Auswärtiges Amt Steinmeier kritisiert Willy Brandts Umgang mit Nazi-Diplomaten

Das Auswärtige Amt hat an der Ermordung europäischer Juden maßgeblich mitgewirkt - das ist das Ergebnis eines neuen Historikerberichts. Ex-Außenminister Steinmeier übt jetzt Kritik an einem seiner Vorgänger: Noch unter Willy Brandt seien belastete Personen "sogar belobigt worden".

Ex-Außenminister Steinmeier: "Damals ist der Frage keine Priorität eingeräumt worden"
dapd

Ex-Außenminister Steinmeier: "Damals ist der Frage keine Priorität eingeräumt worden"


Berlin - Der SPD-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich in einem Interview mit dem "Cicero" kritisch über die Zeit Willy Brandts an der Spitze des Auswärtigen Amts geäußert. Der langjährige SPD-Parteivorsitzende und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt stand in den Jahren 1966 bis 1969 an der Spitze des Auswärtigen Amts.

Grundlage für Steinmeiers Kritik an Brandt ist der soeben erschienene Bericht einer Historikerkommission. Nach den Recherchen der Wissenschaftler hat das Auswärtige Amt maßgeblich an der Ermordung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt. Dies geht aus einer vom ehemaligen Außenminister Fischer in Auftrag gegebenen Studie hervor. "Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation", sagte der Kommissionsleiter, der Marburger Historiker Eckart Conze, dem SPIEGEL. Nach SPIEGEL-Informationen hat der Diplomat Ernst von Weizsäcker 1936 die Ausbürgerung des Schriftstellers Thomas Mann gebilligt.

Die Sache wirkte in die Bundesrepublik fort - einige betroffene Diplomaten seien noch unter der Amtsführung Willy Brandts im Dienst gewesen, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Steinmeier jetzt. Auf die Frage, ob der spätere Bundeskanzler Brandt an dem historisch braunen Fundament des Auswärtigen Amts Anstoß genommen habe, sagte Steinmeier "Cicero": "Ein eher betrübliches Kapitel, das in der Untersuchung der Historikerkommission ausführlich dargestellt wird! Freundlich könnte man sagen: Damals ist der Frage keine Priorität eingeräumt worden." Tatsächlich seien ausdrücklich belastete Personen wie der frühere Generalkonsul in Spanien, Franz Nüßlein, "sogar belobigt worden".

Steinmeier vermutet rückblickend, Willy Brandt habe als erster sozialdemokratischer Außenminister den Nachweis führen wollen, "dass er mit einem in Generationen gewachsenen Auswärtigen Dienst umgehen kann, ohne einen Konflikt in der Personalpolitik an den Anfang zu stellen". Der Bericht der Historikerkommission zwinge aber auch generell "zu einer Prüfung des Selbstverständnisses des Auswärtigen Dienstes", so Steinmeier. Wichtig sei, dass es nun "zu einer Selbstvergewisserung über Rolle, Funktion und Standort in der Geschichte der Diplomatie" komme.

Seinen Nachfolger an der Spitze des Auswärtigen Amts, Guido Westerwelle, rief er dazu auf, "sich ernsthaft mit dieser Untersuchung auseinanderzusetzen" und dafür zu sorgen, dass die entsprechenden Erkenntnisse "Eingang finden in die Ausbildung von Jungdiplomaten in Deutschland".

Bereits am Wochenende hatten Politiker mit Entsetzen auf den Historikerbericht reagiert. Ein "gewichtiges Werk" sei die Studie, erklärte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) im SPIEGEL. "Unglaublich", kommentierte Frank-Walter Steinmeier (SPD). "Ich las den Bericht und war entsetzt", sagte Joschka Fischer (Grüne) der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

anr



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Seite 1
adolf66meier 23.10.2010
1. Das ist kaum zu beantworten
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich frage mich immer, wie hätte ich mich verhalten in einer Diktatur? Vor allem, wenn ich Verbrechen hätte begehen müssen und diese nur ablehnen konnte, indem ich mein eigenes Leben verliere. Wahrscheinlich hätte ich mitgemacht. Ich bin dafür, dass man diesen SPIEGEL-Forum-Strang gründlich diskutiert, jedoch sollte auch immer gesehen werden: Auch die Diplomaten bekamen ihre Befehle. Sie hätten mutig sein können wie die "Weiße Rose", aber die ist ja leider ausgehoben worden.
Heks 23.10.2010
2. Sehen wir doch in den Spiegel.
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Die deutschen Diplomaten waren nur ein Spiegelbild der deutschen sowie europäischen Gesellschaft. Diese betrachteten in ihrer Mehrheit die Juden (und andere Minderheiten)als in vieler Hinsicht minderwertige Menschen. Mehrheiten neigen in Krisenzeiten dazu ihre durch die Krise aufkommenden Aggressionen auf Minderheiten abzuleiten. Latent vorhandene Vorurteile der schweigenden Mehrheit ermuntern zur Tat. Sehen wir uns Deutschland heute an so können wir ganz zeitnah solche Entwicklungen erleben und nachvollziehen. Ja, die deutschen Diplomaten hatten eine Mitschuld am Holocaust. Ja, die schweigende Mehrheit der Mitläufer in Deutschland hatte eine Mitschuld am Holocaust. Ja, die schweigenden Mehrheiten in Gesellschaften in denen Minderheiten diskriminiert und untedrückt werden hatten und haben eine Mitschuld an voekommender Gewalt gegenüber Minderheiten.
ddorfer 23.10.2010
3.
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Genauso viel wie das übrige Regime.Schließlich waren sie ja ein Teil des Machtapparats.
Gandhi, 23.10.2010
4. 2% oder 20%?
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Eine hypothetische Frage. Wer als Diplomat von der Vernichtungsmaschinerie wusste und dennoch Diplomat blieb (in vielen Faellen haette man ja den dienst quittieren koennen und irgendwo politisches Asyl beantragen), der war mitschuldig. Ueber dem Umfang der Schuld kann man sich Gedanken machen, doch waeren die Verbrechen sicher auch ohne diplomaten durchgezogen worden.
Emil Peisker 23.10.2010
5.
Werter M M Sie verstecken Ihren radikalen rechten Ansatz ganz gut. Und wenn Sie auch gerne pseudowissenschaftlich argumentieren, gleichzeitig dem Spiegel "Auftragslosigkeit" vorwerfen, so sind Sie ein gefärlicher Relativierer, der "andere" diktaturen und andere "Böse" Trittin, Fischer, Schily et al als "ebenfalls" radikal anbietet, um die Nazi-Zeit als eine Dikatur in einer langen Reihe gleichwertiger Regime zu verharmlosen. Lassen Sie es, nach "Studium" Ihrer älteren Beiträge kann man Ihren Duktus gut erkennen, und die angebliche wissenschaftlich fundierte "Ausgewogenheit" entlarvt sich als Relativierungsmethode. Gruß Emil
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