Bettina Gaus

Grüne Erziehungsmaßnahmen Aus Trotz ein Steak. Im Flieger.

Bettina Gaus
Eine Kolumne von Bettina Gaus
Die Grünen gelten im Wahlkampf schon wieder als Verbotspartei. Daran sind sie auch selbst schuld. Ihre Selbstgerechtigkeit macht es Gegnern leicht. Und nervt.
Bordverpflegung auf einer Flugreise

Bordverpflegung auf einer Flugreise

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gerenme / iStockphoto / Getty Images

Es kann doch nicht so schwer sein. Wenn eine Partei als »Verbotspartei« gilt, was eine ziemlich unsympathische Zuschreibung ist, und wenn sie das schon in der Vergangenheit viele Stimmen gekostet hat, dann soll ihre Führungsspitze eben auf die Wörter »verbieten« und »Verbot« verzichten. Problem gelöst.

Oder? Im Umgang mit den Grünen scheint das so einfach nicht zu sein. Der Reflex, sie wollten »allen alles immer nur« verbieten, greift selbst dann, wenn sie gar keine Verbote fordern. Das liegt jedoch nicht nur an der Gemeinheit derer, die sie ohnehin nicht leiden können. Sondern auch an ihnen selbst.

Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wurde unterstellt, sie wolle Kurzstreckenflüge verbieten. Das hat sie nicht gesagt. Sie erklärte lediglich, das Angebot der Bahn so verbessern zu wollen, dass Kurzstreckenflüge überflüssig werden. Der grüne Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter musste sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er wolle den Deutschen ihr Eigenheim verbieten. Hat er auch nicht gesagt. Er hat nur seine Vorstellungen zu neuen Bebauungsplänen erklärt, die nicht besonders radikal sind und sogar von einigen CSU-Kommunalpolitikern unterstützt werden.

Sind die beiden also Opfer böswilliger Fehlinterpretationen geworden? Sind sie nicht, jedenfalls nicht nur. Beim Spitzenpersonal aller Parteien achten Medien und Öffentlichkeit inzwischen häufig mehr auf den – vermuteten oder tatsächlichen – Hintersinn von Äußerungen als auf deren Wortlaut. Zu Recht. Politikerinnen und Politiker haben sich angewöhnt, in Interviews zu agieren, als seien sie die Hauptverdächtigen in einem Polizeiverhör. Je geschickter sie ausweichen, desto professioneller wirken sie. Das wird in einem demokratischen System, zu dem Medienfreiheit als tragende Säule gehört, zunehmend zu einem Problem.

Kaum ein Bereich der privaten Lebensführung bleibt von den Grünen verschont, weder Nahrung noch Wohnen, Kleidung, Urlaubsreisen, Fortbewegung, Geldanlage oder Freizeitgestaltung.

Zumal ein Interview eigentlich doch zunächst und vor allem ein Angebot ist. Eine Möglichkeit, die eigene Position ausführlich darzustellen. Wenn clevere Unverbindlichkeit grundsätzlich für einen Erfolg gehalten wird, dann wird es schwierig. Im Hinblick auf Demokratie, auf Transparenz und im Hinblick auf die zentralen Versprechen eines Wahlkampfes.

Bei den Grünen kommt jedoch noch etwas hinzu. Keine andere Partei schlägt so häufig den Kammerton der Moral an wie sie – ganz so, als gehe es bei Politik nicht um den Kampf zwischen verschiedenen Interessen und um einen möglichen Ausgleich zwischen ihnen, sondern um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Kaum ein Bereich der privaten Lebensführung bleibt verschont, weder Nahrung noch Wohnen, Kleidung, Urlaubsreisen, Fortbewegung, Geldanlage oder Freizeitgestaltung.

Es ist ja wahr: Der Kampf gegen den Klimawandel berührt alle Aspekte des Lebens. Wer ihn als die zentrale Herausforderung der Gegenwart sieht – und dafür gibt es sehr gute Gründe –, kann nichts ausklammern. Wahr ist aber auch: Niemandem außer Greta Thunberg gelingt es, sich immer und überall umweltschonend zu verhalten. Folglich sind wir in diesem Weltbild alle Sünderinnen und Sünder. Die Kirchen schaffen es schon lange nicht mehr, ihren Gemeinden ein vergleichbar schlechtes Gewissen einzupflanzen. Sie müssen neiderfüllt auf die Grünen blicken.

Ich möchte von niemandem regiert werden, der oder die sich ein moralisches Urteil über meine Lebensführung erlaubt. Ein politisches Urteil? Sehr gern.

Aber es gibt eben viele Leute, die dieses moralische Werturteil in steigendem Maße nervt. Zum Beispiel mich. Ich esse nicht besonders gern Fleisch, habe kürzlich mein Auto verkauft und nie den Wunsch gehabt, ein Eigenheim mit Garten zu besitzen. Eigentlich. Aber in dem Augenblick, in dem ich diesen Tonfall höre, diesen ganz besonderen Tonfall, den ich als hochmütig und als übergriffig empfinde: In genau diesem Augenblick wünsche ich mir ein SUV, sechsmal in der Woche Steak und eine protzige Villa ohne Solardach. Aus Prinzip. Wenn Leute mich behandeln wie eine trotzige Heranwachsende, dann benehme ich mich auch so.

Ist das vernünftig? Nein. Aber ich möchte einfach von niemandem regiert werden, der oder die sich ein moralisches Urteil über meine Lebensführung erlaubt. Ein politisches Urteil? Sehr gern. Da gibt es jedoch einen Unterschied, und ich mag die Vermischung beider Ebenen nicht.

Vor vielen Jahren saß ich in einem journalistischen Hintergrundkreis und wartete mit den anderen auf den damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer. Er betrat den Raum, sah mich mit meiner Zigarette – die war damals bei solchen Gelegenheiten noch erlaubt –, grinste und sagte: »Bitte, rauchen Sie unbedingt weiter! Wir brauchen Ihre Steuern.« Ich war intellektuell schockverliebt. Was er ja eigentlich gesagt hatte: »Sie sind so dämlich. Sie zahlen und zahlen, nur dafür, dass Sie Ihre Gesundheit ruinieren dürfen.« Was er nicht gesagt hatte: Dass ich in seinen Augen moralisch minderwertig war, weil ich rauchte. Kein Werturteil. Perfekt. Disclaimer: Nein, zur dauerhaften Anhängerin von Seehofer hat mich dieses Erlebnis nicht gemacht.

Die Grünen kämpfen bei der Bundestagswahl um den Auftrag von Wählerinnen und Wählern. Nicht um einen Erziehungsauftrag. Solange es ihnen nicht gelingt, glaubhaft den Eindruck zu erwecken, dass sie den Unterschied zu erkennen vermögen, so lange glaube ich nicht, dass Annalena Baerbock ins Kanzleramt einzieht. Zumal ich sicher bin, dass ihr oder einem anderen führenden Mitglied der Grünen vor der Wahl doch noch einmal das Wort »verbieten« herausrutscht. Das wird es dann gewesen sein.

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