Fotostrecke

Landtagswahl in Bayern: Udes schwerster Kampf

Foto: ? Michael Dalder / Reuters/ REUTERS

Seehofer-Herausforderer Ude Punktabzug in der Provinz

Christian Ude hätte das Zeug zum bayerischen Ministerpräsidenten, doch die anfängliche Dynamik seiner Kandidatur ist längst verflogen. Seine SPD ist schwach, die Mehrheit der Wähler will keinen politischen Wechsel - und manchmal steht sich Ude selbst im Weg.

Man kennt ihn vor allem als den pointensicheren Unterhalter, aber in diesen Tagen wirkt Christian Ude manchmal wie ein hölzerner Technokrat. Am irritierendsten muss das für den 65-Jährigen selbst sein, schließlich hat er sich in all den Jahren als Münchner Oberbürgermeister den Ruf eines brillanten Rhetorikers erworben. "Ude hält nie eine schlechte Rede. Ude ist nie witzlos. Ude lässt es nie an Esprit fehlen ", schrieb das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" vor ein paar Jahren über den SPD-Politiker. Als Redner sei er ein "Glücksfall".

Man kann den Mann mit dem grauen Schnauzbart auch jetzt im bayerischen Landtagswahlkampf so erleben. Wie beim Kulturfest seiner SPD Anfang September in München. Es sind nur ein paar Minuten, die der Herausforderer von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) dort auf der Bühne steht, aber sie reichen für ein kleines Feuerwerk der Selbstironie. Es geht um die Frage von Turbo-Gymnasien und schneller Ausbildung, als Ude sagt: "Ich habe nicht nur lange Jura studiert, ich habe herausragend lange Jura studiert." Gelächter im Saal.

Aber es gibt auch den anderen Ude - so wie etwa bei seiner Rede ein paar Stunden zuvor auf dem Volksfest Gillamoos im niederbayerischen Abensberg. Kein zündender Witz, nicht mal ein einfacher Kalauer geht ihm da im Bierzelt über die Lippen. Stattdessen arbeitet er sich mühsam an der Politik der CSU ab.

Kampf gegen das Image des großkopferten Großstädters

Für manche Kritiker des SPD-Politikers sind solche Auftritte wie beim Gillamoos ein Beleg für ihren Befund, Ude fremdele mit der Provinz und laufe nur in seinem urbanen Milieu zu gewohnter Form auf. Ein Vorwurf, den Ude natürlich zurückweist. Und dennoch ist in den letzten Wochen immer wieder zu sehen, wie sich der Freund des Kabaretts auf dem Land schwertut mit seiner Leichtigkeit, die ihn zum beliebtesten Politiker Bayerns gemacht hat. "Kühe sind mir mittlerweile ans Herz gewachsen", betont er etwa beim Besuch eines Bio-Bauern in Miesbach, um das Image des großkopferten Großstädters loszuwerden. Das wirkt unfreiwillig komisch und damit so, als wolle er seinem Nockherberg-Double Uli Bauer ein paar Vorlagen liefern.

Als der Jurist vor mehr als zwei Jahren seine Kandidatur ankündigte, war die CSU nervös. In Umfragen lag Ude, der im kommenden Jahr aus Altersgründen nicht mehr bei der OB-Wahl antreten darf, damals sogar zwischenzeitlich vor Seehofer. "Das ist ja Wahnsinn", sagte der Herausforderer damals. Inzwischen können die Christsozialen auf die Rückkehr zur absoluten Mehrheit hoffen. Die Genossen liegen in Umfragen 28 Punkte hinter der CSU, der anfängliche Ude-Effekt ist längst verpufft.

Gute Bilanz als Münchner Oberbürgermeister

An seiner Bilanz als Münchner Stadtoberhaupt kann der große Rückstand der SPD auf die CSU kaum liegen. München floriert, den stadteigenen Unternehmen wie der Messe und der Sparkasse geht es gut, der Flughafen rechnet trotz der Krise der Luftfahrtbranche auch in diesem Jahr mit einem Zuwachs der Passagierzahlen. Da kann selbst der CSU-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl im kommenden Jahr kaum meckern: "München steht gut da, unbestritten", sagte Josef Schmid.

Seit 20 Jahren steht Ude an der Spitze der bayerischen Metropole, dreimal wurde er wieder gewählt, beim letzten Mal sogar mit einer Zweidrittelmehrheit - aber in den vergangenen Monaten musste Ude zunehmend feststellen, dass die Mission Staatskanzlei für ihn deutlich härter ist als die früheren Wahlkämpfe. Es sind gleich mehrere Gründe, die Udes Kandidatur zu einer schweren Aufgabe machen:

  • In seinen früheren Wahlkämpfen konnte sich Ude vor allem auf sich selbst verlassen. Der Kandidat war das Programm. Für die Landtagswahl am 15. September reicht das nicht - aber die SPD im Freistaat ist ihm keine große Hilfe. Die Partei ist im Südosten schwach, prominente Parteigesichter gibt es kaum. Die letzte bayerische Genossin, die es als Ministerin nach Berlin schaffte, war Renate Schmidt im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder. In der anschließenden Großen Koalition waren es schon wieder nur die Christsozialen, die Bayern in Berlin erkennbar Gehör verschafften.

  • Es gibt keinen Wechseltrend in Bayern, die guten Wirtschafts- und Beschäftigungsdaten des Bundeslandes drücken sich auch in Beliebtheitswerten für Amtsinhaber Seehofer aus. Könnten die Bayern ihren Ministerpräsidenten direkt wählen, würden sich einer von Sat.1 veröffentlichten Erhebung zufolge 57 Prozent für Seehofer entscheiden, für Ude nur 34 Prozent.

  • Udes Wunschkoalition aus SPD, Grünen und Freien Wählern ist ein fragiles Konstrukt: Die Freien Wähler wollen sich vor der Wahl gar nicht festlegen, ob sie mit dem Ude-Lager koalieren wollen - oder möglicherweise doch mit der CSU, sollte sich die Gelegenheit ergeben.

  • Die CSU hat - je nach Betrachtungsweise - geschickt oder dreist SPD-Forderungen abgekupfert, um den Wahlkampf der Genossen gar nicht erst in Schwung kommen zu lassen. Mehr Frauen in Führungspositionen, Nein zu Studiengebühren, mehr bezahlbaren Wohnraum - das alles gibt es auch bei der CSU.

Ude setzt auf die Unentschlossenen

Die einzige Zahl, an der sich Ude zuletzt berauschen konnte: Mehr als 40 Prozent der Bayern sind unentschlossen, wen sie wählen sollen. Darauf setzt er bis zum 15. September. Dass Ude ein ernstzunehmender Herausforderer Seehofers ist, bewies er zuletzt mit einem souveränen Auftritt beim TV-Duell mit Seehofer.

In den letzten Wahlkampftagen kommt bei Ude noch einmal der Humor zur Geltung. Ude sei "einer der bestaussehenden Politiker weltweit", sagt Ude-Double Bauer in einem SPD-Spot . Schnauzer seien in, fügt eine Frau mit angeklebten, buschigen Haaren über der Oberlippe hinzu. Und Ude? Sagt in dem Video, dass es nach 56 Jahren Dauerherrschaft der CSU nicht übereilt sei, für einen demokratischen Wechsel zu sorgen, und lächelt dazu. Es ist genau die Lockerheit, die ihm zuletzt oft fehlte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.