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Foto: Thomas Niedermueller/ Getty Images

Baden-Württemberg Schwätzen über Grün-Schwarz

Was macht Winfried Kretschmann aus seinem Wahlsieg in Baden-Württemberg? Eine grün-schwarze Koalition könnte sein nächster Coup werden.

Obwohl noch gar nichts klar ist, wollen alle den Anschein von Sicherheit erwecken. "Ich sehe dieses Wählervotum als Mandat zur Regierungsbildung", sagt der Wahlsieger von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), am Sonntagabend.

Die CDU klingt fast genauso optimistisch - obwohl die Partei bei der Landtagswahl deutlich von den Grünen abgehängt worden ist. "Die CDU hat die Absicht, in Baden-Württemberg Verantwortung zu übernehmen. Das Wahlergebnis bietet die Möglichkeit dazu", sagt Spitzenkandidat Guido Wolf.

Regieren wollen beide - Grüne und CDU. Vielleicht sogar zusammen. Es wäre das erste Mal in Deutschland, dass die CDU als Juniorpartner der Grünen in eine Regierung zöge. Mit schwarz-grünen Koalitionen wird auf kommunaler Ebene und in Hessen schon länger experimentiert. Aber umgekehrt, unter einem grünen Ministerpräsidenten? Es wäre eine Sensation.

Es ist kompliziert - und kann Wochen dauern

Rechnerisch sind noch andere Konstellationen denkbar: eine grün geführte Ampel mit SPD und FDP oder ein Dreierbündnis aus CDU, SPD und FDP - die sogenannte Deutschland-Koalition. Mit jeder dieser Kombinationen hätte mindestens ein Partner enorme Bauchschmerzen.

Eine grün geführte Ampel schließt die FDP bislang aus, gegen die "Deutschlandkoalition" sperrt sich die SPD. Bis sich die Regierungsfrage im Elf-Millionen-Einwohner-Land entscheidet, können Wochen vergehen.

"Wir müssen das um jeden Preis verhindern", sagt ein CDU-Mitglied in der Wahlnacht zur Option Grün-Schwarz. Zu groß ist die Angst, als kleiner Koalitionspartner von der "Kultfigur Kretschmann" zermalmt zu werden. Lieber in der Opposition auf den richtigen Moment für ein CDU-Comeback lauern, dann, wenn Kretschmann eines Tages fort sein sollte.


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Kretschmann wäre wie gemacht für Grün-Schwarz

Tatsächlich waren die Bedingungen für ein grün-schwarzes Bündnis aber noch nie so gut wie jetzt und hier, in Baden-Württemberg. Das liegt vor allem an Kretschmann selbst. Der 67-Jährige wäre von seinem Profil wohl wie kein anderer geeignet, einem solchen Bündnis vorzustehen.

Er selbst bezeichnet seinen Regierungsstil als großzügig, er lässt seinen Ministern Raum, sich zu profilieren. Kretschmann ist ein Mann der Kompromisse, der trotzdem lenken kann. Es ist ihm zuzutrauen, dass die ungewöhnliche Koalition unter seiner Führung nicht gleich beim ersten Streit platzen würde.

Kretschmann pflegt viele Kontakte in Unionskreise, mit Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) verbindet ihn eine "Männerfreundschaft", wie er selbst sagt. So ein Kretschmann, Katholik, Gartenfreund und Hobbyheimwerker, gemeinsam mit der CDU - das würde immerhin nicht jeden Unionsanhänger irritieren.

Doch ein Selbstläufer wird die Option Grün-Schwarz nicht. Die SPD ging als Juniorpartner unter. Eine solche Marginalisierung müsste die Union auch in einem grün-schwarzen Bündnis fürchten. Man müsse jetzt in erster Linie Wähler von der AfD zurückgewinnen, mahnt ein führendes Mitglied des Landesvorstands.

Kretschmann dienen? Auf keinen Fall!

Auf der Wahlparty der CDU im Stuttgarter Schloss wird deutlich: Als Juniorpartner dem Grünen Kretschmann dienen zu müssen, ist für viele Unionsabgeordnete eine üble Vorstellung. Die Fraktion im Landtag ist durch den Grünen-Erfolg noch konservativer geworden, viele Abgeordnete aus den Städten haben ihr Mandat verloren.

Einer der Beteiligten wird sich am Ende bewegen müssen. Viel spricht dafür, dass es doch die CDU sein wird, trotz aller Vorbehalte gegen die grünen Konkurrenten. Denn noch einmal fünf bittere Jahre in der Opposition wird die Partei nur ungern auf sich nehmen: Schon jetzt jagten die Grünen den Schwarzen die Mehrheit der Direktmandate ab, selbst in CDU-Hochburgen wie Sigmaringen oder Villingen-Schwenningen.

Mitregieren sei besser als zuschauen, sagt ein CDU-Abgeordneter. Die CDU müsse sichtbarer werden, den Anhängern im Land einen Grund geben, das nächste Mal wieder Union zu wählen. Ob die Skeptiker oder die Pragmatiker gewinnen, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Zumindest die Bundesgrünen haben ein großes Interesse an Grün-Schwarz. Seit Monaten kleben sie bei Umfragewerten von um die zehn Prozent fest. Eine grün-schwarze Premiere hätte Signalwirkung für die Bundespolitik und würde ein solches Bündnis mit umgekehrten Vorzeichen in Berlin wahrscheinlicher machen.

Man nähme die Öko-Partei als Verhandlungspartner ernster, würde sie als Koalitionspartner auf Augenhöhe betrachten, anstelle eines lästigen Mehrheitenbeschaffers. Parteichef Cem Özdemir ließ seine Sympathien für die neuen Optionen in Baden-Württemberg am Wahlabend vorsorglich durchblicken: von Erfolg könne "man immer lernen".

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