Obama und Merkel in Hannover Eine Art Liebeserklärung

Es dürfte der letzte Besuch des scheidenden US-Präsidenten in Deutschland sein - und Barack Obama zeigt Angela Merkel seine besondere Zuneigung. Die beiden wollen zusammen noch einiges erreichen.

Angela Merkel und Barack Obama in Hannover
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Angela Merkel und Barack Obama in Hannover

Aus Hannover berichtet


Er kann es gar nicht oft genug sagen, was für eine tolle Politikerin die deutsche Bundeskanzlerin sei. Barack Obama nennt sie inzwischen nur noch beim Vornamen. Diese "Angela" ist aus Sicht des US-Präsidenten: vertrauenswürdig, ausdauernd, erfahren. Und in der Flüchtlingskrise stehe sie " auf der richtigen Seite der Geschichte ".

Geht es noch größer? Mit der Kanzlerin habe er auf internationaler Ebene "die wichtigste Freundschaft" seiner Amtszeit, sagt Obama.

Merkel ist irgendwann anzusehen, dass es ihr ein bisschen unangenehm ist, wie sie da vom mächtigsten Mann der Welt gelobpreist wird. Aber einen hat Obama noch: Außerdem, sagt der US-Präsident, "hat sie einen sehr guten Humor, den sie bei solchen Pressekonferenzen nicht immer so zeigt."

Großes Gelächter im Saal, grinsender Obama, verschämt lächelnde Merkel.

Die beiden sind weit gekommen, wie sie an diesem Sonntagnachmittag in Schloss Herrenhausen an ihren Pulten stehen. Obama, noch schmaler als früher, die Haare inzwischen so grau wie sein Anzug; die Kanzlerin in einem gewohnt farbenfrohen Blazer, heute leuchtend gelb. Der Trip am Vortag in die Türkei dürfte selbst sie Kraft gekostet haben, einige Male verhaspelt sich die Kanzlerin bei ihrem Auftritt mit Obama.

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Obama in Hannover: Bussi für die Kanzlerin

Merkel und Obama - das war lange keine einfache Beziehung: Vorgänger George W. Bush hatte die Kanzlerin bewundert, der neue Mann im Weißen Haus zeigte erst mal Distanz. Andersherum blieb Merkel gegenüber dem messianisch überhöhten Obama ihrer gesunden Skepsis treu. Außerdem schaute Obama zunächst lieber nach Asien, Deutschland war ihm eher fremd.

Für eine Freundschaftsbilanz "zu beschäftigt"

Aber wie das so ist: Über die Jahre hat man sich doch schätzen gelernt, das gegenseitige Vertrauen wuchs. Auf die Frage, wie sie das Verhältnis bilanziere, will sich Merkel zwar in gewohnter Nüchternheit nicht einlassen: Dafür sei sie "zu beschäftigt". Aber natürlich wird die Kanzlerin ihn vermissen. Allein, weil sie Obama einschätzen konnte. Es gibt kaum etwas Wichtigeres für Merkel im politischen Umgang.

Aber es gibt ja auch noch eine Gegenwart. Und in der fühlt sich der Hannover-Besuch für Obama gut an. Nach den Tagen in Großbritannien kann er sich in Deutschland als grundsätzlich willkommen betrachten. Obama hatte sich auf der Insel offen gegen die Brexit -Befürworter gestellt - dafür haben sie ihn als Heuchler beschimpft, unter anderem der Londoner Bürgermeister und David-Cameron-Widerpart Boris Johnson ging ihn derart unflätig an.

In Hannover dagegen erscheint die Obama-Manie beinahe so irre wie früher: Der Flughafen hat für den US-Präsidenten und seinen Tross eine Start- und Landebahn für eine ganze Woche reserviert, die Vorstandschefs der größten deutschen Unternehmen baggern seit Wochen um ein gemeinsames Foto mit Obama beim Messe -Rundgang am Montagmorgen. Und selbst unter den deutschen Spitzenpolitikern, die am Abend zu dem Dinner mit Obama auf Schloss Herrenhausen geladen sind, soll mancher von einem Selfie mit dem scheidenden Präsidenten träumen.

Sogar unter den 35.000 Demonstranten, die am Samstag in Hannover gegen das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP protestierten, dürfte Obama Fans haben. Noch immer ist er selbst für manche Deutsche, die an den USA und ihrer Politik einiges auszusetzen haben, der gute Amerikaner.

Wer profitiert von TTIP - Europa oder die USA?

Ist er das wirklich? Obama hat sich im Amt als knallharter Wahrer US-amerikanischer Interessen gezeigt, was Merkel höchstpersönlich erleben musste, als im Zuge der NSA -Affäre bekannt wurde, dass auch ihr Handy abgehört wurde. Viel mehr als ein Schulterzucken hat das bei Obama nicht ausgelöst. Was die Realistin Merkel freilich nicht verwunderte, die deutsche Öffentlichkeit aber sehr wohl.

Und so stellt sich auch beim Thema TTIP die Frage, ob das Abkommen vielleicht vor allem aus Sicht Washingtons erstrebenswert ist. Merkel sieht das anders, sie hält das Abkommen für beide Seiten für richtig und wichtig. Das wird auch bei der gemeinsamen Pressekonferenz deutlich, genau wie bei der anschließenden Eröffnungsshow zur Hannover-Messe: Obama und Merkel werben für TTIP - und drücken aufs Tempo. Er erwarte, dass das Abkommen bis Jahresende ausgehandelt sein werde, sagt Obama. Und Merkel: "Ich finde, wir sollten den unsrigen Teil dazu beitragen."

TTIP dürfte in Hannover also im Mittelpunkt stehen, aber es gibt ja noch genügend andere Themen, die Obama und Merkel gemeinsam angehen wollen: eine Friedensperspektive für Syrien genau wie in der Ost- Ukraine , die Weiterentwicklung der Nato , weitere Schritte im Kampf gegen den Klimawandel . Darum wird es auch beim kurzfristig einberufenen Fünfergipfel mit Frankreichs Präsident François Hollande , Italiens Regierungschef Matteo Renzi und Englands Premier Cameron am Montagnachmittag in Hannover gehen.

"Die Zukunft mit dem Präsidenten ist wichtiger als die Vergangenheit", sagt Merkel. Aber neun Monate sind schnell vorbei - und dann ist Obama nicht mehr Präsident. "Ich werde die Kanzlerin dann weiter als Privatperson bewundern", sagt er. "Und ich bin froh, dass sie weiter dabei ist."

Video: "Sie ist auf der richtigen Seite der Geschichte"

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
säkularist 24.04.2016
1.
Ja, ich würde mich auch positiv über jemanden äußern, der freiwillig alle Lasten trägt, die ich selbst nicht tragen will. Repektieren würde ich diese Person aber wohl eher nicht.
Bumblies 24.04.2016
2. tja
irgendwie mag ich den Obama.
INGXXL 24.04.2016
3. Na ja
a Obama ist in 9 Monaten Geschichte, Merkel bleibt wahrscheinlich noch für 5 Jahre
bloedelsachse 24.04.2016
4. Obama liebt Merkel
Aber warum? Er preist ihr Verhalten gegenüber "Flüchtlingen". Die USA sind da wesentlich zurückhaltender. Könnte es sein, Obama findet eine Belastung/ Schwächung Deutschlands ganz gut? Und TTIP: Merkel will das ihrige tun. Man weiß nicht viel über TTIP, selbst Bundestagsabgeordnete bekommen nur strikt limitiert Einblick. Das läßt ahnen, TTIP ist wohl eher ein "faules Ei" für Deutschland. So?? liebt Obama Angela Merkel wegen ihrer Folgsamkeit? Für mich sieht es so aus.
cave68 24.04.2016
5.
hatte ich auch so im Sinn,dass sich Obama und Merkel gar nicht so grün sind...und nun wird plötzlich Süssholz geraspelt und sich manipulativ eingeschmiert. Na warum wohl? TTIP machts möglich...
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