Bettina Gaus

Bahlsens Gebäck-Umbenennung Rassismusfrei dank Shitstörmchen

Bettina Gaus
Eine Kolumne von Bettina Gaus
Früher gab es Kekse namens »Afrika«, jetzt hat Bahlsen sie nach Kritik auf Instagram in »Perpetum« umbenannt. Eine große Geste gegen Rassismus mit profitablem Nebeneffekt.
Bahlsen-Kekse in Londoner Supermarktregal

Bahlsen-Kekse in Londoner Supermarktregal

Foto: Jeff Greenberg / Education Images / Universal Images Group / Getty Images

Soziale Medien verfügen über Macht, über große Macht. Sie können Berge versetzen, und wenn politisches oder unternehmerisches Handeln mit dem Hinweis auf diese Macht begründet wird, dann ist die Bereitschaft der Öffentlichkeit groß, das überzeugend zu finden. Vielleicht ist das in manchen Fällen allzu leichtgläubig.

Vor einigen Tagen hat die Firma Bahlsen bekannt gegeben, einen Keks mit Schokoladenüberzug, der bisher »Afrika« hieß, in »Perpetum« umbenannt zu haben. Die neue Packung soll bei gleichem Preis rund ein Drittel weniger Inhalt enthalten. Das Unternehmen behauptet, mit dem neuen Namen auf eine Rassismusdebatte in sozialen Medien zu reagieren. Auf Instagram schreibt Bahlsen: »Eure Meinungen und die Kritik nehmen wir sehr ernst. Wir distanzieren uns von Rassismus und Diskriminierung in jeder Form.« Das ist lobenswert.

Anlass für den Vorgang ist angeblich eine Instagram-Auseinandersetzung vom Februar 2020. Damals, also vor 16 Monaten, hatten sich in dem Netzwerk einige Leute, die den Produktnamen »Afrika« rassistisch fanden, eine Diskussion mit anderen geliefert, die das nicht so sahen. Insgesamt sollen zum Thema etwa tausend Posts abgesetzt worden sein. Eintausend. Genau lässt sich das nicht mehr feststellen, denn die Ursprungsdebatte ist im Netz nur noch in wenigen Versatzstücken auffindbar.

Und dann? Dann geschah erst mal längere Zeit nichts. Es ist nicht so, dass die antirassistische Bewegung in den letzten eineinhalb Jahren das Waffelgebäck mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht oder gar mit Boykottdrohungen überzogen hätte. Nein, der Keks schien ihr ziemlich egal zu sein. Was ich gut verstehe.

70 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion werden in Westafrika angebaut, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Ich lasse meiner Fantasie mal freien Lauf. Wenn ich ein rechter Troll wäre und mir Beispiele wünschen würde, an denen sich zeigt, wie absurd die »Sprachpolizei« der »links-grün versifften« Bewegung angeblich ist, dann könnte ich auf die Idee kommen, selbst für solche Beispiele zu sorgen. Etwa indem ich »Afrika« auf Instagram zu einem rassistischen Begriff erkläre. Es werden sich schon Leute finden, die mir zustimmen – es gibt nichts, dem nicht irgendjemand zustimmt. Reine Fantasie, wie gesagt. Aber gerade mal eintausend Posts auf Instagram? Das ist kein Shitstorm, allenfalls ein Shitstörmchen. Bemerkenswert, dass Bahlsen so sensibel reagiert.

In anderer Hinsicht zeigt die Süßwarenindustrie bessere Nerven. 70 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion werden in Westafrika angebaut, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. Mehr als 1,5 Millionen Kinder arbeiten in dem Sektor. Das Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene, ein gemeinnütziger Verein, hat erst im März darauf hingewiesen, dass der seit Jahrzehnten inflationsbereinigt immer weiter gesunkene Kakaopreis eine wichtige Ursache der Armut und damit auch der Kinderarbeit ist. »Der Milliardenmarkt Schokolade gibt es her, einige Cent pro Tafel Schokolade mehr in den Kakao zu investieren, als es derzeit der Fall ist«, so Südwind. Das Institut fordert: »Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie sollte endlich wirksame Strategien entwickeln, wie den Bäuerinnen und Bauern mehr Geld zum Überleben zukommt.«

Viele Firmen zeigen sich erfindungsreich, wenn es darum geht, Teuerungen zu verschleiern.

Erst einmal hat Bahlsen allerdings eine Strategie entwickelt, wie das Unternehmen zu mehr Geld kommen kann. Rund ein Drittel weniger Inhalt bei gleichem Preis: Das lohnt sich. Viele Firmen zeigen sich übrigens schon länger erfindungsreich, wenn es darum geht, Teuerungen zu verschleiern. Mehr Luft in der Packung ist ein gängiger Trick – und wer schaut schon jedes Mal auf die Füllmenge bei einem Produkt, das seit Jahren im Einkaufswagen landet und nicht mehr kostet als vor einigen Wochen oder Monaten?

Rechtlich lässt sich gegen derlei Praktiken nur in Ausnahmefällen etwas unternehmen. Verbraucherschutzorganisationen fordern die Politik deshalb seit Jahren zum Handeln auf – bisher vergeblich. Aber sie haben sich dennoch etwas einfallen lassen. So organisiert die Verbraucherzentrale Hamburg alljährlich eine Onlineabstimmung, bei der die »Mogelpackung des Jahres« gekürt wird. Letztes Mal beteiligten sich mehr als 21.000 Leute, »Sieger« wurde das »Frucht Müsli« von Seitenbacher.

Gut für das Image einer Firma sind solche Meldungen nicht. Aber sie lassen sich kaum verhindern, wenn eine versteckte Preiserhöhung durchgesetzt werden soll. Oder? Na ja, man kann natürlich den Namen eines Produktes ändern. Dann ist der Vorwurf der »Mogelpackung« nur noch schwer zu erheben.

Aber solche Überlegungen haben bestimmt keine Rolle gespielt, als Bahlsen entschied, »Afrika« künftig »Perpetum« zu nennen. Was übersetzt so viel wie »immerwährend« heißt. Welche Ironie – manche dürften sich bei dem Vorschlag auf die Schenkel geschlagen haben. Bevor sie wieder ernst wurden und sich dem Kampf gegen Rassismus widmeten. Voller Abscheu und Empörung.

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