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Axt-Attentat: Flüchtlingshelfer in Ochsenfurt verunsichert

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ochsenfurt nach dem Axt-Attentat Ausgerechnet er, ausgerechnet hier

Der junge Flüchtling Riaz Khan Ahmadzai galt als vorbildlich integriert. In Ochsenfurt, einem deutschen Vorzeigestädtchen. Dann griff er zur Axt. Die Reaktion vieler Bürger: Jetzt helfen wir erst recht.

Simone Barrientos steht nicht still, vielleicht kann sie es gerade einfach nicht. Hektisch wuselt die 52-Jährige in ihrem Büro herum. "Wir waren uns eigentlich alle einig, dass es nicht sein kann", sagt sie und schüttet sich zum zweiten Mal binnen zehn Minuten Kaffee in ihre Tasse. "Es" bedeutet: dass ein Flüchtling aus Ochsenfurt zum Attentäter wird, dass ein völlig friedlich wirkender Teenager Amok läuft.

Barrientos, eine Verlegerin, engagiert sich im "Helferkreis Ochsenfurt" vor allem für die sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.

Die Organisation besteht aus etwa hundert Freiwilligen, insgesamt gibt es knapp 200 ehrenamtliche Helfer in der Stadt - rein rechnerisch einen pro Flüchtling. Für einen Ort mit gerade mal 11.000 Einwohnern ist das beachtlich, Ochsenfurt hat sich zu einer Art Modellstadt in der Flüchtlingskrise entwickelt. "Jetzt bleibt nur Schweigen", sagt Barrientos - "und es bleiben Fragen".

Simone Barrientos

Simone Barrientos

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Seitdem der 17-jährige Riaz Khan Ahmadzai am Montagabend mit einer Axt fünf Menschen teils schwer verletzt hat, ist Barrientos im Dauereinsatz. In einer Hand hält sie die Kaffeetasse, in der anderen abwechselnd Zigarette und Telefonhörer. Sie hat Zeitungen und einer Handvoll TV-Sender Interviews gegeben. Vor der Tür ihres Hauses, dem gelb gestrichenen Kulturzentrum "Kemenate", stehen die Kamerateams trotzdem immer noch Schlange.

Wenn sie doch einmal kurz zur Ruhe kommt, wirkt die redselige Aktivistin plötzlich nachdenklich. "Etliche der Flüchtlinge suchen gerade eine Wohnung oder einen Ausbildungsplatz", so Barrientos; über den Attentäter sagt sie: "Viele haben die Sorge, mit ihm in einen Sack gesteckt zu werden." Die Asylbewerber, die sie kenne, seien daher traurig - "und manche auch wütend".

Nicht nur Barrientos sorgt sich seit dem Attentat um die Flüchtlingshilfe im Ort. Ochsenfurt, eine Stadt mit Kopfsteinpflastergassen und mittelalterlichen Bauwerken, muss sich nach dem Axt-Angriff erst einmal sortieren.

Hier lebte Riaz Khan Ahmadzai, bevor er vor zwei Wochen zu einer Pflegefamilie ins nahe Gaukönigshofen zog. Hier baute sich der Teenager eine für Flüchtlinge bemerkenswerte Perspektive auf: Ein Jahr nach seiner Ankunft in Passau hatte er eine Aufenthaltsgenehmigung, ein Praktikum, eine Lehrstelle in Aussicht.

Internetvideo von Riaz Khan Ahmadzai

Internetvideo von Riaz Khan Ahmadzai

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Ein Vorzeigeflüchtling in einem Vorzeigestädtchen - und dann diese Tat.

Es geht hier auch um Grundsätzliches: Wie lässt sich rechtzeitig erkennen, ob ein traumatisierter Asylbewerber durchzudrehen droht? Könnten die Sicherheitsbehörden früher von Planungen solcher Taten erfahren? Vor allem aber: Wann und wie lässt sich die Radikalisierung von jungen Menschen verhindern?

Das sind die Fragen, über die anderthalb Tage nach der Tat viele Ochsenfurter nachdenken - vor allem freiwillige Helfer wie Sylvia Asmodena Kurtar. "Wir sind alle noch im Schockzustand", sagt die 50-jährige Yogalehrerin, "und natürlich können wir nicht alle Probleme lösen." Mit den 200 Zugezogenen habe es seit Beginn der Flüchtlingskrise "keinen einzigen negativen Vorfall" gegeben - es klingt wie: Warum soll ein einzelnes Verbrechen die guten Erfahrungen aus zwei Jahren zerstören?

Das ist auch die Nachricht, die Bürgermeister Peter Juks in seine Stadt senden will. Der 51-Jährige, rotblonder Bart und kariertes Hemd, sitzt im großen Sitzungssaal des historischen Rathauses. Bislang, sagt er, seien die Ochsenfurter äußerst offen und gelassen im Umgang mit Asylbewerbern gewesen. Zudem hätten sich gerade die 26 minderjährigen Flüchtlinge in Ochsenfurt engagiert - etwa in Sportvereinen.

Flüchtlinge endgültig unter Generalverdacht

"Ich hoffe, dass jetzt nicht alles kippt", sagt Juks und atmet tief durch. "Die Ängste und Zweifel, die jetzt aufkommen, kann man nur durch Gespräche entkräften." Was naiv klingen mag, scheint zu funktionieren: Am Nachmittag hatte Juks sich mit den Sprechern der Ochsenfurter Helferkreise im Rathaus getroffen, um über das weitere Vorgehen zu sprechen. Das Ergebnis laut Juks: "Die Helfer wollen jetzt noch aktiver werden." Er könnte auch sagen: Jetzt erst recht!

Zunächst muss in Ochsenfurt aber wohl erst wieder der Normalzustand einkehren: An diesem Mittwoch bewachen noch immer Polizisten das Kolping-Wohnheim, in dem der Attentäter Riaz Khan Ahmadzai bis vor Kurzem lebte, die Beamten nehmen von allzu neugierigen Passanten die Personalien auf. Und auch vor dem Flüchtlingsheim im sogenannten Palatium am anderen Ende der Altstadt weist ein Mann mit hellem Hemd und düsterem Blick Besucher zurück. Alltag in einer überforderten Stadt.

Am Mittag läuft Simone Barrientos durch die Mittagshitze zum Auto, ihr Ziel: eine Demo im Zentrum von Würzburg, organisiert von Flüchtlingen aus Ochsenfurt. Das Motto der Kundgebung lautet "Nicht in meinem Namen", denn die Asylbewerber ahnen: Für viele stehen sie jetzt endgültig unter Generalverdacht.