Außenminister Gabriel An Statur gewonnen

Schlanker, seriöser, populärer: Sigmar Gabriel ist als Außenminister so beliebt wie noch nie. Dem SPD-Politiker macht sein Job erkennbar Spaß - so viel, dass Kanzlerkandidat Schulz Mühe hat, überhaupt noch wahrgenommen zu werden.

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An diesem Sonntag gibt es für Sigmar Gabriel eine Premiere. Der Vizekanzler wird sich im Saal der Bundespressekonferenz erstmals als Außenminister den Fragen der Bürger stellen. Es ist der Tag der offenen Tür, an dem sich in der Hauptstadt Ministerien und wichtige Institutionen der Öffentlichkeit präsentieren.

Als Wirtschaftsminister war er schon mal hier, locker und leger ohne Krawatte. Das war im August 2016. In seiner jetzigen Funktion als Deutschlands oberster Diplomat könnte sein Auftritt nicht nur eine einmalige Sache bleiben, vielleicht ist es sogar schon eine Station auf dem Weg aus der Regierung. In knapp vier Wochen findet die Bundestagswahl statt, in der aktuellen ZDF-Umfrage hat die SPD noch einmal verloren und kommt auf 22 Prozent. Im SPON-Wahltrend schneidet die Partei etwas besser ab, aber es sieht nicht gut aus für die Wahl und damit auch für Gabriels Verbleib im Außenamt.

In den vergangenen Wochen ist Gabriel von Journalisten wiederholt gefragt worden, ob er als Außenminister gerne weitermachen würde. "Ja, sicher", sagt er dann. Das ist nicht nur Koketterie. Gabriel macht seine Aufgabe sichtlich Freude. Seitdem er im Januar auf die SPD-Kanzlerkandidatur zugunsten von Martin Schulz verzichtete und kurz darauf das Auswärtige Amt übernahm, hat Gabriel die Chancen, die ihm der neue Job bot, maximal genutzt. Er selbst erzählt gerne folgende Anekdote, die den Unterschied illustrieren soll: Als Wirtschaftsminister habe er sich noch so anstrengen können, am Ende sei er oft nur auf den hinteren Seiten der Zeitungen gelandet. Das habe sich in seinem neuen Amt geändert.

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Uganda, Libyen, USA: Gabriel reist

In der Weltlage mit ihren Dauerkrisen, ob Syrienkrieg, Nordkoreas Atomprogramm, der Lage in der Türkei ist Gabriel so präsent wie kein anderer Politiker der SPD. Kanzlerkandidat Schulz hat Mühe, hinter dem medialen Dauergewitter seines Parteifreundes überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Präsenz kommt vor allem einem zugute: Gabriel. Im ZDF-"Politbarometer" hat er erneut zugelegt, in der Top-Ten-Liste der Politiker liegt er hinter Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble auf Platz drei - Schulz hingegen steht auf Platz sechs, noch hinter FDP-Chef Christian Lindner.

Klare Kante gegen Erdogans Politik

Dass Außenminister beliebt sind, gilt als Gesetzmäßigkeit des bundesdeutschen Politikbetriebs. Bis auf den FDP-Politiker Guido Westerwelle, der erst zum Ende seiner Amtszeit hin an Statur gewinnen konnte, aber nie die Beliebtheit seiner Vorgänger erreichte, waren die Außenminister rasch die Lieblinge der Deutschen.

Bei Gabriel war ein Ansehensschub im neuen Amt nicht zwangsläufig zu erwarten, hatte er doch als SPD-Parteichef oftmals polarisiert. Anders als sein populärer SPD-Vorgänger Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt trat er von Anbeginn robust auf, wie es seinem Naturell entspricht. Das hätte eine Gefahr in einem Chefsessel am Werderschen Markt in Berlin sein können, denn Außenpolitik verlangt mitunter einiges an Zurückhaltung. Aber Gabriels expliziter Stil kam ihm als Außenminister in diesen Zeiten entgegen - vor allem gegenüber der Türkei. Seinen Kurs gegenüber Ankara stützen mittlerweile zwei Drittel der Deutschen.

Gabriel ist mittlerweile zum Lieblingsgegner der AKP-Politiker geworden. Der türkische Minister Ömer Celik warf ihm vor, er rede "wie ein Rassist", woraufhin Gabriel in der "Bild"-Zeitung mit dem Satz konterte, für ihn sei das ein Zeichen, dass "die nicht weiterwissen mit ihren Argumenten", er nehme das "kaum ernst". Der Vorwurf des Rassismus dürfte Gabriel ohnehin kaltlassen: In seiner ersten Ehe war er mit einer Türkin verheiratet. Die Türkei, ihre Kultur, ihre Innen- und Außenpolitik beschäftigen ihn schon seit Längerem.

SPD-Generalsekretär Heil: "Wir sind stolz auf Sigmar Gabriel"

Lob für seinen Kurs gegenüber Ankara bekommt Gabriel auch von der politischen Konkurrenz. FDP-Vize Wolfgang Kubicki, der zu Gabriel schon länger einen persönlichen Draht pflegt, sagt: "Er macht seinen Job gut." Der Liberale, wie Gabriel ein Mann klarer Worte, lobt dessen Türkei-Politik: Deutschland könne sich von Erdogan nicht alles bieten lassen, "irgendwann wird das auch eine Frage der Selbstachtung". Und in der SPD, die mit ihrem einstigen Vorsitzenden oft haderte und seinen mitunter unsteten Politikstil beklagte? Vor dem Wahlkampf herrscht Geschlossenheit. "Alle SPD-Minister machen einen hervorragenden Job - und wir sind stolz auf Sigmar Gabriel, der als Außenminister in diesen schwierigen Zeiten exzellente Arbeit leistet", sagt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil.

Seit Wochen ist Gabriel im Wahlkampfmodus. Der Terminkalender ist voll, die Zeit drängt und rennt, als Außenminister wird er nicht mehr viele Auslandsreisen unternehmen können. Kommende Woche geht es nach Paris, Anfang September zum EU-Außenministertreffen ins estnische Tallin, wenige Tage vor der Bundestagswahl zur Uno-Vollversammlung nach New York. Als er kürzlich in der "Berliner Zeitung" die Frage nach einer Fortsetzung im Außenamt bejahte, fügte er einschränkend hinzu, wenn Schulz Kanzler werde, dann werde es "wohl nichts", manchmal müsse man für eine "wichtige Sache auch Opfer bringen".

Ist diese Perspektive angesichts des Vorsprungs der Unionsparteien aber überhaupt realistisch? Gabriel ist erfahren genug, um zu wissen, dass es seine Partei schwer haben wird bis zum 24. September. Auf die Frage, was geschieht, wenn es nicht für eine SPD-geführte Regierung reicht, gibt er in diesen Tagen eine Antwort wie aus dem Stehsatz: Erst entscheide der Wähler, "dann folgt alles andere".

Mitarbeit: Florian Gathmann

insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
th.diebels 25.08.2017
1. Die GroKo
hat ihren Preis gehabt - solange er aktiv in der Politik tätig war, musste Gabriel mehr oder minder schön still sein ! So ist das: "mit gegangen - mit gefangen - mit gehangen "
la-roediger 25.08.2017
2.
Die Eröffnung des Artikels geht nach allen SPIEGEL Umerziehungs-Kriterien gar nicht. Aber ist in dem Fall natürlich nicht schlimm.
Neandiausdemtal 25.08.2017
3. Verstehe
Ich verstehe seine Antwort Außenminister bleiben zu wollen so: Schulz Kanzler, Gabriel Außenminister. Fände ich gut, ist aber wohl eher unwahrscheinlich.
wolke:sieben 25.08.2017
4. Was hat der nicht mehr so dicke Siggi
....Gutes gemacht, dass er so an Beliebtheit gewonnen hat ?? mir fällt jedenfalls nichts ein !!
florian29 25.08.2017
5. So viel Statur
daß er immer gebückter herumläuft. Vom Buckeln.
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