Ausbildungseinsatz in Kriegsgebiet Afghanistan-Mission frustriert deutsche Polizisten
Deutsche Polizisten in Afghanistan: "Ich war im Krieg"
Afghanistan ist weit weg, hier in der Kleinstadt, in dieser modernen deutschen Neubausiedlung mit ihren verkehrsberuhigten Spielstraßen, akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken und polierten Mittelklassewagen.
Zugleich aber ist Afghanistan immer noch ganz nah, zumindest in der Wohnung von Klaus Steinbach*. Die sandfarbenen Kampfstiefel im weiß gefliesten Flur erinnern daran, wo der Hauptkommissar die vergangenen Monate verbracht hat.
"Ich war im Krieg", sagt er.
Der 36-Jährige gehört zu den deutschen Polizisten, die von der Politik inzwischen als Geheimwaffe im Kampf gegen die Taliban ausgemacht worden sind. Etwa 150 Beamte helfen in einem Land, doppelt so groß wie die Bundesrepublik, derzeit dabei, die einheimischen Sicherheitskräfte zu schulen.
Berliner Palaver
Nach dem Willen der schwarz-gelben Regierung soll sich die Zahl der in Afghanistan eingesetzten Beamten bald sogar auf 200 erhöhen, worüber sich - kaum dass die Pläne bekannt waren - umgehend Polizeigewerkschafter empörten: Die innere Sicherheit Deutschlands werde doch nicht am Hindukusch verteidigt, sondern auf dem Kurfürstendamm, donnerten sie.
Es war das übliche Berliner Palaver, in dem viele zu Wort kamen und wenig Wichtiges sagten, weil niemand diejenigen fragte, die am kundigsten hätten Auskunft geben können - die Beamten selbst. Denn das ist nicht ganz einfach.
Schließlich dürfte es auch diesen Artikel eigentlich gar nicht geben, bricht er doch mit den Gepflogenheiten zwischen Presse und Polizei. Will ein Journalist nämlich über deren Arbeit berichten, muss er das bei der Behördenleitung beantragen. Die präsentiert dann zumeist beflissene Staatsdiener und lässt sie nur überaus korrekte Versionen ihrer Erfahrungen erzählen - häufig unter Beobachtung eines Vorgesetzten. Die Wahrheit kommt dabei nicht zwangsläufig zur Sprache.
Wenn Analphabeten Pässe kontrollieren
Die Polizeihauptkommissare Klaus Steinbach und Peter Thielen*, 42, jedoch haben sich unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte in den vergangenen Tagen bereit erklärt, SPIEGEL ONLINE zu schildern, wie es wirklich zugegangen ist bei ihren wiederholten Einsätzen in Kunduz, Faizabad, Masar-i-Scharif und Kabul. Sie hoffen, "dass sich dann endlich etwas ändert an den dortigen Zuständen", dass es besser wird und vielleicht auch weniger gefährlich für sie und ihre Kollegen.
Als problematisch erachten beide Beamte, die zusammen schon seit über 40 Jahren bei der Polizei und von der Notwendigkeit eines deutschen Engagements in Afghanistan generell überzeugt sind, die Auswahl der dortigen Rekruten. Die meisten seien weder "körperlich noch geistig" für den Polizeidienst geeignet und bewürben sich "meistens nur aus Not, nicht aus Überzeugung". Es dauere oft schon mehrere Tage, bis die Bewerber überhaupt in der Lage seien, sich in Reih und Glied aufzustellen.
Auch in der Folge komme es häufig zu absurden Situationen: "Versuchen Sie einmal, einem Analphabeten beizubringen, wie er Pässe kontrolliert, und zwar solche, die andere Schriftzeichen tragen und einem ihm unbekannten Kalender folgen. Das ist unmöglich", sagt Thielen.
"Kanonenfutter" für die Amerikaner
Dennoch würden auf den Druck der Amerikaner hin derzeit massiv Polizisten angeworben und ausgebildet. Dabei produziere man in den nur wenige Wochen dauernden Lehrgängen eher "Kanonenfutter" denn fähige Sicherheitskräfte, berichten die beiden Deutschen unabhängig voneinander: Jeder vierte afghanische Polizist überlebe das erste Jahr im Dienst nicht, sage man am Hindukusch. Und bei den übrigen sei nicht immer klar, auf wessen Seite sie wirklich ständen.
Doch weil das US-Unternehmen, das zahlreiche Trainingsprogramme organisiere, für jeden frisch ausgebildeten Beamten der Afghan National Police (ANP) eine Prämie erhalte, fiele bei den Prüfungen so gut wie niemand durch, berichten die Hauptkommissare. Zumeist würden ohnehin vor allem handfeste Praktiken wie Nahkampftraining, Schlagstockeinsatz, Durchsuchungs- und Festnahmetechniken vermittelt. Die Amerikaner versichern hingegen, bei den Übungseinheiten immer auf hohe Standards zu achten, andere Kriterien gebe es nicht.
Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, hält das Engagement der bundesdeutschen Beamten am Hindukusch trotz aller Probleme für unverzichtbar: "Wir dürfen uns nicht aus der Verantwortung stehlen und nun unsinnige Ausstiegsdebatten führen", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Es gibt keine Alternative zu diesem Einsatz."
Der Meinung sind auch Steinbach und Thielen. Man müsse sich aber den Schwierigkeiten stellen, sagen sie, etwa der in Afghanistan allgegenwärtigen Bestechlichkeit: "Wenn Sie einem Polizisten Geld geben, kommen Sie durch jede Straßensperre", so Thielen. Allerdings sei das häufig noch nicht einmal nötig, weil viele örtliche Beamte nach seiner Beobachtung keinen besonderen Arbeitseifer an den Tag legten. "Die durchsuchen Sie bis zum Gürtel, die Mühe aber, sich auch zu bücken und die Beine abzutasten, macht sich kaum einer."
"Peng, Peng, Peng"
Doch nicht nur die Qualität der einheimischen Rekruten, auch die Vorbereitung der deutschen Polizisten auf den gefährlichen Einsatz am Hindukusch erscheinen demnach verbesserungswürdig.
So seien Beamte während ihrer dreieinhalbwöchigen Schulung bei der Bundespolizei in Lübeck zu absurd erscheinenden Übungen aufgefordert worden, schildert Hauptkommissar Steinbach: Sie hätten beispielsweise Hinterhalte der Taliban simulieren müssen, indem sie aus dem Gebüsch "Peng, Peng, Peng" gerufen hätten. Grund der Vokalausbildung: Die Platzpatronen seien offenbar zu lange gelagert und nicht mehr verwendbar gewesen, so der Beamte.
Die Bundespolizei weist diese Darstellung auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage als unzutreffend zurück und verwehrt sich "ausdrücklich gegen die Unterstellungen".
Alkohol im Einsatz
Den Schilderungen Steinbachs zufolge erreichte auch der Alkoholkonsum mancher deutscher Polizisten, die monatlich bis zu 5700 Euro zusätzlich zum normalen Gehalt bekommen, in Afghanistan bedenkliche Ausmaße: "Zuhause hätte man die betreffenden Kollegen längst zu einem Suchtberater geschickt", sagt der Beamte. Immer wieder sei es deshalb im Einsatzgebiet zu Schlägereien gekommen. Als er die Probleme angesprochen habe, habe es nur geheißen: Das Innenministerium brauche jeden, der freiwillig "da runter" gehe.
Die Bundespolizei weist auch diese Darstellung entschieden zurück: "Im Falle von Auffälligkeiten werden die Beamtinnen und Beamten entsprechend betreut."
Die Ausrüstung
Sorgen bereiten Hauptkommissar Steinbach zudem die Rahmenbedingungen seiner Einsätze: Es habe an Satellitentelefonen gefehlt, die Mercedes-Geländewagen seien nicht ausreichend stark gepanzert gewesen, die Kollegen zu Hause hätten die Afghanistan-Freiwilligen "Verpisser" geschimpft. Zuletzt habe ihn auch noch seine private Lebensversicherung darüber informiert, dass sie im Schadensfalle nicht zahlen werde. In Afghanistan herrschten schließlich "kriegsähnliche Zustände", befand die Assekuranz.
Die Bundespolizei teilt hingegen mit, Satellitentelefone würden "in ausreichender Anzahl in einem Pool vorgehalten und bei Bedarf ausgehändigt". Die Geländewagen wiederum verfügten über die höchste zivile Schutzklasse.
Doch reicht das in einem Kriegsgebiet aus?
Thielen und Steinbach haben in ihren vielen Monaten am Hindukusch zahlreiche brenzlige Situationen erlebt. Während der eine mehrere Selbstmordanschläge sah und anschließend zerfetzte Körper fotografierte, in der Hoffnung, das Grauen vielleicht später verstehen zu können, wurde der andere mit Raketen und aus Panzerfäusten beschossen. Beide blieben unversehrt. Doch ihnen ist klar: "In Afghanistan werden weitere Polizisten sterben - auch aus Deutschland."