Aufruf von Intellektuellen »Helfen wir der Ukraine, diesen Kriegswinter zu überstehen«

Wolf Biermann, Daniel Kehlmann, Herta Müller und viele mehr: Schriftsteller und Intellektuelle fordern dazu auf, die Ukraine stärker als bislang zu unterstützen. Mit Spenden, Hilfsgütern – und Waffen.
Zerstörung in Kiew: »Die Niedertracht kennt immer noch Steigerungen«

Zerstörung in Kiew: »Die Niedertracht kennt immer noch Steigerungen«

Foto: Emilio Morenatti / dpa / AP

Mehr als 70 Schriftsteller, Wissenschaftler und Ex-Politiker sprechen sich in einem offenen Brief dafür aus, die Ukraine deutlich stärker als bislang zu unterstützen: »mit Spenden, humanitärer und technischer Hilfe und mit den Waffen, mit denen die russischen Truppen zurückgedrängt werden können«. Der Appell richte sich an Bürger, Verbände, Unternehmen und die Bundesregierung. Die Unterstützung des ukrainischen Widerstands sei nicht nur eine moralische Pflicht, sondern liege in unserem ureigenen Interesse.

Zu den Initiatoren gehören Ralf Fücks vom Zentrum Liberale Moderne und Ulrich Schreiber vom Internationalen Literaturfestival Berlin. Wolf Biermann, Daniel Kehlmann, Eva Menasse und Herta Müller sind unter den Erstunterzeichnern.

Lesen Sie hier den Aufruf im Wortlaut:

»Der Ukraine helfen, diesen Kriegswinter zu überstehen!«

Die Niedertracht kennt immer noch Steigerungen. Nachdem Putins Plan, die Ukraine militärisch zu zerschlagen und als eigenständige Nation auszulöschen, am entschlossenen, von der ganzen ukrainischen Gesellschaft getragenen Widerstand gescheitert ist, soll nun das Land durch die Zerstörung seiner lebenswichtigen Versorgungsstrukturen – insbesondere des Energiesystems – in die Knie gezwungen werden. Die in Tschetschenien und Syrien erprobten Methoden eines Vernichtungskriegs gegen die Zivilbevölkerung, exemplarisch an Grosny und Aleppo exekutiert, werden jetzt auf die freie Ukraine im Ganzen angewandt. Die Bombardierung der Wohnquartiere, die gezielte Zerstörung der Lebensbedingungen von Millionen Menschen, die Ermordung von Zivilisten, die Vergewaltigungen und Deportationen verstoßen bereits heute gegen die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen.

Nun steht der Winter bevor. Schon jetzt kann man sehen, was es bedeutet, wenn Heizung, Licht und Elektrogeräte ausfallen, es kein Trinkwasser mehr gibt, Fenster nicht ersetzt werden können, wenn Städte im Dunkel versinken, Schulen und Kindergärten schließen müssen, Krankenhäuser ihre Patienten nicht mehr behandeln können und Betriebe ihre Arbeit einstellen müssen. Seit Beginn des neuerlichen russischen Angriffs mussten bereits mehr als 14 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, weitere Millionen sollen zur Flucht gezwungen werden.

Gelänge es Putin, die Ukraine in den Zusammenbruch zu treiben, gerieten auch die europäische Sicherheitsordnung, die Europäische Union und das transatlantische Bündnis ins Wanken. Dann ist kein Land im ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion mehr sicher, die antidemokratischen Kräfte bekommen Auftrieb und das Völkerrecht liegt in Trümmern.

Aus diesem Grunde ist die Unterstützung der zivilen und militärischen Widerstandskraft der Ukraine nicht nur eine moralische Pflicht. Sie liegt vielmehr in unserem ureigenen Interesse.

Wie können wir dazu beitragen, damit die Ukraine diesen Winter durchstehen kann?

  • Jede/r Einzelne kann für die Ukraine spenden.

  • Humanitäre Hilfsorganisationen können ihr Engagement für die Ukraine verstärken.

  • Städte können bilaterale Unterstützung für ukrainische Partnerstädte leisten.

  • Betriebe können lebenswichtig benötigtes technisches Gerät, Generatoren, Fahrzeuge, Baumaterial und Kraftstoffe bereitstellen.

  • Bundesregierung und EU müssen ihre finanzielle und militärische Hilfe aufstocken: Die Ukraine braucht dringend Nothilfe, und sie braucht nicht minder dringend moderne Waffen, um ihre Städte zu schützen und die Invasionstruppen zurückzudrängen.

Am 10. Dezember ist der Internationale Tag der Menschenrechte, begründet von den Vereinten Nationen im Jahre 1948. In diesen Tagen denken wir ganz besonders an die um ihre Würde und ihre Freiheit kämpfenden Menschen in der Ukraine und ebenso im Iran. Wir wollen an diesem Tag an die Welle der Solidarität anknüpfen, die nach Beginn der russischen Invasion durch unser Land ging. Kommunen, Medien, Stiftungen, karitative Organisationen, Unternehmen, Kulturinstitute und Hunderttausende Bürger haben reagiert auf das, was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs undenkbar erschien. Diesen Geist der Solidarität gilt es, ungeachtet aller Härten bei uns, jetzt wiederzubeleben. Nichts wäre für die Ukraine gefährlicher als eine schleichende Ermüdung der westlichen Öffentlichkeit und Politik.

Putins Katastrophenstrategie darf nicht aufgehen! Die von der ukrainischen Friedensnobelpreisträgerin Olexandra Matwijtschuk zitierte Parole »Für unsere und für eure Freiheit!« gilt auch umgekehrt: »Für eure und für unsere Freiheit!«

Spenden gehen am besten an eine der schon existierenden Initiativen oder auf den von Präsident Wolodymyr Selenskyj eingerichteten nationalen Spendenfonds UNITED24 .

Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner:

Swetlana Alexijewitsch
Aleida Assmann
Jan Assmann
Martin Aust
Rüdiger Bachmann
Gerhart Baum
Marieluise Beck
Christoph Becker
Jan C. Behrends
Pamela Biermann
Wolf Biermann
Marianne Birthler
Helene v. Bismarck
Werner Bohleber
Christoph Buch
Detlev Claussen
Dany Cohn-Bendit
Dan Diner
Sabine Döring
Tom Enders
Benno Ennker
Bianka Pietrow-Ennker
Sabine Fischer
Rüdiger v. Fritsch
Ralf Fücks
Durs Grünbein
Irene Hahn-Fuhr
Rebecca Harms
Andreas Heinemann-Grüder
Ulrike Herrmann
Richard Herzinger
Christoph Heusgen
Wolfgang Ischinger
Andreas Kappeler
Daniel Kehlmann
Gerald Knaus
Gerd Koenen
John Kornblum
Remko Leemhuis
Claus Leggewie
Anna Leszczynska
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Marianne Leuzinger-Bohleber
Renate Liesmann-Baum
Wolf Lotter
Carlo Masala
Markus Meckel
Eva Menasse
Herta Müller
Jan Plamper
Ruprecht Polenz
Katharina Raabe
Jens Reich
Eva Reich
Hedwig Richter
Thomas Roth
Manfred Sapper
Gwendolyn Sasse
Stefanie Schiffer
Karl Schlögel
Peter Schneider
Bruno Schoch
Ulrich Schreiber
Richard Schröder
Martin Schulze Wessel
Linn Selle
Constanze Stelzenmüller
Sebastian Turner
Andreas Umland
Gert Weisskirchen
Michael Zürn

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