Ausländerintegration Katholisch, fleißig, jung

Die Krawalle in Frankreich haben die Integrationsdebatte europaweit neu entfacht. Ist Multi-Kulti wieder mal gescheitert? Die Geschichte der Portugiesen von Groß-Umstadt in Hessen zeigt, wie Integration funktionieren kann.

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Groß-Umstadt - Im Jahre 1962 - in Lissabon regierte noch der Diktator Salazar - nahm ein abenteuerlustiger Portugiese namens Armando Carmeiro in einer Nacht- und Nebelaktion mit seinem Motorrad Reißaus von seiner Heimat. Nach 14 Tagen Fahrt hatte sein Gefährt eine Panne in der hessischen Provinz Groß-Umstadt.

Carmeiro hörte sich um und fand Arbeit beim ehemaligen Kronleuchter-Hersteller Palmer & Walter. Hellauf begeistert von seiner ersten Lohntüte beschloss er nicht nur sich hier für immer niederzulassen, sondern auch Freunde und Verwandte aus seinem Heimatort Santo Tirso nachzuholen, denn wer einen Arbeitsplatz im Ausland hatte, durfte ausreisen. Und so kam es, dass in den 70er Jahren etwa 8000 portugiesische Gastarbeiter im Odenwald-Kreis ihre Heimat fanden.

Portugiesische Jungendliche in Groß-Umstadt: "Wir haben keine Probleme mit Ausländern"
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Portugiesische Jungendliche in Groß-Umstadt: "Wir haben keine Probleme mit Ausländern"

Heute sind in Groß-Umstadt immer noch rund acht Prozent der Bürger, 1500 Menschen, portugiesischer Herkunft. Von ethnischen Konflikten oder Abgrenzungsverhalten zwischen Deutsch- und Portugiesischstämmigen kann jedoch nicht die Rede sein. Eher wirkt die Kleinstadt wie ein mustergültiges Integrationswunder: Fragt man portugiesische Jugendliche nach ihren Sorgen als Ausländer, erklären sie, dass sie keine Probleme mit Türken und Arabern hätten. Sich selbst verstehen sie nicht als solche.

Die deutschstämmigen Groß-Umstädter sehen das ähnlich. "Das sind einfach unsere Portugiesen", erklären ein paar Großmütter auf dem Marktplatz. Ihr Altenwohnheim liegt in der Altstadt, das gleichzeitig das Portugiesen-Viertel ist. Hier sind die Fachwerkhäuser saniert, deutsche Bilderbuch-Idylle. Was ist das Groß-Umstädter Integrationsgeheimnis?

Eine Strategie aus institutionalisierten Zufällen

"Einige Zufälle haben zusammen eine Strategie ergeben" erklärt Karl Dörr, der Stadtverordnetenvorsteher, etwas umständlich. Er betont die Gemeinsamkeiten, die es von Anfang gegeben habe: Die vorwiegend aus Santo Tirso stammenden Portugiesen kommen - wie die Groß-Umstädter - aus einem Weinanbaugebiet, sie gehen in die (katholische) Kirche, lieben Fußball und vor allem feiern beide Gruppen liebend gerne weinhaltige Feste.

Die Groß-Umstädter haben sich um ihre Portugiesen stark bemüht: "Es war immer ein unstrittiger Punkt in der Kommunalpolitik, auf das Phänomen 'Portugiesen' einzugehen", gibt Dörr zu. Die entstehende Freundschaft wurde institutionalisiert.

Karl Dörr und Adolfo Costa: "Wir passten von Anfang an zusammen"
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Auf Initiative der SPD wurde 1988 zusammen mit dem Betriebsrat der Firma Resopal - dem Hauptbeschäftigungszweig für Portugiesen - ein Verschwisterungskomitee zwischen Santo Tirso und Groß-Umstadt ins Leben gerufen. Es folgten offizielle Besuche von Politikern, Schüler-, Lehrer- und Ärzteaustausche. Etwa 350 Groß-Umstädter haben auf diese Weise Santo Tirso, die Heimat "ihrer Portugiesen", kennen gelernt. Die Unterbringung in Gastfamilien war dabei die Regel.

Portugiesische Gastarbeiter in deutschen Gastfamilien

Diese Regel ist möglicherweise ein weiterer Schlüssel zum Integrationsgeheimnis der Portugiesen in Groß-Umstadt: Als die ersten Gastarbeiter für die Kronleuchterfirma und später für Resopal geholt wurden, gab es nur Unterbringungsmöglichkeiten bei Groß-Umstädter Gastfamilien. Man lebte zur Untermiete, Tür an Tür. "Sauarm" seien sie bei ihrer Ankunft gewesen, erinnert sich die alte Bäckerin und Vermieterin Bausch, "nix zum Anziehen hatten sie".

Im Gegensatz zu den Portugiesen genießen die Türken keinen besonders guten Ruf bei den Seniorinnen auf der Parkbank - sie werden als "Hinterwäldler" empfunden. Doch die wenigen Türken, die in den siebziger Jahren für Resopal geholt wurden, waren in einem Hochhaus am Stadtrand untergebracht. "Kaum jemand hat sie zu Gesicht bekommen", meint Dörr. Das Prinzip "Unterbringung bei Groß-Umstädtern" hat offenbar seine Wirkung gezeigt.

Nicht einmal damals, als die fremden Portugiesen ohne Sprachkenntnisse auftauchten, habe es Schwierigkeiten gegeben. "Wir haben sie ja gebraucht, und außerdem waren sie fleißig", sagt Frau Frassl, in deren Haus heute noch die portugiesische Familie von damals wohnt. Man habe sich eben "mit Händen und Füßen" verständigt. Nur ein Problem habe es gegeben, erinnert sich Bäckerin Bausch schließlich: Die vier oder fünf Namen, die jeder Portugiese hat, machten es sehr schwierig, die Post richtig zuzuordnen.

Antonio Adolfo de Castro Costa ist Präsident des portugiesischen Arbeiterclubs "Clube Operario Portugues" in Groß-Umstadt. Ein freundlicher dunkelhaariger Mittvierziger mit Schnurbart und Umstädter Dialekt. Der Club ist ein Treffpunkt für alle Portugiesen und ihre kulturellen Veranstaltungen. "Außerdem ist er die beste portugiesische Gaststätte weit und breit", erklärt Stadtverordnetenvorsteher Dörr. Junge und alte Umstädter besuchen ihn regelmäßig zum Essen und Trinken. "Aber besonders wichtig für unsere Integration war der Fußball", sagt Costa.

Sportvereine - eine Quelle der Integration

Portugiesisch-deutsche Spielgemeinschaft: "Der Fußball hat uns integriert"
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Durch den Fußball sei der Club erst entstanden. Als die ersten Gastarbeiter in Groß-Umstadt ankamen, seien sie den Sportvereinen beigetreten. Später haben sie ihren eigenen Portugiesischen Sportverein PSV gegründet, jedoch die Fußballjugend in der deutsch-portugiesischen Spielgemeinschaft untergebracht. Daraufhin sei die Idee für den Club entstanden. Um die Bedeutung des Sports für den portugiesischen Arbeiterclub zu erkennen, bedarf es nur eines aufmerksamen Blicks: Über 1000 Sportpokale stehen in den einzelnen Räumlichkeiten ausgestellt und an den Wänden hängen Hunderte von Mannschaftsfotos. Adolfo Costa ist auf jedem zu sehen.

Integration lässt sich bekanntlich schwer messen, aber erkennen kann man sie. Die Arbeitslosigkeit unter den Portugiesen beträgt mit neun Prozent in Groß-Umstadt nicht mehr als unter den Deutschen. Sprachschwierigkeiten bei den in Deutschland geborenen Portugiesen gibt es nicht, und Ehen zwischen Portugiesen und Deutschen sind eine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile haben sich viele Portugiesen endgültig niedergelassen und Häuser in der Altstadt gekauft. Sie sanierten sie, von der Kommune finanziell unterstützt.

Altstadt von Groß-Umstadt: Idyllisches Portugiesenviertel
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Nach Ansicht des Stadtverordnetenvorstehers Dörr liegt das Erfolgsgeheimnis des Modells Umstadt in der ständigen Kommunikation mit den Portugiesen. "Wir wollen, dass sie so bleiben, wie sie sind." Der Zwang, deutsch zu werden, meint er, sei eher ein Integrationshemmnis. "Wir regeln Probleme gemeinsam und fördern viel, damit sie sich wohl fühlen." Daher habe die Stadtverwaltung unter anderem das Grundstück und den Bau des portugiesischen Arbeiterclubs mitfinanziert und in den Schulen Portugiesisch seit Jahrzehnten als Zusatzfach angeboten.

Der EU-Beitritt macht sie zu Groß-Umstädtern

Laut Adolfo Costa sei Portugals EU-Beitritt für die Integration der Portugiesen sehr wichtig gewesen. Früher waren sie durch den Ausländerbeirat vertreten. Seit sie EU-Bürger sind, gehen die Politiker auf die Portugiesen als Bürger ein. 2004 habe ein Politiker vor einem EM-Spiel im Club sogar die portugiesische Nationalhymne auf der Trompete geblasen. Seither fühlen sich die Portugiesen als Groß-Umstädter und sind mit guten Listenplätzen in den Parteien vertreten.

So scheinen die Grenzen zwischen Deutschen und Portugiesen völlig zu verwischen. Nur manchmal spielt die Herkunft doch noch eine Rolle. "Wenn man Daniel Küblböck sieht, ist man eben stolz, Portugiese zu sein," erklärt er sagt Ricardo Martins Castro, ein 19-jähriger Tankstellenwart - und er sagt das in breitem Hessisch.



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