Obama und Merkel in Berlin Die Verteidiger der freien Welt

Beim Auftritt des scheidenden US-Präsidenten Obama mit Kanzlerin Merkel geht es fast nur um seinen Nachfolger Trump. Die Sorge um den Kurs Amerikas kann der Amtsinhaber nur schwer verdecken.

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Am Donnerstag hat man Aufnahmen von Hillary Clinton sehen können, ihr erster öffentlicher Auftritt nach der Wahlniederlage: Eine Frau, die innerhalb einer Woche um viele Jahre gealtert scheint. Die Niederlage gegen den Republikaner Donald Trump hat sie tief getroffen.

Der Mann, der am späten Nachmittag im Kanzleramt gemeinsam mit Angela Merkel auftritt, stand nicht zur Wahl. Nach acht Jahren muss Barack Obama das Weiße Haus räumen, so will es die US-Verfassung. Aber seine Politik ist mit dem Wahlsieg Trumps mindestens so abgeschmettert worden wie die Kandidatin Clinton, beide sind Politiker der demokratischen Partei. Die Amerikaner haben sich für einen Mann im Weißen Haus entscheiden, der das Gegenteil von Obamas Weltoffenheit und seinem Fortschrittsglauben repräsentiert.

Acht Jahre progressive Politik - wofür?

Obama ist noch zwei Monate im Amt, er hat gar nicht die Zeit, diese Frage an sich heranzulassen. Gerade ist er auf Abschieds-Tournee durch Europa, am Mittwoch sprach Obama in Athen, nun ist er bis Freitag in Berlin, dann geht es weiter zum Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft im peruanischen Lima. Business as usual in gewisser Weise.

Fast hat man das Gefühl, je länger man Obama an diesem trüben Novembertag neben der Kanzlerin beobachtet und je ausdauernder er spricht, dass er gegen diese bittere Erkenntnis ankämpft. Über eine Stunde wird die Pressekonferenz am Ende dauern, ungewöhnlich lange - und das liegt vor allem an dem Gast aus Washington DC. Denn eigentlich geht es die ganze Zeit um Trump und die Folgen. Obama redet und redet, von den Werten, für die Amerika stehe, vor allem dem Wert der Demokratie selbst. Als wolle er beschwören, dass es mit Trump am Ende doch glimpflich ausgehen werde.

Woher er die Hoffnung nehme, wird Obama irgendwann gefragt? "Ich bin Optimist", antwortet er und lächelt. Aber das Lächeln wirkt müde.

Obamas letzter Berlin-Besuch als Amtsinhaber, das war als entspannter Abschied geplant. Clinton, seine frühere Außenministerin, hätte Obamas Politik mehr oder weniger fortgesetzt - er wäre als scheidender Präsident zu Merkel gekommen, dessen Vermächtnis fortwirkt. Man hätte sich gegenseitig größter Hochachtung gerühmt und launige Worte verloren. Doch nun ist Trump gewählt.

Im Video: Die wichtigsten Ausschnitte aus der gemeinsamen Pressekonferenz

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Merkel und Obama stehen im Kanzleramt nebeneinander wie die beiden letzten Verteidiger der freien Welt. Mit dem Unterschied, dass der US-Präsident schon in zwei Monaten Geschichte ist. Die Kanzlerin amtiert immerhin noch ein knappes Jahr - und sollte die CDU-Chefin erneut als Unions-Kanzlerkandidatin antreten, wovon auszugehen ist, wären ihre Wiederwahlchancen gut. Der US-Präsident lobt seine Gastgeberin, wie er es schon vor dem Berlin-Besuch mehrfach getan hat: Sie sei herausragend, verlässlich, berechenbar - "eine wunderbare Freundin", sagt Obama. Auch im Interview mit der ARD und dem SPIEGEL preist er Merkel. Aber es klingt ein bisschen so, als rede er die deutsche Kanzlerin stärker, als sie ist.

Ob Merkel das nicht als übermäßigen Druck empfinde mit Blick auf all die weltweiten Krisen, vor allem in Syrien und in der Ukraine, will eine Journalistin von der Kanzlerin wissen. Sie könne sich schon ganz gut einschätzen, antwortet sie sinngemäß.

Die beiden haben eine ganze Weile gebraucht, bis sie miteinander warm wurden: Merkel konnte mit dem anfänglichen Obama-Hype wenig anfangen, der US-Präsident die Kanzlerin zunächst schwer einschätzen. Aber sie fanden zueinander, wurden zu Vertrauten, sofern das bei den mitunter sehr unterschiedlichen nationalen Interessen möglich war: So offenbarten sich in der Abhör-Affäre deutliche Differenzen. Die oft betonten engen transatlantischen Bande haben mitunter ziemlich durchgescheuerte Riemen: Eine aktuelle Allensbach-Untersuchung zeigt, dass nicht einmal jeder Fünfte hierzulande Amerika noch als den besten Freund Deutschlands sieht.

Was Obama und Merkel allerdings immer einte, war hohe politische Rationalität und der gemeinsame Wertekanon.

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US-Präsident in Berlin: Obamas Merkel-Momente

Und nun kommt also Trump, der die Wahl als rassistischer und sexistischer Präsidentschaftskandidat gewonnen hat - und zudem wenig Interesse an verantwortlicher Außenpolitik signalisiert hat.

Was ihn außer seines Optimismus positiv stimme, sei die mit dem Amt verbundene Verantwortung sowie die von Menschen in den USA und rund um die Welt gestellten Anforderungen, die "zur Konzentration zwingen und Ernsthaftigkeit verlangen", sagt Obama. "Wenn man nicht seriös ist in diesem Job, dann hat man ihn vermutlich nicht lange."

Merkel ist schon im zwölften Jahr ihrer Kanzlerschaft. Und sie hat dabei gelernt, dass man sich seine politischen Partner nicht aussuchen kann. Siehe Trump. "Natürlich werde ich auch alles daran setzen, mit dem neu gewählten Präsidenten dann gut zusammenzuarbeiten", sagt Merkel.

Und dann wird selbst die kühle Kanzlerin doch noch ein bisschen emotional mit Blick auf den Mann neben ihr. "Wenn man mit jemandem gut zusammengearbeitet hat, dann fällt der Abschied auch schwer." Obama lächelt wieder. Aber der Abschied fällt auch deshalb so schwer, weil er ganz anders gedacht war.

Merkel und Obama - Chronologie einer Partnerschaft


April 2009: Obama kommt erstmals als Präsident. Im Rahmen eines Nato-Gipfels besucht er Baden-Baden und die badische Grenzstadt Kehl.

Juni 2009: In Dresden beten Merkel und Obama in der Frauenkirche. Nach einem Rundgang im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald erinnern beide an die Gräuel des Nationalsozialismus.

Juni 2013: Ein gutes halbes Jahr nach seiner Wiederwahl kommt Obama nach Berlin. Jetzt darf er seine Rede auch vor dem Brandenburger Tor halten.

Juni 2015: Obama kommt zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern. Klimaschutz und der Ukraine-Konflikt stehen im Fokus.

April 2016: Obama eröffnet gemeinsam mit Merkel die Hannover Messe, deren Partnerland diesmal die USA sind.

November 2016: Obama unternimmt eine letzte Europareise als Präsident und sagt Merkel in Berlin „Goodbye“.



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