Bahn-Seitenwechsel Heftige Kritik an Gewerkschaftsführer Hansen

Kurios, unschön, schamlos: Der geplante Wechsel von Transnet-Chef Hansen zur Bahn ruft heftige Reaktionen hervor. Politiker und Arbeitnehmervertreter werfen dem Gewerkschafter vor, er habe bereits auf seinen neuen Posten hingearbeitet.


Frankfurt am Main - Norbert Hansen findet an seinem Wechsel zur Bahn nichts Anstößiges - doch das sehen Politiker und Arbeitnehmervertreter ganz anders. Der bisherige Transnet-Gewerkschaftsführer muss sich heftige Vorwürfe wegen seines Seitenwechsels anhören: "Das stinkt zum Himmel!", sagte etwa Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann der "Frankfurter Rundschau" und findet, das erkläre, "warum Hansen und seine Gewerkschaft jahrelang so handzahm mit dem Bahn-Vorstand zusammengearbeitet hat". Der Ex-Arbeiterführer habe damit "gewerkschaftliche Interessen verraten", so Hermann.

Zukünftiger Arbeitsdirektor bei der Bahn Norbert Hansen: Seitenwechsler in der Kritik
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Zukünftiger Arbeitsdirektor bei der Bahn Norbert Hansen: Seitenwechsler in der Kritik

Der ehemalige GDL-Chef Manfred Schell sekundierte auf SPIEGEL ONLINE, er finde den Stabswechsel "schon kurios".

Auch SPD-Politiker halten es für denkwürdig, dass Hansen am Donnerstag seinen Posten gekündigt hat, um Arbeitsdirektor bei der Bahn zu werden. "Die ganze Geschichte sieht nach einer unschönen Verquickung von persönlichen und politischen Interessen aus", sagte der Parteilinke Björn Böhning der "Frankfurter Rundschau". Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer nannte das Verhalten Hansens in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" "schamlos".

Selbst in der FDP ist man sauer: Der liberale Verkehrspolitiker Horst Friedrich spricht von der Verquickung von Interessen und Posten. Laut "Frankfurter Rundschau" ist das die "Belohnung für die Haltung, die Herr Hansen bisher gegenüber der Deutschen Bahn eingenommen hat". Der Politiker spielt damit auf die Tatsache an, dass Transnet unter Führung Hansens die einzige Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) war, die den Privatisierungskurs der Deutschen Bahn unterstützt hat.

Und noch etwas stört Friedrich: Es sei "nicht unbedingt normal für die Vorgeschichte eines Arbeitsdirektors", dass Hansen Mitglied jener SPD-Kommission sei, die "die Bedingungen der Bahnreform" formuliert habe. Hansen verbinde ein "weit über das normale Maß hinausgehendes Vertrauensverhältnis" mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.

Der 55-jährige Gewerkschaftschef Norbert Hansen hatte am Donnerstag erklärt, er werde seine politischen Ämter niederlegen. Zugleich habe er erklärt, Arbeitsdirektor der Bahn werden zu wollen. "Ich bin vom Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG und aus Kreisen der Politik gefragt worden, ob ich als Arbeitsdirektor zur Verfügung stehen würde".

Der Posten des Arbeitsdirektors hat den Rang eines Vorstands und soll nach Wunsch der SPD nur mit Zustimmung der Gewerkschaften gewählt werden dürfen.

Die Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI) Deutschland sieht dagegen "kein Anzeichen für Korruption". Es sei durchaus üblich, dass frühere Gewerkschaftsfunktionäre als Arbeitsdirektoren berufen würden, erläuterte TI-Mitarbeiter Jochen Bäumel in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Hansen habe seit langem klargestellt, dass er gegen eine Zerschlagung der Bahn sei und dabei die Position von Bahnchef Hartmut Mehdorn vertrete.

"Ein Problem" sieht der Korruptionsbekämpfer allerdings "für den Fall, dass Hansen bereits während der Tarifverhandlungen vom Angebot der Bahn gewusst haben sollte. Dann wäre er verpflichtet gewesen, seine Kollegen auf die Möglichkeit eines Interessenskonflikts hinzuweisen."

fat/ddp/dpa



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