Aufstand gegen Ypsilanti Kurze Hymne auf die phantastischen Vier

Nun schäumen sie wieder in der SPD: Von "Niedertracht" und "Sauerei" ist die Rede, weil die vier hessischen Abweichler Andrea Ypsilantis Wahl gestoppt haben. Doch damit machen es sich die Sozialdemokraten zu leicht, findet Reinhard Mohr - die Verweigerung ist eine Warnung an eine taumelnde Partei.

Wie Judas! Kamikaze! So grollt das Echo auf die Erklärung der vier hessischen Abweichler, sie könnten Andrea Ypsilanti nicht zur Ministerpräsidentin wählen. Selbst von "Silberlingen" wird gesprochen, die die vier sozialdemokratischen Abweichler von der Ypsilanti-Linie wohl als Lohn in Empfang genommen hätten. Fiese, heimtückische "Verräter" sind sie also, die am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz begründet haben, warum sie der hessischen Jeanne d'Äppelwoi nicht ihre Stimme zur Bildung einer von der Linkspartei geduldeten rot-grünen Regierung geben könnten.

Vier mal Verrat? Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts verweigerten der hessischen Jeanne d'Äppelwoi die Treue

Vier mal Verrat? Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts verweigerten der hessischen Jeanne d'Äppelwoi die Treue

Foto: Getty Images

Wut, Trauer und Betroffenheit herrschen im schönen Hessenland, und wie von selbst scheinen für viele "maßlos enttäuschte" SPD-Funktionäre die Alleinschuldigen festzustehen: Die Abweichler, Verräter, Querschiesser. Sollen sie doch ihre Mandate zurückgeben, damit die Partei weiter marschieren kann auf dem Weg zu Hermann Scheers glücklichem Sonnenstaat ...

Selbstverständlich kann man sich tiefe Gedanken machen über den Zeitpunkt, an dem die individuelle Gewissenserforschung zu einem endgültigen Ergebnis kam. Vor allem beim stellvertretenden SPD-Vorsitzenden und Ypsilanti-Rivalen Jürgen Walter scheint die Mutmaßung nicht abwegig, hier habe sich jemand auch aus dem Motiv einer schweren persönlichen Kränkung heraus wie eine loose canon an Bord des SPD-Tankers verhalten. Dass der Tanker selbst aber Kurs auf einen absehbaren Eisberg genommen hatte, ist gerade ihm nicht vorzuwerfen.

Vor allem der - späte - Zeitpunkt der "Gewissensentdeckung" regt viele brave Sozialdemokraten auf - als ob ein früherer Zeitpunkt ihre Haltung zu "Abweichlern" und "Verrätern" prinzipiell verändert hätte. Hier gilt schlicht zweierlei: Der Zeitpunkt für politischen Verrat ist grundsätzlich immer falsch, jedenfalls aus der Perspektive jener, die sich verraten fühlen. Und: Die wohlfeilen Kritiker des falschen Gewissenszeitpunkts finden im ganzen Leben nicht einen einzigen Augenblick, in dem sie "Nein!" sagen würden. Nie und nimmer.

Sie mögen zu Hause und im Hinterzimmer fluchen oder grummeln, am Stammtisch oder mit dem besten Freund schläächt babbeln – doch wenn es darauf ankommt, heben sie solidarisch die Hand. So kommen auch die stolzen 95-Prozent-Ergebnisse auf Parteitagen und Regionalkonferenzen zustande, stalinistische Spitzenergebnisse, die mit der Realität "draußen im Lande" nichts zu tun haben.

Zweifel, Bauchschmerzen? Es wird durchmarschiert, basta

Zweifel, Skepsis, Bauchschmerzen? Iwo. Da wird durchmarschiert. Dieselben SPD-Linken, die Gerhard Schröder seine "Basta!"-Politik stets bitter vorgehalten haben, praktizieren sie nun selber.

Das Wort von den "Bauchschmerzen" und "Gewissensnöten" fiel bei der Pressekonferenz am Montag mehrmals, und bei aller historischen Unvergleichbarkeit erinnert es doch ein wenig an die sozialistischen und kommunistischen Renegaten des 20. Jahrhunderts, an Schriftsteller und Intellektuelle wie Arthur Koestler, George Orwell, Gustav Regler und Manès Sperber. Ihre sprichwörtlichen "Bauchschmerzen" waren das Symptom einer epochalen Trennung gewesen, die Abnabelung vom Kosmos der Weltrevolution.

Gewiss, ihr Verrat an der – stalinistisch geprägten – Kommunistischen Partei, an ihrer quasireligiösen Gemeinschaft und der alles überwältigenden Menschheitsidee war von einer anderen historisch-ideologischen Dimension; dazu stand er unter der Drohung einer kompletten sozialen Ächtung (oft noch im Exil), im schlimmsten Fall in der Gefahr, von einem Kommando aufrechter Genossen liquidiert zu werden (wie in Spanien).

Und freilich erforderte der Verrat der prominenten kommunistischen Abweichler, der, gemessen am verhängnisvollen Lauf der Geschichte der dreißiger Jahre, auch sehr spät kam und dazu noch absolut unzeitgemäß war, viel mehr Mut, als ihn die "phantastischen Vier" ("FAZ") am Montagmittag im Wiesbadener Dorint-Hotel aufbringen mussten.

Mut aber bleibt es, und nur diejenigen können verächtlich darüber hinweggehen, die sowieso nichts anderes kennen als das Mitlaufen und Mitklatschen, bestenfalls ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert beim tapferen Ver.di-Aufmarsch vor dem Roten Rathaus in Berlin.

Von wegen Zivilcourage. Die haben die Hosen gestrichen voll

Selbst der Umstand, dass wir in demokratischen Verhältnissen leben und in einer historisch einmaligen Freiheit, ändert nichts daran, dass jedes Ausscheren und "Aus-der-Reihe-Tanzen" in der Politik immer noch wie eine irrationale Kamikazeaktion betrachtet wird. Da bleibt man doch lieber still. Dieselben, die stets über "Zivilcourage" schwadronieren, haben die Hosen gestrichen voll, wenn sie ihrem Vorgesetzten, sei es Partei- oder Gewerkschaftschef, ins Gesicht sagen müssten, dass sie anderer Meinung sind.

Hier erübrigt sich jede Verschwörungstheorie. Feigheit als Motiv und strategisch nutzbares Modul der Machtpolitik ist viel wirkmächtiger als jede noch so fein gesponnene, geheimnisvolle Intrige. Die Botschaft ist klar: Wer aufmuckt, wird ausgestoßen.

In allen großen Romanen und Autobiografien der Renegatenliteratur ("Wie eine Träne im Ozean", "Sonnenfinsternis") geht es um die quälende Seelenpein, sich von einer großen, gar geliebten und lange Jahre heiligen Sache für immer zu verabschieden und für das wärmende Gemeinschaftsgefühl der treuen Genossen die Kälte der einsamen, individuellen Gewissensentscheidung einzutauschen.

Nur jenen Mitläufern, Gschaftlhubern und ewiggrauen Parteischranzen fehlt jede Phantasie, dass es irgendwann einmal einen sehr persönlichen Bruch geben kann, den man (fast) alleine vollziehen und durchstehen muss – um seiner selbst willen. Die populäre Verachtung der Abweichler ist ein Zerrspiegel der eigenen Willenlosigkeit; deren Stärke stellt die eigene Schwäche heraus, ihr Mut die Mutlosigkeit der Mehrheit, die es sich in der eigenen Propaganda gemütlich gemacht hat.

Flaschenpost an eine taumelnde Partei

Im Fall der illustren kommunistischen Renegaten des vergangenen Jahrhunderts hat sich jedenfalls erwiesen, dass sie ihren ehemaligen Genossen einfach ein paar Jahrzehnte voraus waren.

Und vielleicht lässt der eine oder andere empörte Sozialdemokrat in den nächsten Tagen einmal den zarten Gedanken zu, dass die vier Verräter von Wiesbaden – darunter gleich drei Frauen – ihrer taumelnden Partei auch eine Flaschenpost übermittelt haben könnten.

Die Kurzbotschaft: Der eingeschlagene Weg war falsch. Und: Die deutsche Sozialdemokratie muss sich eigenständig – und in scharfer Abgrenzung zur Linkspartei – wieder aufrichten.

Manès Sperber übrigens, der von seinen ehemaligen Genossen immer wieder als böser rechtslastiger Renegat beschimpft wurde, hat sich bis zu seinem Tod als unabhängiger Sozialdemokrat verstanden.

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