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13. November 2014, 19:23 Uhr

Unternehmensförderung

Wie Bayern eine Porno-Plattform unterstützte

Von , München

Prüdes Bayern? Von wegen! Der Freistaat bezuschusste mit staatlichen Geldern eine Porno-Plattform im Internet. Im Wirtschaftsministerium ist man über die Entscheidung des verantwortlichen Projektträgers erstaunt.

Der Kunde soll ja wissen, woran er ist: Von einem einfachen und sicheren Verkauf, fairen Marktpreisen und portofreiem Versenden ist auf der Startseite des Online-Ankaufportals "Larotika" die Rede. Wer die Seite ansteuert, will nicht ganz alltägliche Ware loswerden: Es geht um Pornofilme, und dabei um eine bestimmte Sorte: "Wir kaufen grundsätzlich nur Hardcore-Erotikfilme ab 18 (indiziert) auf DVD und Blu-ray an", heißt es auf der Seite.

Die Verkäufer wissen den Service offenbar zu schätzen: "Sehr gute und schnelle Abwicklung", lobte etwa der User "Klaus". Ein anderer mit dem Namen "Sauseschritt" bemängelte, dass es doch "etwas wenig Geld für teilweise hochwertige DVDs" gebe. 98,92 Prozent der Kunden seien zufrieden, so das Bewertungsportal "Shopauskunft" über die Porno-Plattform.

Weniger glücklich ist derzeit die bayerische Staatsregierung über die Angelegenheit - oder besser: das von der stellvertretenden Ministerpräsidentin Ilse Aigner (CSU) geleitete Wirtschaftsministerium. Der Bayerische Rundfunk berichtete an diesem Donnerstag zuerst darüber, dass der Aufbau der Porno-Plattform mit staatlichen Fördergeldern unterstützt worden war.

Im November 2012 hatte die in Bayreuth ansässige Jakob GmbH einen sogenannten Innovationsgutschein von der Bayern Innovativ GmbH erhalten. Auftraggeber: das bayerische Wirtschaftsministerium. Die Höhe der Förderung: 60 Prozent der Entwicklungskosten im IT-Bereich, maximal 18.000 Euro.

Die Innovationsgutscheine sind ein Förderinstrument für kleine Unternehmen oder Handwerksbetriebe, die "eine innovative Idee verwirklichen" wollen. Bei der Bayern Innovativ GmbH, die 1995 von der bayerischen Staatsregierung initiiert worden war, fand man die Idee der "Online-An- und Verkaufsplattform für Privatkunden von Erotikfilmen ab 18" offenbar überzeugend. Man habe zuerst angefragt, ob die Erotikfilme problematisch seien, sagte Jan Jakob, Prokurist bei der Jakob GmbH, SPIEGEL ONLINE. Nach einer mehrwöchigen Prüfung habe man schließlich die Nachricht erhalten, dass die Idee mit einem Innovationsgutschein unterstützt werde.

"Berechtigte Kritik"

Im Wirtschaftsministerium runzelt heute so mancher die Stirn über die damalige Entscheidung der Bayern Innovativ GmbH. Es gebe "berechtigte Kritik" an der Förderung eines Unternehmens, "das Erotikfilme an über 18-Jährige über eine Onlineplattform an- und verkauft", heißt es in einer an diesem Donnerstag verschickten Pressemeldung des Ministeriums. Und weiter: Die Entscheidung über die Förderung sei vor dem Amtsantritt Aigners vom Projektträger "in alleiniger Verantwortung getroffen" worden.

Die verantwortliche Bayern Innovativ GmbH gibt sich heute selbstkritisch: Die Förderung betreffe "eine zwar von vielen genutzte, aber doch umstrittene Branche". Es wäre bei der damaligen Entscheidung "mehr Fingerspitzengefühl" wünschenswert gewesen, erklärte Geschäftsführer Markus Eder, der seinen Posten Anfang 2014 angetreten hatte. Als die Förderung für die Porno-Plattform bewilligt wurde, stand der FDP-Politiker Martin Zeil an der Spitze des Wirtschaftsministeriums. Den konkreten Fall kennt er nach eigenen Angaben nicht. Die Entscheidungen seien allein vom Projektträger getroffen worden. "Auf Einzelentscheidungen haben wir keinen Einfluss genommen", sagte Zeil der "Süddeutschen Zeitung". Es müsse geklärt werden, was man damals für innovativ und förderfähig gehalten habe, forderte Zeil.

Jan Jakob erklärt den angeblich innovativen Ansatz der Porno-Plattform, die Ende vergangenen Jahres an den Start ging, so: In Deutschland gebe es einen strengen Jugendschutz, Hardcore-Pornofilme dürften deshalb etwa nicht bei Ebay oder auf Flohmärkten angeboten werden - man schließe mit der Plattform eine Lücke für Kunden, die mindestens 18 Jahre alt sein müssen. Im Idealfall, so Jakob, würden die Kunden Filme über die Plattform verkaufen und dann mit einem Mausklick auf einer weiteren Seite des Unternehmens landen, wo der Werbung zufolge "über 100.000 heiße Filme" zum Kauf oder Verleih angeboten werden. Die Zahl der Kunden bewege sich im vierstelligen Bereich, sagt Jakob: "Wir sind sehr zufrieden".

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