Barack Obama in Deutschland Trotz alledem!

Barack Obama missioniert im Ruhestand: Vor jungen Europäern in Berlin feiert der ehemalige US-Präsident den Pragmatismus als Mittel des Wandels. Und dann gibt es noch einen Tipp an den Nachfolger - sowie die Ghettofaust.
Barack Obama vor jungen Europäern in Berlin

Barack Obama vor jungen Europäern in Berlin

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Barack Obamas Deutschlandtournee endet im Sozialismus. Der frühere US-Präsident ist seit Tagen in Deutschland unterwegs, hat sich - was man eben so macht als Ehemaliger - in einer Kölner Mehrzweckhalle vor kräftig zahlendem Publikum von einem Motivationstrainer interviewen lassen, hat sich mit Angela Merkel im Kanzleramt getroffen und steht nun, am Samstag, im Bankettsaal des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes in Berlin.

Draußen im Foyer mit der großen Treppe leuchtet noch das drei Stockwerke umgreifende Glasbild mit Szenen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, geziert vom Spruch: "Trotz alledem!". Erich Honecker und Egon Krenz residierten einst hier, nun hat eine private Management-Hochschule in dem Gebäude Quartier bezogen.

In deren Räumlichkeiten spricht Obama also vor rund 300 jungen Leuten aus ganz Europa. Es ist natürlich ein sehr geneigtes Publikum. Die sogenannten "young leaders" sind auf Einladung von Obamas Stiftung zu einer "Town Hall" nach Berlin gekommen, zur Diskussion mit Obama. In Köln war er wohl zum Geldverdienen, in Berlin sucht Obama nach den neuen Obamas.

Brexit, Trump, Putin - die Welt zum Besseren verändern?

Denn seine Ziele, sagt er, seien weiterhin der Klimaschutz, mehr Toleranz in der Gesellschaft, die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie der Kampf gegen die wachsende Ungleichheit. Wie aber mache seine Arbeit nach der Zeit im Weißen Haus den größten Effekt? Indem er junge Menschen unterstütze und zusammenbringe. Ihn und seine Frau Michelle gebe es eben nur einmal, deshalb gelte es, erst Tausende, dann Hunderttausende, dann Millionen neuer Aktivisten zu gewinnen.

Der Sound ist Obama pur. Menschen zusammenbringen, um die Welt zu verändern.

Das wollte Obama schon als Sozialarbeiter im Chicago der achtziger Jahre. Nur: So leicht verändert sich die Welt nicht zum Besseren. In den letzten Jahren schlug das Pendel kräftig in die andere Richtung aus: Brexit, Trump, Putin.

So ist aus dem erstmal visionär und dann pragmatischen Kandidaten Obama, der im Jahr 2008 hoffnungssprühend vor 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule sprach, gut zehn Jahre später ein erstmal pragmatischer und dann visionärer Ex-Präsident geworden.

Ein junger Nordire fragt Obama, wie man in diesen polarisierten Zeiten denn noch "den Wert des Kompromisses und die Schönheit des Konsenses" zeigen könne?

Es gebe keine "perfekte Formel", sagt Obama, aber man müsse sich damit abfinden, dass man nie 100 Prozent bekomme. Man könne das mitnehmen, was möglich sei - "und später darauf aufbauen". Gesellschaftlicher Wandel "geht nicht schnell", vollziehe sich stets in Schritten. Radikale Veränderungen hingegen zeitigten keine guten Ergebnisse, das zeige die Geschichte.

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Obama bei Merkel: Eine politische Freundschaft

Foto: FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX

Er selbst habe etwa das Pariser Klimaabkommen vorangetrieben, wohl wissend, dass es noch nicht ausreiche. Dass nun ausgerechnet die USA aus diesem Abkommen ausgetreten seien, "das ist eine ganz andere Frage".

Immer wieder kommt Obama auf sein Kompromissmotiv zurück.

Als ein Schwede mit somalischen Wurzeln von seiner Arbeit als "Brückenbauer zwischen alteingesessenen und neuen Schweden" berichtet, warnt Obama entschieden vor Extrempositionen. Es gebe in jeder Gesellschaft den Trend, die Menschen in Gruppen aufzuteilen, in "wir" und "die", sagt Obama: "Wir alle tragen diese Verzerrung in uns".

Das müsse man bedenken und dann den Weg zu einem "humanen, geordneten, bedachten Immigrationsprozess finden". Einerseits müssten dafür die Ängste der Alteingessenen ernst genommen und abgebaut werden; andererseits sollten die Neuen die Regeln der aufnehmenden Gesellschaft adaptieren.

Wenn aber den Alteingesessenen von der rechten Seite nur Angst gemacht werde und sie gleichzeitig wegen ihrer Bedenken von der linken Seite als Rassisten abgestempelt würden, dann "werden diese Leute keine Möglichkeit haben, ihr besseres Selbst zu finden", so Obama.

Es ist auch die Spaltung der westlichen Gesellschaft, gegen die der Ex-Präsident hier anredet. Trotz aller Widrigkeiten und Rückschritte, gibt es für ihn diesen pragmatischen Weg nach vorn. Dies ist seine Botschaft. Trotz alledem.

Sein als privat deklarierter Besuch bei der Kanzlerin am Vortag setzte ebenfalls dieses Zeichen: Hier treffen sich zwei Pragmatiker, die den Erfolg eher im Kompromiss, statt im lautem Getöse suchen. Obama sieht Merkel als seine eigentliche Nachfolgerin auf der Weltbühne und sucht bei jeder sich bietenden Gelegenheit den direkten Kontakt.

"Fist Bump" von Bayerns Grünen-Fraktionschefin Schulze mit Obama

"Fist Bump" von Bayerns Grünen-Fraktionschefin Schulze mit Obama

Foto: Jörg Carstensen/DPA

Für Merkel ist die Sache ein bisschen schwieriger, sie ist noch aktive Politikerin. In Folge des Treffens mit Obama entspann sich unter Berliner Politauguren dann auch sogleich die sehr deutsche Debatte, ob es dem nationalen Interesse des Landes schade, wenn sich die Kanzlerin mit einem von Trump Verfemten treffe. Merkels Regierungssprecher jedenfalls sagte auf die Frage, ob das Treffen ein Zeichen an Trump gewesen sei: "Diesem Eindruck würde ich entschieden widersprechen."

Doch natürlich war es das: ein Zeichen der Souveränität.

Obama erwähnt Trump mit keinem Wort, setzt nur einige Spitzen. Als er gefragt wird, wie man sich vom politischen Stress entspannen könne, da sagt er: "Es gibt einige Politiker, denen täte ein bisschen Meditation ganz gut. Um den inneren Frieden zu finden."

Er grinst, der Saal lacht. Jeder weiß, wer gemeint ist.

Schließlich kommt als eine der Teilnehmerinnen die bayerische Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze zu Wort. Sie habe einst in seiner Wahlkampagne in Michigan mitgearbeitet, sagt sie. Obama ist überrascht, begrüßt Schulze sodann per "Fist Bump", der sogenannten Ghettofaust.

Schulze will noch wissen, wie mit dem zunehmenden Hass umzugehen sei. Und Obama sagt, man müsse gerade im Netz "Projekte von Freundlichkeit und Wahrheit" schaffen, "und das müssen wir dann ausbauen und attraktiv machen für die Leute". Schritt für Schritt.

Klingt arg visionär. Und doch auch pragmatisch.