Bayerische Schulpolitik Mutter wanderte wegen Stoiber aus

Bernadette Bisle-Steinborn, 50, ist von Bayern nach Österreich umgezogen. Sie hatte erfolglos dafür gekämpft, dass ihre behinderte Tochter Miriam, 9, mit nicht behinderten Kindern auf eine Schule gehen darf. Daraufhin soll Ministerpräsident Edmund Stoiber die Mutter aufgefordert haben, doch einfach auszuwandern - was sie jetzt tat.

München – Auf einer Wahlveranstaltung in Augsburg habe Stoiber zu Bisle-Steinborn gesagt: "Dann wandern sie halt aus", als diese ihr Anliegen vorbrachte. Die Mutter fühlte sich daraufhin angeblich gedemütigt. Denn seit Jahren kämpft sie dafür, dass ihre Tochter in eine normale Schule integriert wird und nicht auf eine Sonderschule muss, wie es in anderen Bundesländern möglich ist. In Bayern ist dies nur ausnahmsweise erlaubt.

Bisle-Steinborn habe nach der Wahlveranstaltung einen Brief an Stoiber geschrieben: "Ihre Antwort: 'Dann wandern sie doch dahin aus!' hat mich als Mutter eines Kindes mit Pflegestufe III tief getroffen." Stoiber antwortete, in Augsburg müsse es zu seinem Bedauern ein "Missverständnis" gegeben haben. "Seien Sie sich sicher, dass alles andere als das meine Absicht war", heißt es im Schreiben des Ministerpräsidenten weiter.

Bernadette Bisle-Steinborn zog daraufhin aus Diedorf bei Augsburg mit ihrer Tochter ins österreichische Villach um. Dort beginnt am 4. November für das behinderte Mädchen der Unterricht mit nicht-behinderten Mitschülern. "In Bayern gab es für meine Tochter Miriam keine Zukunft mehr", berichtete Bisle-Steinborn der Münchner "Abendzeitung". Zwar habe es später noch Treffen mit Stoiber und dem CSU-Politiker Alois Glück gegeben, aber ohne Erfolg. "In Österreich wird sie durch die Anregung durch die anderen Kinder viel mehr gefördert werden", sagte die Mutter. In der dortigen Schule wird Miriam mit 19 nicht-behinderten und drei behinderten Kindern in die Klasse gehen. "Zwei Lehrer mit Sonderausbildung werden sich um die Klasse kümmern", erklärt die Mutter.

Miriam kann nicht sprechen

Vater Hartmut, 57, wohnt noch in dem Ort bei Augsburg. Aber auch er meint: "In Sonderschulen werden die Kinder meist unterfordert – sie werden in ihrem Fehlverhalten bestärkt." In der bayerischen Klasse von Miriam wären nur Kinder mit schwerer Behinderung gewesen. "Aber in der Sonderschule wurde sie nur unterhalten und nicht gefördert", sagt er. Das Mädchen leidet am so genannten Rett-Syndrom, kann nicht sprechen.

Das Rett-Syndrom wurde 1966 erstmals von dem Wiener Arzt und Jugendpsychiater Professor Andreas Rett beschrieben. Alle betroffenen Mädchen fielen durch autistische Verhaltensweisen, Sprachverlust, Krampfanfälle, Bewegungsstereotypien in Form typischer waschender und knetender Handbewegungen, Hyperventilation und eine eigentümliche, durch Gleichgewichtsstörungen charakterisierte Gangstörung auf.

Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) sieht den Fall Miriam anders. Familie Bisle-Steinborn habe selbst frei entschieden, ihre Tochter in Österreich zur Schule zu schicken. "Schüler mit geringem sonderpädagogischem Förderbedarf werden selbstverstandlich auch in Bayern auf Wunsch der Eltern an der Volksschule unterrichtet. Darüber hinaus gibt es vielfältige Formen der Kooperation zwischen Volks- und Förderschulen." Es sei nur "leider so, dass die Fachleute bei Miriam einen gemeinsamen Unterricht mit Nicht-Behinderten nicht für sinnvoll" hielten.

In Bayern gäbe es kaum "integrative" Klassen, weil dies den Nachteil habe, dass die sonderpädagogische Förderung der Kinder zu kurz komme. "Der bayerische Weg hingegen verbindet die Vorteile der besonderen Fördermöglichkeiten einer Förderschule mit den Chancen durch gemeinsame Aktivitäten in Unterricht und Schulleben", meint Hohlmeier.

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