Babymord-Theorien Ost-CDU empört über Parteifreund Böhmer

CDU-Politiker aus Ostdeutschland greifen Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Böhmer scharf an: Seine Äußerung sei eine "Kränkung für jede ostdeutsche Frau". Böhmer hatte die These vertreten, die DDR-Mentalität sei verantwortlich für die Serie von Kindstötungen in Ostdeutschland.

Berlin - In der ostdeutschen CDU wird massive Kritik an den Äußerungen von Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) über den Zusammenhang von Kindstötungen in den neuen Ländern mit der Abtreibungspraxis in der DDR laut: Die Thüringer CDU-Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann sagte der in Erfurt erscheinenden "Thüringer Allgemeinen", die Aussage des Landeschefs von Sachsen-Anhalt sei "eine Kränkung für jede ostdeutsche Frau, die sich intensiv bemüht, ihren Kindern eine Zukunft zu geben".

Anders als Böhmer sehe sie bei Kindstötungen in Ostdeutschland keinen Zusammenhang zum liberalen Abtreibungsrecht der ehemaligen DDR, sagte die Thüringer Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski im ZDF. Die Frauen, über die in diesem Zusammenhang geredet werde, seien zu DDR-Zeiten noch Kinder gewesen. "Sie leben schon 18 Jahre im vereinten Deutschland", fügte das Mitglied im CDU-Bundesvorstand hinzu.

Der CDU-Sozialexperte im Magdeburger Landtag, Markus Kurze, erklärte, solch einer "pauschalen Aussage" müsse widersprochen werden. Laut Kinderärzten seien Kindstötungen vielmehr auf die heutige Gesetzeslage zurückzuführen, die ein rechtzeitiges Einschreiten bei Misshandlungen von Kindern erschwere.

"Böhmers Wortmeldung ist ein Versuch, das Unfassbare mit einem einfachen Satz zu erklären. Das greift zu kurz", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion der Union, Manfred Grund, in der "Thüringer Allgemeinen".

Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) kritisierte Böhmer nicht direkt. Er halte aber biographische oder historisch-geografische Erklärungsversuche für solche Ereignisse für falsch, sagte er der Zeitung.

Auch der Vize-Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag, Bodo Ramelow, verwahrte sich dagegen, die Ursache für Kindstötungen im Osten in der Vergangenheit zu suchen: "Wer zulässt, dass Familie und gerade alleinstehende Frauen mit den Kindern ohne Beistand sind, der darf nicht die Schuld bei der DDR suchen."

Heftige Empörung in allen Parteien

Als "zynisch" wies der SPD-Abgeordnete und Sprecher des Seeheimer Kreises, Klaas Hübner (SPD), in der "Frankfurter Rundschau" den Versuch zurück, Babytötungen als Nachwirkungen einer DDR-Mentalität zu erklären. Böhmer kriminalisiere damit zahllose Mütter und Väter, die sich mit all ihrer Kraft um ihre Kinder kümmerten. Zudem sei der Vorwurf sachlich falsch, da die meisten jungen Eltern im Osten den Großteil ihrer Sozialisation nach der Wende durchlaufen hätten.

Von einer "völlig absurden Position" sprach die Fraktionsvizevorsitzende der Linken, Gesine Lötzsch. Zu tragischen Kindstötungen komme es auch im Westen. Böhmers "Hetze" gegen die Mentalität im Osten helfe nicht weiter, sagte Lötzsch der Zeitung.

Böhmer hatte zuvor in einem Interview mit "Focus" die Häufung von Babymorden in Ostdeutschland mit einer "leichtfertigen Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern" erklärt. Die ungleich höhere Zahl von Kindstötungen sei eine Folge des in der DDR seit 1972 erlaubten Schwangerschaftsabbruchs bis zur 12. Woche - er vermutet, "für manche" sei Babymord "ein Mittel der Familienplanung".

Bereits gestern hatte es daraufhin scharfe Kritik aus allen Parteien gegeben - die Grünen-Chefin Claudia Roth forderte gar Böhmers Rücktritt. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) wies die Äußerungen Böhmers klar zurück. Der Bezug auf die DDR-Vergangenheit scheine ihm "im Jahr 18 deutscher Einheit" zu reflexartig. Er wehre sich auch dagegen, "eine ganze Generation verantwortungsvoller Mütter und Väter unter Generalverdacht zu stellen". Bei aller notwendigen Ursachenforschung stehe jetzt das Handeln der Gesellschaft auf der Tagesordnung.

Böhmer relativierte seine Äußerungen

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), forderte Böhmer auf, seine Äußerungen "unverzüglich zurückzunehmen und sich bei den jungen Eltern zu entschuldigen".

Tiefensee, der früher in Leipzig Oberbürgermeister war, kritisierte Böhmers Äußerungen in einer Pressemitteilung als "pseudowissenschaftliche Schwadroniererei" und "üble Diffamierung der Frauen in Ostdeutschland". "Es ist zynisch und verantwortungslos, verantwortungsbewusste Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern, mit Kindermördern gleichzusetzen."

Im MDR-Landesmagazin "Sachsen-Anhalt heute" hatte Böhmer gestern seine Aussagen relativiert. Er habe nur davon gesprochen, dass sich die Wertschätzung werdenden menschlichen Lebens verändert habe, sagte er dem Magazin. Darauf könnten die Begleitumstände in der ehemaligen DDR möglicherweise Einfluss gehabt haben. "Ich bin weit davon entfernt, für alle Fälle eine Erklärung zu suchen. Es ist völlig falsch, alles in einem bestimmten Zusammenhang erklären zu wollen", sagte Böhmer.

Er bekräftigte seine Ansicht, dass sich in der DDR nach der Legalisierung der Schwangerschaftsabbrüche innerhalb weniger Jahre ein recht unbekümmerter Umgang mit werdendem menschlichem Leben eingebürgert habe. "Da kamen junge Frauen ins Krankenhaus, weil sie einen Urlaubsplatz am Schwarzen Meer in Bulgarien bekommen hatten und sagten, 'Da möchte ich nicht schwanger sein, ich möchte die Schwangerschaft abbrechen lassen'", sagte der gelernte Gynäkologe. "Das meine ich mit leichtfertigem Umgang."

Die Ansicht, dass die sozialen Verhältnisse in Ostdeutschland und die hohe Arbeitslosigkeit für die häufigen Fälle von Kindstötungen mitverantwortlich sein könnten, wies er zurück. Er glaube nicht, dass die höhere Arbeitslosigkeit damit etwas zu tun habe. "Niemandem geht es so schlecht, dass er sein eigenes Kind umbringen muss."

anr/dpa/AP