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04. Dezember 2014, 15:49 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Nation im Tiefschlaf

Eine Kolumne von

Die Kanzlerin: eine Machtmaschine. Das Volk: selbstgefällig. Die Journalisten: handzahm. Der New Yorker Journalist George Packer hat ein niederschmetterndes Porträt über Angela Merkel und die Deutschen geschrieben.

Für die Zeitschrift "The New Yorker" hat George Packer nicht nur ein Porträt der deutschen Kanzlerin Angela Merkel verfasst. Mehr noch: Der US-Journalist, ein ruhiger Beobachter und exzellenter Stilist, hat die Deutschen porträtiert und die Mechanismen der deutschen Öffentlichkeit. Der Blick von außen legt schonungslos frei, was aus der Innensicht den Ruch des Radikalen hat: Volk und Kanzlerin haben einen Pakt der Politikvermeidung geschlossen - und ganz viele Journalisten helfen eifrig mit.

Der Amerikaner zeigt ein Land im Tiefschlaf und die Kanzlerin als Fachkraft für politische Anästhesie. Fassungslos wohnt Packer einer Sitzung des Bundestags bei. Sein Fazit: "Angela Merkel, Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und mächtigste Frau der Welt, gibt sich alle Mühe, nicht interessant zu sein."

Dass die mächtigste Frau der Welt gleichzeitig wie die langweiligste wirkt, ist für den Beobachter aus der angelsächsischen Kultur eine deprimierende Erfahrung. Emotionale Apathie als Strategie der Politik, verbale Reduktion als Strategie der Kommunikation - Packer hält das für eine Spätfolge des "Dritten Reichs": "In einem Land, das durch leidenschaftliche Rhetorik und Machogehabe ins Verderben geführt wurde, sind Merkels analytische Distanz und das scheinbare Fehlen jeder Eitelkeit politische Stärken."

Der deutsche Antiintellektualismus hat Methode. "Ich hasse die Menschen, die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche Dämmerung hineinleuchten", lässt Ludwig Tieck seinen William Lovell sagen. Angela Merkel und ihre ins Nichts führenden Sätze, Helmut Kohl und seine unerschütterliche Gemütlichkeit, damals Strickjacke und Saumagen, heute die Uckermark und Kohlrouladen - in seinen Kanzlern bleibt der Deutsche ganz bei sich.

Packer hat mit vielen Leuten in Berlin geredet. Er wollte herausfinden, wie ihre Macht möglich ist: diese Frau aus dem Osten, eine Außenseiterin, die keine Hausmacht hat, keinen Stallgeruch, kein Charisma, nichts von dem, was herkömmliche Politiker brauchten.

Die Grüne Katrin Göring-Eckardt gab ihm eine vielsagende Antwort: "Die Leute wollen bloß nicht sagen, dass sie einfach eine sehr gute Politikerin ist."

Aber was ist das, eine gute Politikerin? Wenn Politik bedeutet, die Wirklichkeit nach den eigenen Ideen zu formen, dann ist Merkel gar keine Politikerin. Wenn Politik nur bedeutet, an der Macht zu sein, dann ist Merkel die beste. Merkel ist die Cheshire Cat, die Grinsekatze, aus "Alice im Wunderland": Sie löst sich in Luft auf, wenn man sie greifen will. Und es bleibt nur ein spöttisches Grinsen zurück. Ihr politischer Kompass ist so geeicht wie der des Piraten Jack Sparrow: Er zeigt immer dorthin, wo das nächste Ziel liegt.

"Fast jeder politische Reporter hat Merkel gewählt"

Merkel und Göring-Eckardt haben offenbar denselben Politikbegriff. Göring-Eckardts Äußerungen lesen sich wie eine Bewerbung für die zweite Geige in einer schwarz-grünen Koalition. Sie würde das sicher sehr, sehr gut machen.

Sie lassen einen frösteln, diese Protestantinnen aus dem Osten.

Das schlimmste Urteil der Packer-Studie gilt aber den Hauptstadtjournalisten. Er hat mit allen geredet, die in Berlin Rang und Namen haben. Und offenbar haben sie ihm bereitwillig geantwortet. Bis hinein in ihre persönlichen politischen Präferenzen.

Die Kollegen haben dem Besucher aus Übersee lauter ganz traurige Dinge über die Kanzlerin gesagt. Dass es ihr nur um Macht gehe und nicht um Gestaltung, dass sie keine Visionen habe, dass man einschlafe, wenn man ihr zuhören müsse, dass sie der deutschen Politik das Blut aussauge. Und dennoch: "Fast jeder politische Reporter, mit dem ich gesprochen habe, hat Merkel gewählt. Es gab für sie keinen Grund, es nicht zu tun."

Immerhin: Alphajournalist Bernd Ulrich versuchte, das nachher über Twitter geradezurücken. Zur Behauptung George Packers, dass deutsche Journalisten schlecht über Merkel reden, sie aber dennoch wählen, schrieb der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit": "Bei mir: beides nicht."

Da muss der Kollege aus den USA etwas falsch verstanden haben.

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