nur wenige Worte gesagt: "Stoppen Sie diesen Exzess!" Gorbatschow war durch den Verteidigungsminister, den Innenminister und den KGB-Chef informiert worden. Der Aktion zugestimmt hat er allerdings tatsächlich nicht.

SPIEGEL: In Russland gibt es jetzt Forderungen, die Verurteilung des Hitler-Stalin-Pakts wieder aufzuheben. Hochrangige Leute aus der Umgebung Wladimir Putins sagen, es sei Zeit aufzuhören, "sich Asche aufs Haupt zu streuen". Sie verlangen eine Revision des Beschlusses durch die Staatsduma. Es hätte zum Beispiel nach dem Pakt keinerlei "Okkupation" der baltischen Länder gegeben.

Landsbergis: Dass das litauische Volk um den Beitritt zur UdSSR gebeten habe, wie heute in Moskau - noch immer oder schon wieder - behauptet wird, ist Propaganda. Das würde ja heißen, es habe sich selbst die Schlinge um den Hals gelegt. Sind Hunderttausende Litauer, die in Stalins Lagern landeten, etwa freiwillig nach Sibirien gefahren? Um dort den Kommunismus aufzubauen? Nein, das waren gewaltsame Deportationen nach der Besetzung der baltischen Länder. Sie lügen in Moskau immer auf die gleiche Weise wie früher. Sie sagen ja auch, sie seien nicht auf der Krim. Da seien grüne Marsmännchen angeflogen gekommen, damit hätten sie nichts zu tun. Sie hätten auch kein Gift gegen Litwinenko und Skripal eingesetzt. Das seien alles Erfindungen der westlichen Propaganda.

SPIEGEL: Putins Leute sagen, eine aggressive Minderheit der Balten habe 1989 mit der Verurteilung des Pakts Rache für das nehmen wollen, was sie die "Okkupation" der baltischen Länder nannten. Russland sollte vor Gericht gestellt werden. Die Debatte über den Pakt sei eine gezielte Provokation gewesen, um ihre Länder auf diesem Wege aus der Sowjetunion herauszubrechen. Es sei jetzt Zeit, "gesündere Bewertungen" vorzunehmen.

Landsbergis: Der Vorwurf, wir wollten Russland nur verurteilen, ist falsch. Die Sowjetunion musste darauf antworten, in welcher Beziehung sie zu den Verbrechen Stalins steht: ob Russland selbst Opfer des Stalinismus ist oder von seinen Untaten profitieren will. Wir wollten, dass sie in Moskau aus diesen Abgründen herausfinden.

SPIEGEL: So ganz scheint das nicht gelungen zu sein.

Landsbergis: Wenn sie in Moskau jetzt sagen, der Beschluss von 1989 sei unrechtmäßig gewesen, dann wird ihnen Hitler aus seinem Grab in der Hölle Glückwünsche schicken.

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