Bayern Erste Uno-Lauschstation in Betrieb

Das "Ohr" im Bayernwald ist nun offiziell in Betrieb. Mit einer hochsensiblen Lauschstation wollen die Vereinten Nationen Verstöße gegen den internationalen Teststopp-Vertrag für Atomwaffen registrieren.


Haidmühle - Nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist die Anlage die weltweit erste Infraschall-Kontrollstation, die von der für den Atomteststopp-Vertrag zuständigen Uno-Organisation in Wien anerkannt wurde.

Bereits seit einem Jahr laufen die fünf Schallsensoren im Testbetrieb. "Wir haben Signale aufzeichnen können, wenn Concorde-Maschinen bei Flügen von New York nach Europa über Irland in den Unterschallbereich wechselten", erklärt Manfred Henger von der Bundesanstalt die Möglichkeiten der Lauschstation. Auch von der verheerenden Explosion einer Feuerwerksfabrik im niederländischen Enschede, bei der im Mai 21 Menschen starben, seien Signale aufgezeichnet worden.

Von Ostbayern aus sollen ab sofort in einem Umkreis von 3000 Kilometern Geräusche geortet werden, die auf Nuklearversuche hindeuten. Die Sensoren der Anlage reagieren extrem empfindlich auf niedrige Frequenzbereiche. "Wir orten tiefe Töne, die vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrgenommen werden können", sagt Henger. Solche Bassfrequenzen würden besonders weit übertragen. Technisch handelt es sich bei den fünf Sensoren, die im Abstand von zweieinhalb bis drei Kilometern zueinander stehen, um Luftdruck- Messgeräte. Schall breitet sich als Druckwelle aus und kann so auch erfasst werden.

Die Uno will ein weltweites Netz solcher Überwachungsstationen aufbauen. Schallsensoren, wie sie im Bayerischen Wald eingesetzt werden, sollen dabei oberirdisch Beweise sammeln. Ergänzt wird das Überwachungsnetz durch Boden-Messgeräte, die minimale Erschütterungen erfassen. Solche seismischen Anlagen werden auch bei der Erforschung von Erdbeben eingesetzt. Daneben sollen Unterwasser-Akustiksensoren in den Weltmeeren eventuelle Atomtests in den Ozeanen feststellen.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften hat den Bayerischen Wald als Standort ausgesucht, weil bei Haidmühle bereits eine seismische Station mit 25 Messstellen vorhanden war. "Dabei handelt es sich um die sensibelste Anlage dieser Art in Mitteleuropa", sagt Henger. Die neue Infraschall-Anlage, die Henger als "das Ohr für Deutschland" bezeichnet, könne das vorhandene Datenzentrum nutzen. Von dort würden die Ergebnisse via Satellit zur Bundesanstalt nach Hannover und zur Uno-Behörde nach Wien übermittelt.

Die Lauschstation hat rund eine Million Mark gekostet. Diese Kosten belasten den Bundeshaushalt nicht zusätzlich, da Deutschland entsprechend weniger Beiträge an die Uno zu zahlen braucht. Außer zu Abrüstungszwecken soll die Anlage auch wissenschaftliche Daten liefern.

Von Ulf Vogler, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.