Auftritt im Bierzelt Steinmeier schenkt der SPD Stolz ein

Es war seine erste öffentliche Rede als designierter Kanzlerkandidat: Im Bayern-Wahlkampf hat Außenminister Steinmeier einen umjubelten Auftritt hingelegt. Seine Botschaft: Stolz für die SPD, Vollbeschäftigung für Deutschland, Spott für die Linke. Kurt Beck scheint schon vergessen.

Aus Regensburg berichtet


Regensburg - Das hat er sich gewünscht. Genau das. Frank-Walter Steinmeier wollte Auftritte im Bierzelt: Bitte mehr davon, ließ der Außenminister in der Münchner SPD-Zentrale ausrichten, nachdem er Mitte Juli das erste Mal in einem bayerischen Bierzelt aufgetreten war.

Der Außenminister ist mittlerweile Kanzlerkandidat. Der Mann, der sonst immer so lange nachdenkt, bevor er etwas sagt. Dieser Mann steht am Freitagabend wieder im Bierzelt, auf der Regensburger Dult. Es ist die erste öffentliche Rede als designierter Kanzlerkandidat.

Das Zelt mit rot-weißem Himmel ist proppenvoll, 2000 Leute auf den Bänken, 200 weitere stehen in den Gängen. Steinmeier zieht gleich mal das Jackett aus, krempelt die Ärmel hoch.

Bayerns SPD-Spitzenkandidat Franz Maget erklärt schnell noch die Spielregeln: "Das hier ist der Härtetest für Frank-Walter Steinmeier, ein volles Zelt im Herzen Bayerns, eine Maß Bier dazu, lieber Frank, wer das durchsteht, der wird auch Kanzler der Bundesrepublik Deutschland."

Die Menge jubelt - und Steinmeier macht den Schröder: Breites Grinsen im Gesicht, die linke Hand in der Hosentasche, in der rechten das Bier. Er hat einen Zettel mit seiner Rede in der Tasche. Jedes Wort steht darauf. Auf derlei Hilfsmittel hat allerdings Ex-Kanzler Gerhard Schröder bei solchen Auftritten immer verzichtet.

Steinmeier möchte lässig sein, noch ist er es nicht.

Draußen, auf dem Weg zum Zelt, hat der Kanzlerkandidat den Kanzlerkandidaten gemacht. Auf 300 Metern Wegstrecke ein Kind auf dessen Zuckerwatte angesprochen, einem anderen ein Autogramm verpasst, einem Dritten die Backe getätschelt. Am Zelteingang bricht eine Rentnerin in Tränen aus, als er ihr die Hand schüttelt.

Steinmeier ist schon der zweite Erlöser binnen weniger Tage an der SPD-Basis. Vor einer guten Woche war es Franz Müntefering im Münchner Hofbräukeller, der den wahlkämpfenden Genossen als Gegensatz zur biederen Beck-Zeit wieder Stolz einhauchte, von heißem Herzen und klarer Kante statt Hose voll kündete.

"Ich verspreche Euch, der Tag wird kommen, da regiert die SPD auch in Bayern", ruft nun Steinmeier ins Zelt. Das Jahr 2008 werde für die Bayern "ein Wendejahr". Die CSU und Bayern, das sei "längst keine natürliche Einheit mehr", da komme "etwas ins Rutschen, das ist unsere Chance, Genossen!" Steinmeier geht immer tiefer mit der Stimme. Er röhrt wie Schröder.

Steinmeier legt noch einen drauf

Und dann verteidigt er das gemeinsame Werk, die Agenda 2010. Es werde "viel zu schnell vergessen", welches Land man 1998 von Schwarz-Gelb übernommen habe: "Leere Sozialkassen, Rekordverschuldung, viereinhalb Millionen Arbeitslose." Die SPD habe die Arbeitslosigkeit senken wollen - "und wir haben Wort gehalten - mit notwendigen, schwierigen Entscheidungen".

Das nennt man Offensive. Reklamiert doch die Merkel-CDU gern für sich, die Arbeitslosigkeit heruntergefahren zu haben.

Aber Steinmeier legt noch einen drauf. Wie Schröder will er offenbar mit dem Thema Arbeit in den Bundestagswahlkampf ziehen. Versprach 1998 der Kanzlerkandidat Schröder, die Arbeitslosigkeit zu halbieren, so peilt der Kanzlerkandidat Steinmeier nun Vollbeschäftigung an: "Ich habe den Ehrgeiz, dass wir in einigen Jahren wieder über Vollbeschäftigung sprechen." Steinmeiers Stimme röhrt jetzt so tief, dass die einzelnen Worte schier aneinanderkleben.

Man dürfe Arbeitslosigkeit nicht nur bekämpfen, "im nächsten Jahrzehnt müssen wir sie besiegen wollen", ruft er. Jubel brandet ihm entgegen. Und Steinmeier bedient in einem Nebensatz auch noch die Parteilinke: "Zu fairen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen" müsse man Vollbeschäftigung erreichen. Wieder flammt Jubel auf. Steinmeiers weißes Hemd ist vom Schweiß durchnässt.

Der zweite Erlöser im Bayern-Wahlkampf

Zuletzt wirkten die Genossen nur noch getrieben von der Linkspartei. Der Parteichef Beck fand kein Mittel und endete im Zickzack-Kurs. Das nahm den Sozis den Stolz.

Dann aber kam erst Müntefering in den Hofbräukeller, grenzte die Sozialdemokratie in einfachen Worten von den Linken ab - da die "rechten Konservativen von CDU/CSU", dort die "linken Konservativen der PDS/ML", das waren seine Worte.

Und jetzt Steinmeier im Regensburger Bierzelt.

Einen "kurzen Moment" wolle er mal was zur Linken sagen. Dann brüllt Steinmeier: "Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich deren Versprechen höre!" Linken-Chef Lafontaine sei Finanzminister im Bund gewesen, er habe eine Mehrheit gehabt, er habe etwas gestalten können: "Aber der ist nach drei Monaten ausgebüchst, als er gemerkt hat, dass seine Politik in der Realität nicht funktioniert." Steinmeier zieht die Augenbrauen zusammen: "So geht das nicht!"

"Bravo", rufen die Zweitausend im Zelt. Und Gregor Gysi?, fragt Steinmeier. Der habe seinen Dienst in der Berliner Landesregierung auch "nur ein paar Monate" ausgehalten: "Soll ich also vor diesen beiden Jungs Respekt haben?"

Attacke auf die Linken, Schmeicheleien für die Liberalen. Kurz vor seinem Auftritt in Regensburg hat Steinmeier noch der FDP Avancen gemacht: Er sehe gute Chancen für eine Ampel-Koalition nach der Bundestagswahl: "Die FDP zeigt Neugier" an der SPD, sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Klare Kante vom Kanzlerkandidaten.

Auf der Bühne neben ihm steht Franz Maget. Normalerweise schaut man bei solchen Reden als Beigeordneter ja gern lächelnd ins Publikum. Franz Maget guckt nur auf Frank-Walter Steinmeier.

Da vorne konvertiert der Außenminister zum Kandidaten. Spricht vom "Ärmel hochkrempeln"; von 150 Jahren Sozialdemokratie, deren Idee "heute so aktuell wie nie" sei; und von Franz Müntefering, dem designierten Vorsitzenden.

"Eines kann ich Euch versprechen: er als Sauerländer und ich als Ostwestfale, das geht zusammen, das wird klappen an der Spitze der SPD", sagt Steinmeier: "Nutzen wir den Neubeginn, den Rückenwind, der hoffentlich davon ausgeht."

Der Name Kurt Beck fällt an diesem Abend sozialdemokratischer Selbstfindung kein einziges Mal im Bierzelt von Regensburg.

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