Ausstiegsvorstoß Gabriel will sieben älteste Atomkraftwerke sofort abschalten

Sigmar Gabriel prescht vor: Der Umweltminister fordert, die ältesten sieben deutschen Atomkraftwerke in kürzester Zeit vom Netz zu nehmen. Im Gegenzug solle die Laufzeit moderner Meiler verlängert werden - um das "nukleare Gesamtrisiko" zu senken.


Frankfurt am Main - Nach den Störfällen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die Atomwirtschaft nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" aufgefordert, die sieben ältesten Reaktoren in Deutschland umgehend abzuschalten. Betroffen wären dem Bericht zufolge die hessischen Reaktoren Biblis A und B, das Vattenfall-Kraftwerk Brunsbüttel, Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1 in Baden-Württemberg sowie Unterweser in Niedersachsen. Das Kraftwerk Isar 1 könnte demnach im Juni 2009 außer Betrieb gehen.

Im Gegenzug könnten modernere Atomkraftwerke wie Isar 2 bei Landshut oder Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg länger laufen als bisher geplant, sagte Gabriel. Laut Berechnungen des Ministeriums müssten dafür nur fünf Prozent der gesamten Reststrommenge von alten auf neue Reaktoren verschoben werden.

Mit dem Vorstoß treibt Gabriel seine Forderung voran, ältere Atomkraftwerke in Deutschland schneller abzuschalten. Das hatte er schon nach der Pannenserie in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel des Energiekonzerns Vattenfall verlangt - aber keine Details genannt. Jetzt wird erstmals klar, wie ein solches Szenario konkret aussähe.

Nach Gabriels Überlegungen wären 2009 nur noch zehn Kernkraftwerke in Betrieb, der letzte Meiler ginge jedoch rechnerisch erst 2023 vom Netz. "Damit ließe sich das nukleare Gesamtrisiko erheblich senken", sagte Gabriel. Die jüngsten Zwischenfälle in Krümmel und Brunsbüttel hätten "die Verwundbarkeit der komplexen Atomtechnologie" gezeigt. Beide Kraftwerke waren Ende Juni nach Problemen heruntergefahren worden.

Grundlage des Vorstoßes sei das Atomgesetz mit der dort vorgesehenen Umschichtung von Laufzeiten der Atomkraftwerke, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Verordnen kann das Umweltministerium eine solche Umschichtung aber nicht: Die Betreiber müssten sie selbst vornehmen. Bislang will die Energiewirtschaft Restlaufzeiten vor allem von neueren auf ältere Reaktoren übertragen, damit sie diese länger am Netz lassen können - also das genaue Gegenteil von Gabriels Forderung. Damit erhalten sich die Betreiber nicht nur ihre jahrzehntelang sprudelnden Einnahmequellen - mancher hegt die Hoffnung, dass zum Beispiel eine konservative Regierung den Atomausstieg doch wieder rückgängig machen könnte.

Vattenfall kündigt Sicherheitsmaßnahmen an

Die Atomlobby hat es allerdings zunehmend schwer: Das Bundesamt für Strahlenschutz unterstützt Gabriels Vorschlag, die Laufzeit der älteren Kraftwerke zu Gunsten der neuen Meiler zu verkürzen. Dies sei ein erheblicher Sicherheitsgewinn, sagte dessen Präsident Wolfram König der "Süddeutschen Zeitung". Heute wären die sieben ältesten Anlagen ohnehin nicht mehr genehmigungsfähig.

Der Betreiber Vattenfall kündigte unterdessen ein Paket neuer Sicherheitsmaßnahmen an. "Mit diesen Maßnahmen sollen Technik, Organisation, Administration sowie Training der Mitarbeiter und die Kommunikation weiter verbessert werden", teilte das Unternehmen in Hamburg mit. So sollen die Lüftung der Warte in Krümmel geändert sowie die Kommunikation auf der Warte und die Schulungskonzepte verbessert werden. Detaillierte Vorschläge nannte Vattenfall nicht. Die Maßnahmen seien aber von der eigens eingesetzten Expertenkommission gutgeheißen und der Atomaufsicht in Kiel vorgestellt worden, erklärte der Betreiber.

Die abschließende Bewertung der Experten, für die der Konzern einen Etat von fünf Millionen bereitgestellt hatte, werde im Herbst erwartet. Konkret plant Vattenfall die in der Luftfahrt übliche Drei-Wege-Kommunikation, wie die schleswig-holsteinische Sozialbehörde erklärt. Diese Methode besagt, dass jede Anweisung von ihrem Empfänger wörtlich wiederholt werde und dann noch einmal der Anweisende sein Okay gebe, sagte Behördensprecher Oliver Breuer.

Die Meiler Krümmel und Brunsbüttel waren am 28. Juni per Schnellabschaltung heruntergefahren worden. Krümmel steht seitdem still, Brunsbüttel wurde zwischendurch mehrmals hoch- und wieder heruntergefahren und ist seit dem 18. Juli vom Netz.

anr/AP/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.